Es ist amtlich: Bismarck ist Sozialist

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Berliner Gerichtszeitung, 8. Oktober 1881

Der „letzte Ehrgeiz“ des Reichskanzlers.— Es ist ein nur zufälliges und doch höchst charakteristisches Zusammentreffen, daß sich zwei Beurteiler des Fürsten Bismarck, ein konservativer Offiziöser und ein unabhängiger Liberaler, an demselben Tage und in fast gleichen Ausführungen und Worten begegnet sind. Draußen in Tivoli sprach am Dienstag Dr. Lasker und sagte, die neue Wirtschaftsreform kritisirend: Das Beispiel, welches Fürst Bismarck jetzt giebt, zeigt uns wieder die alte Erfahrung neu bestätigt, daß, sowie ein Mann in seiner Macht nicht bloß über sein Volk, sondern über alle Nationen hinausragt, es sein letzter Ehrgeiz ist, daß er rnit höchsteigener Person die Not überwinden will. Alle Cäsaren aber sind an diesem Vorhaben gescheitert; geblieben ist einfach die Unterdrückung der Freiheit und die Entkräsftigung derjenigen, die zur  Selbstständigkeit angelegt waren. Wir wollen dieser Entwickelung nicht mitmachen, sondern wir wollen auf realem und praktischen Boden wirkliche Fortschritte, an eben und nicht einem Luftgebilde nachjagen, das, je näher man ihm komrnt, desto weiter sich entfernt.

Am nämlichen Tage nun erschien unter der Ueberschrift „Fürst Bismarck ein Socialist“ in der „Provinzial-Correspondenz“ ein Artikel, dessen Schlußsatz wörtlich lautet: Nicht socialdemokratisch, aber im guten Sinne socialistisch, auch auf die äußere und innere Hebung der Zustände der ärmeren unserer Mitbürger, besonders des Arbeiterstandes (im weitesten Umfange) gerichtet, ist das Streben des Fürsten Bismarck. Er hat der Socialdemokratie um des Staatswohls willen und im wahren Interesse der Arbeiter selbst schärfer als ein Staatsmann vor ihm entgegentreten müssen, um das Volk vor Verleitung, vor Verwirrung und vor Mißbrauch zu hüten; aber ihm war es zugleich Ernst mit den Verheißungen, welche damals von allen Seiten gemacht wurden, daß man auf anderem als socialdemokratischen Wege dem Volke positiv helfen wolle. Er hat von jeher für die Bedürfnisse der Aermsten der Bevölkerung einen offenen Sinn und ein Herz gehabt; er will seine an Ruhm und an Ehren so reiche Laufbahn nicht vollenden, ohne das gewonnene Ansehn auch für jene Klasse seiner Mitbürger verwertet zu haben. Das ist der letzte Ehrgeiz seines Lebens.

— Beide Kritiker anerkennen den ebenso ehrlichen als festen Willen des Reichskanzlers, der Not des Volkes abzuhelfen, sie weichen in ihren Urteilen nur insofern von einander ab, als der erstere das Ziel des „letzten“ Ehrgeizes für unerreichbar, er andere es für erreichbar hält.

Weder dem Abg. Laster noch sonst „einem verständigen  Menschen“ ist es jemals eingefallen, — wie die „Prov.-Corresp.“ behauptet, — den Fürsten Bismarck für einen Socialdemokraten zu halten. Lasker sagt sogar ganz ausdrücklich: „Kein Mensch, der den Fürsten seiner großen Thaten wegen verehrt, wird daran zweifeln, daß die Absichten des Kanzlers die besten und redlichsten von der Welt sind; aber Fürst Bismarck giebt dadurch ein böses Beispiel , daß ihm die Mittel, die zu seinem Ziel führen, gleichgiltig sind“. — Und nicht allein Lasker und alle Liberalen, nein auch Konservative wie z. B. Herr v. Rauchhaupt, auch ehemalige Minister — Delbrück, Camphausen, Hobrecht, Friedenthal, — auch Centrurnsmänner, wie kürzlich Dr. Lieber bekundet, ja sogar schutzzöllnerisch Handelskammern halten die Mittel, deren sich der Reichskanzler bedient, für unrichtig gewählt.

Die „Prov.-Corresp.“ sagt zwar über diese Mittel: „Die Wirtschaftspolitik hat einerseits einen neuen Zolltarif geschaffen, welcher die heimische Industrie gegen die fremde mehr als bisher schützen soll, — sie will andererseits den Arbeiter gegen die Folgen von allerlei Unfällen und Gefährdungen sicherstellen, vielleicht eine allgemeine Altersversorgung ins Leben rufen, die Armen- und Schullasten der einzelnen und der Gemeinden erleichtern und dazu den Mehrbetrag der Zölle und mancher indirekten Steuern verwenden, als deren „Ideal“ Fürst Bismarck oftmals das Tabaksmonopol (d. h. den Staat als einzigen Tabaksfabrikanten) bezeictknet hat. — Aber die „Prov.-Corresp.“ giebt selbst zu: „Man kann über die Zuverlässigkeit und Heilsamkeit dieser Reformen verschiedener Ansicht sein. Man kann, — bemerken  wir, — ja man muß es sein, wenn  man sieht, wie das, was den „Enterbten“ vor 4 Wochen fest versprochen war, heut durch das Wörtlein „vielleicht“ in unabsehbare Ferne gerückt ist.

Die Konservativen sagen: Fürst Bismarck will und darf nicht von hinnen gehen, ohne zu den bisherigen Ruhmestiteln auch noch den eines socialen Retters der Gesellschaft gefügt zu haben. — Die Liberalen aber sagen: Was der Ehrgeiz des Fürsten auf politischem Felde erstrebt hat, das hat er durchgesetzt. Sein Ehrgeiz war es, als er ans Ruder gelangte, die Schmach von Olmütz zu tilgen und Preußens Macht zu erhöhen. Er hat durch Sadowa die Schmach getilgt und Preußens König über den Herrscher Oesterreichs erhoben. Durch Abschluß der Schutz- und Trutzbündnisse und Stiftung des Norddeutschen Bundes hat den Grund gelegt zum neuen Deutsche Reiche. —  Sein Ehrgeiz war es, die gesamte Diplomatie Europas an Weisheit, Voraussicht und — Schlauheit zu überflügeln. Es ist ihm gelungen. Er hat von langer Hand den Krieg von 1870 vorbereitet, die Reorganisation der Armee schaffen helfen; er hat die getäuscht, die ihn zu täuschen gedachten, und seinem Monarchen, welchen der Feind zum Kurfürsten erniedrigen wollte, zur Kaiserkrone verholfen. Auf dem Grunde des Norddeutschen Bundes hat er, Süd und Nord einigend und unbekümmert um die Proteste der annektierten Fürsten, ein einiges, großes Deutschland aufgebaut, dem europäischen Frieden zu Schutz und Trutz. — Es war sein Ehrgeiz, das neue Kaiserreich so zu festigen, daß es anderen Nationen den Frieden, wenn nicht gebieten, doch sicher erhalten könne. Und auch das hat er durchgesetzt: er selbst ward als „ehrlicher Makler“ berufen, auf dem Berliner Kongresse der Mittler und Vermittler des Weltfriedens zu sein. — So gebührt ihm denn der Ruhmeskranz des größten Diplomaten, des Schöpfers eines neuen Reiches und des Friedensfürsten von Europa; aber er sollte sich, — so sprechen wie gesagt, die Liberalen, — an diesem Ruhmeskranze genügen lassen.

Auf socialem Gebiete war Fürst Bismarck, — er hat es ja selbst im Reichstage offen bekannt, — noch vor wenigen Jahren durchaus unbewandert, noch bedürftig der Führung, die ihm damals Delbrück gab; noch heut ist er, — denn auch für ein Genie genügen kaum zehn Jahre zur Orientierung, — ein Fremdling und Neuling auf diesem Felde. Die Ungleichheiten und, wie man zu sagen pflegt, die Ungerechtigkeiten einer mehr als tausendjährigen Ordnung lassen sich durch den, wenn auch noch so mächtigen und ehrenhaften Willen eines Menschen weder heben noch ausgleichen. Es genügt nicht, wie ein lateinisches Sprichwort sagt. „in großen Dingen großes gewollt zu haben.“ Der „letzte Ehrgeiz“, — so sprechen allerdings nur die bösen Liberalen, — so des kleinsten wie des größten Mannes soll der sein, nur solche Ziele zu erstreben, zu deren Erreichung er nicht allein den Willen, sondern auch — die Kraft besitzt.

Anmerkung

Die Berliner Gerichtszeitung neigt zu einer sezessionistischen Ausrichtung, erkennbar an der großen Verehrung für Bismarck, die sich wie auch in der zitierten Rede Laskers (Führer der Sezessionisten) nicht mit dem Gedanken anfreunden kann, daß Bismarck aus zynischen Motiven agiert. Die Liberale Vereinigung oder Sezession hat sich 1880 von den Nationalliberalen abgespalten, weil diese sich immer weiter vom Liberalismus entfernt hatten. Bei aller Anerkennung der außenpolitischen Erfolge wäre eine fortschrittliche Position hier wesentlich kritischer.

Im Sprachgebrauch der Zeit sind mit den Liberalen oft mehr die Nationalliberalen und die Sezessionisten gemeint, während der Fortschritt natürlich auch dem Liberalismus zugerechnet, aber als eigenständige Richtung wahrgenommen wird.

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