Eine Wahlrede Mommsen’s

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(Orig.-Corr. der „Neuen Freien Presse“.)

Berlin, 7. Oktober.

Am 24. September [1881] fand in dem Nachbarorte Berlins, Charlottenburg, wo viele hervorragende Bürger der Hauptstadt ihren dauernden Wohnsitz haben, eine Wahlversammlung statt, in welcher als Hauptredner der bisherige fortschrittliche Vertreter des betreffenden Wahlkreises, Herr Wöllmer, auftrat und seine Candidatur für den nächsten Reichstag in längerem Vortrage vertheidigte. Dieselbe wurde auch von den Mitgliedern anderer liberaler Fractionen unterstützt, und es wurde auch damals gemeldet, daß sich unter den Letzteren Professor Theodor Mommsen befand, der bekanntlich Secessionist ist. Allein erst heute erfahren wir durch eine liberale Broschüre, welche die Verhandlungen jenes Abends stenographisch wiedergibt, daß Mommsen bei diesem Anlasse eine vortreffliche schneidige Rede hielt. Diese Broschüre soll morgen versendet werden; ich bin in den Stand gesetzt, den Text der Mommsen’schen Rede heute schon mitzutheilen. Sie lautet bis auf wenige Kürzungen folgendermaßen:

Datei:Theodor mommsen.jpg

Theodor Mommsen (Quelle: Wikipedia)

Auch ich, meine Herren, habe bei der letzten Wahl nicht für Herrn Wöllmer gestimmt und mich nicht für seine Wahl interessirt. Ich habe damals geglaubt, meine Schuldigkeit zu thun, indem ich mich für eine andere Candidatur aussprach; ich glaube heute ebenfalls meine Schuldigkeit zu thun. indem ich für Herrn Wöllmer eintrete und die mit mir auf gleicher Linie politischer Gesinnung stehenden Männer auffordere, dasselbe tu thun. Die Sachlage ist in der Weile verändert. daß wie jetzt Alle zusammenstehen müssen, sonst sind wir Alle verloren, Fortschritt und National-Liberale und die Freiheit Deutschlands auf lange Zeit hinaus. Wir müssen uns gemeinschaftlich vertheidigen, allein ist jede einzelne Partei sicher die Beute der Gegner. Und welcher Gegner? Der geeinigten Conservativ-Clericalen! Die Wirthschaftspolitik der neuen Propheten nimmt, wie alle zweifelhaften Gestalten, zwar ein sauberes Mäntelchen um und nennt sich „Schutz der nationalen Arbeit“. In der That ist es gemeinste Interessen-Politik, eine Interessen-Politik, die dadurch um so nichtswürdiger ist, weil die Interessen mit einandner eine Coalition schließen, um diejenigen auszubeuten, die sich ihr nicht anschließen können oder nicht anschließen wollen. Ein Staat, welcher nach nicht im Stande gewesen ist, seiner Pflicht in Betreff der Volksbildung und in Betreff der Armenversorgung vollständig zu genügen; ein Staat, welcher den berechtigten Anforderungen der Volkserziehung immer noch die volle Erfüllung versagt und seine Armen höchstens vor dem Verhungeren schützt — wissen Sie, wie ein solcher Staat zur Alters- und Invaliden-Versorgung kommen kann? — Ja. wenn er das Militär-Budget abschafft! (Zustimmung und Heiterkeit.) Wer das will — ich will es nicht —  der kann allerdings die Welt auf den Kopf stellen und etwa auch die Altersversorgung möglich machen. Zur Zeit dient sie nur dazu, diejenigen Leute hineinfallen zu machen, welche die Augen nicht offen halten. (Bravo unb Heiterkeit.) Ich meine allerdings, daß die deutschen Arbeiter, um die es sich zunächst handelt, vor diesem Hineinfallen sich zu hüten wissen werden; die Zahl der schwieligen Hände, welche daraufhin ein entsprechendes Wahlbulletin schreiben, wird, wie anderswo, so besonders in unserm Wahlkreise, schwerlich groß sein. Ich gehe, meine Herren, in diesen kurzen Worten auf die sachlichen Fragen selbstverständlich nicht weiter ein; aber als die Summe meiner Ueberzeugung spreche ich es aus, daß die wirthschaftliche Umkehr, welche begonnen hat, theils die erreichten Resultate schwer beschädigt, theils uns mit Wechseln für die Zukunft belastet, welche den Staat bankerott machen müssen. Wir stehen aber, meine Herren, vor einer noch schwereren Gefahr. Ich habe bisher geglaubt, daß es Conservative in Deutschland gibt; ich fürchte, daß ich mich geirrt habe und daß diejenige, welche man hierzulande Conservative nennt. nichts sind als Kornspeculanten und Branntweinbrenner. (Heiterkeit und Bravo!) Der wirkliche Conservative — wissen Sie, was der sagt? — „Du sollst keinen Herrn haben neben mir!“ Das sagt.er, und das sage ich auch. Auch ich bin in diesem Sinne conservativ und halte die Monarchie, nicht blos die nominelle, sondern die ernsthafte und machtvolle Monarchie für die in unseren Verhältnissen allein mögliche. und allein segenbringende Staatsform. Aber die Politik dieser heutigen Conservativen — läßt sie sich nicht zusammenfassen in den Satz: „Du sollst keinen Diener haben neben mir?“ Das freudige Regen aller Kräfte zu einem Zwecke unter der Leitung einer von dem hohen Geiste des deutschen Volksthums und der humanen Entwicklung getragenen Dynastie; die freie Unterordnung zahlreicher und mannichfaltiger Talente unter ein seiner Stellung würdiges Fürstengeschlecht — das hat Preußen geschaffen und durch Preußen Deutschland wieder aufgebaut. Ist dem noch so und wandeln wir noch auf dieser Bahn? Wenn es im ganzen Staate nur Einen Diener gibt, der selbstständig wirken darf, wenn alle übrigen, von Delbrück und Falk an bis auf den letzten selbstständigen Mann, von diesem System abgewiesen werden, das nur willenlose Gesellsen acceptirt, so ist das Preußen, das wir hatten, das Deutschland, welches wir zu haben meinten, zu Ende. Meine herren! Wem es um die Zukunft Deutschlands und Preußens Ernst ist, der wird warnen vor dem System Richelieu. Es fördert nicht das Wohl des Staates und nicht die Monarchie. (Sehr gut!) Wem es Ernst ist mit Deutschlands Zukunft, der muß hier Wandel schaffen. Und mir können Wandel schaffen. Noch haben wir unser freies Selbstbewußtsein; noch können wir helfen, noch durch richtige Wahlen es abwenden, daß ein Reichstag gebildet wird, dessen Majorität aus Männern besteht, die, auf die Selbstbestimmung verzichtend, sich zu keinem andern Programm bekennen, als das zu meinen, was sie meinen sollen. Es ist eine unerhörte Anmuthung, eine unglaubliche  Geringschätzung, daß uns in dieser Weise nicht blos das Fell über die Ohren gezogen werden, sondern daß uns angesonnen wird, dies selber su thun (große Heiterkeit und Bravo!), d. h. solche Abgeordnete zu schicken, welche das Jasagesystem in  vollem Umfange durchführen. (Sehr gut!) Wer nicht für Wöllmer stimmt, der stimmt für das System des ministeriellen Absolutismus, stimmt gegen die ernsthaft conservative Monarchie. Verstehen wir nicht, uns zu einigen, so verdienen wir nicht. frei zu sein. Nach meiner Auffassung müßte zur Zeit dagegen sich Alles vereinigen, was ernstlich conservativ und was ernstlich liberal ist alle Parteischattirungen müteßn unter diesen Verhältnissen aufhören, mit Ausnahme derjenigen Partei, deren Programm es ist, kein eigenes Programm zu haben, sondern zu stimmen, wie sie zu stimmen angewiesen werden. Ich hoffe, in unserm Kreise werden die Parteiungen aufhören. Es fragt sich, ob wir ein politisch reifes Volk sind, ob wir im Stande sind, die kleinen Dinge dranzugeben, um die großen zu retten. Ich bin entschlossen, dies zu thun, das Große im Auge haltend, mich nicht um das Kleine zu kümmern. (Stürmisches, andauerndes Beifallsklatschen.)

Neue Freie Presse, Wien, 10. Oktober 1881

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