Die Rausgeworfenen – eine neue Partei

Dieser Artikel wurde 2101 mal gelesen.

Berliner Wespen, 5. Oktober 1881

Dem immer lauter werdenden Verlangen nach noch einer neuen Partei ist die Erfüllung rascher gefolgt, als dies bei der allgemeinen Zerklüftung zu erwarten war. Es ist freilich nicht zu begreifen, weshalb nicht täglich neue Parteien geschaffen werden. Die Wahlen sind vor der Thür, und noch laufen viele Menschen umher, ohne irgend einer Partei anzugehören. Wohin soll das führen? Wir würden dies nicht fragen, wenn sich nicht Jedem die noch zu bildenden Parteien förmlich aufdrängten. Um so mehr freut es uns, die Ersten sein zu können, welche dem Publikum von der Bildung einer neuen Partei, der Partei der Rausgeworfenen, Mittheilung zu machen im Stande sind.

Wie schon der Name der neuen Partei andeutet, besteht dieselbe aus solchen Männern, welche wenigstens ein Mal aus irgend einer der vielen, jetzt stattfindenden öffentlichen Wahlversammlungen hinausgeworfen worden sind. Die Zahl solcher Männer ist sehr groß und wächst ununterbrochen an. Wer sich die Mühe giebt, Abends vor einem Versammlungslokal Posto zu fassen, wird von Zeit zu Zeit Herren herausfliegen sehen, welche fluchen und einen beschädigten Hut tragen. Es sind, wie man errathen wird, solche Theilnehmer der Versammlung, welche durch ein unzeitiges Oho! oder ähnliche oppositionelle Haltung den Unwillen der Redner und Hörer wachgerufen haben. Diese Männer sind die geborenen Mitglieder der Partei der „Rausgeworfenen“.

Die Idee der Gründung dieser neuen Partei entstand in zwei Männern, welche gleichzeitig aus einer Versammlung die Treppe hinabgedrängt und zusammen zu einem Chirurgen in der Nähe zur Reparatur gebracht wurden. Nachdem der erste Verband angelegt war, wurde von den Verletzten beschlossen, die genannte Partei zu gründen.

Dieselbe zählt heute 752 Mitglieder, die sich durch eine Beule, offene Wunden oder zerrissene Kleidungsstücke legitimiren konnten. Anmeldungen neuer Mitglieder werden gegen Mitternacht, um welche Zeit die Wählerversammlungen geschlossen zu werden pflegen, in dem dann geöffneten Bureau der Partei entgegengenommen.

Es hat wohl nie eine Partei gegeben, welche mehr Berechtigung zur Existenz und Herrschaft hätte, als diese neue, denn ihre Mitglieder haben nachweislich den Muth, nicht mit den Vertretern der extremen Strömung durch Dick und Dünn zu gehen, sind Märtyrer ihrer Ueberzengung, und somit die eingefleischtesten Gegner der herrschenden Agitationstyrannei.

Die Absicht der „Rausgeworfenen“, einen eigenen Candidaten zum Reichstag aufzustellen, hat also volle Berechtigung.

Wir theilen aus ihrer jüngsten Versammlung, in der eine Einigung über eine sich zum Reichstagscandidaten besonders eignende Persönlichkeit versucht wurde, das Folgende mit.

Die Versammlung wurde um 9 Uhr Abends eröffnet. Der Vorsitzende, Herr Milde, hat ein blaues und ein braunes Auge und trägt den rechten Arm in der Binde. Unter lautem Stöhnen wies er auf den Zweck der heutigen Versammlung hin und ertheilte dann Das Wort dem Herrn

Sanft. Meine Herren, Sie verzeihen, wenn ich nicht auf die Tribüne gehe, da ich überhaupt nicht gehen kann. Mein linkes Bein ist seit der letzten Debatte in Tivoli über „Die Sicherheit des deutschen Volks gegenüber dem Fortschritt“ noch immer geschwollen. Ich flog, ohne es zu können, die Treppe hinunter. (Zur Sache!) Ich wollte Sie auffordern. unseren Herrn Vorsitzenden durch Acclamation zum Candidaten zu proclamiren. (Bravo!) Herr Milde ist etwa 20 Mal hinausgeworfen, feiert also bald seinen silbernen Rauswurf. Ich glaube, daß dieser Jubelgreis dadurch als der geeignetste Mann erscheint, im Reichstag die Zahl der Gegner der reactiouären Fraction zu vermehren. (Sehr richtig!)

Stille. Ich bin weit davon entfernt, Herrn Milde auch nur Eine Beule streitig zu machen. Aber es kommt doch darauf an, wie er dazu gekommen ist, hinausgeworfen zu werden. Herr Milde ist nicht ganz ohne Schuld an der Luft, an die er gesetzt wurde. Er provocirte stets, indem er: „Das ist nicht wahr!“ oder „Aujust!“ rief und niemals sein Lachen zu unterdrücken vermochte. (Hört!) Ich dagegen bin, während Henricinus wirkte, bloß weil ich schwarze Haare habe, als Semit ergriffen, durchgebläut und hinausgeschleudert worden. In Wahrheit bin ich ein guter Christ, es fließt in meinen Adern kein Tropfen Laskerschen oder Straßmannschen Blutes, und ich sprach an jenem Abend keine Silbe. (Bravo!) Außerdem bin ich gegen das Tabaksmonopol. Ich darf mich Ihnen also als Candidaten empfehlen.

Muckenich. Meine Herren, ick mir ooch. Denn det ick man bloß zwee Mal rausjedrängelt bin, da habe ick selber Schuld, indem ick man in eene Versammlung bei Cunow war, woselbst ick rausjeschmissen wurde, wieder rinjing un abermals us alljemeines Verlangen dakapo rausjeschmissen wurde. Et war sehr amüsant, un die ältesten Leute erinnerten sich nich, jemals so’n Rausschmiß-Vielliebchen jenossen zu haben. Daher bitte ick, mir für den Reichstag ufzustellen. (Beifall.)

Petzer. Ich mache den Herrn Präsidenten darauf aufmerksam, daß sich in der Versammlung Jemand befindet, der noch nirgends hinausgeworfen worden ist. (Sturm der Entrüstung. Der betreffende Herr wird dem Präsidenten vorgeführt und nach Feststellung seiner Persönlichkeit unter großem Beifall hinausgeworfen, so daß er sofort der Partei beitreten kann.)

Qualm. Meine Herren, ich will nicht prahlen, aber ich glaube doch, einer der rausgeworfensten Menschen der Neuzeit zu sein. (Oho!) Ja, meine Herren, denn ich bin nicht nur aus antifortschrittlichen Versammlungen Berlins, sondern auch anderer Städte unter allerlei körperlichen Beschädigungen hinausspedirt worden. Mit Stolz darf ich sagen: Ich gehöre zum Rauswurf der Menschheit! (Sehr gut!) Ich darf mich Ihnen also zum Aufstellen empfehlen. (An der Thür entsteht ein Tumult. Es wird ein zufällig Vorübergehender hineingeworfen. Da derselbe sich sträubt, so wird er wieder hinausspedirt und draußen, arg zugerichtet, Mitglied der Partei.)

Die Versammlung faßt dann auf den Antrag des Präsidenten den Beschluß, in Anbetracht des Umstandes, daß jetzt erst die antifortschrittliche Agitation und somit das Hinauswerfen Andersdenkender den höchsten Grad erreichen wird, die Aufstellung eines Reichstagscandidaten bis zu einer der kommenden Versammlungen zu vertagen.

Dann wurde die Sitzung unter Absingung des Liedes: „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“ um 11 Uhr geschlossen.

Dieser Beitrag wurde unter 1881, Antisemitismus, Berliner Wespen, Geschichte, Reaktion, Satire veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar