Die Nationalliberalen schwenken um

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Neue Freie Presse, Wien, 11. Oktober 1881

Durch das Wahlbündniß, welches kürzlich zwischen der Fortschrittspartei und den Secessionisten in Deutschland abgeschlossen wurde, ist Herr v. Bennigsen um ein beträchtliches Stück Weges nach links gedrängt worden. Er hat vorgestern auf dem national-liberalen Parteitage der Provinz Sachsen eine Rede gehalten, welche keinen Zweifel darüber lassen kann, daß er zwischen sich und dem Fürsten Bismarck alle Brücken abgebrochen hat. Er verwarf in dieser Rede das Tabakmonopol und die Arbeiter-Invaliden-Versorgung durch den Staat, also die beiden Lieblingsprojecte des Reichskanzlers, und auch in der Kirchenfrage nahm er festere Stellung, indem er erklärte, daß an den bestehenden Gesetzen festgehalten werden müsse und daß eine Politik, welche sich auf ein conservativ-clericales Bündniß stütze, keine Wurzeln im deutschen Volke haben könnte. Wenn es noch möglich ist, daß sich die Wahlaussichten der National-Liberalen bessern, so hat Bennigsen durch diese Rede das Seinige dazu gethan; er steht aber mit derselben so sehr auf secessionistischem Boden, daß man nicht absieht, warum seine Partei sich dem Zusammengehen mit Lasker und Virchow entzogen. Augenscheinlich hat man in Regierungskreisen die richtige Witterung von der neuesten Wendung Bennigsen’s gehabt, denn die [offiziöse] Norddeutsche Allgemeine Zeitung bemerkt heute in einer Antwort auf einen Artikel der [zentrumsnahen] „Germania“, es sei noch gar nicht ausgemacht, ob die preußische Regierung sich auf materielle Verhandlungen über dasjenige einlassen werde, was Herr v. Schlözer in Rom erfahren, da jedenfalls vorher der Landtag gehört werden müsse. Noch der neuesten Rede Bennigsen’s scheint es aber, daß dieses Communiqué der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung zu spät gekommen ist.

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