Hintergrund zu: 1. Die Siegesfeier

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Eugen Richters „Sozialdemokratische Zukunftsbilder“ wurden erstmals im November 1891 veröffentlicht. Bemerkenswert ist, wie genau von ihm auch Details vorausgesagt wurden. Natürlich konnte Eugen Richter auch vieles nicht ahnen, z. B. die allgemeine Verrohung durch den ersten Weltkrieg oder, daß die Sozialdemokraten sich 1918 bereits regelrecht gespalten hatten, während er davon ausgeht, daß die verschiedenen Richtungen wie in seiner Zeit ihre Differenzen unter Formelkompromissen verbergen.

Die zentralen Figuren des Buches sind:

  • August Schmidt – Buchbindermeister und überzeugter Sozialdemokrat, Alter etwa Mitte 40 bis 50
  • Paula Schmidt – seine Frau, Alter etwa 40 bis Mitte 40
  • Franz Schmidt – der ältere Sohn, Setzer, Alter etwa Mitte 20
  • Agnes Müller – seine Verlobte, Putzmacherin, Alter etwa Anfang 20, als Waise aufgewachsen mit einem Bruder
  • Ernst Schmidt – der jüngere Sohn, Schüler, aber bald Lehrling, etwa um die 15
  • Annie Schmidt – die kleine Tochter, 4 Jahre alt
  • Der Schwiegervater, Vater von Paula Schmidt, Alter etwa 70 Jahre, kein Sozialdemokrat, Rentner

Hier einige Kommentare zum Video „1. Die Siegesfeier – Sozialdemokratische Zukunftsbilder“ der „Kapitalistenschweine“:

Das Berliner Königsschloß im ersten Kapitel spielte, wie Eugen Richter richtig vorhersah, eine zentrale Rolle in der Revolution. Am 9. November 1918 rief auf dem Vorplatz von einem Lastwagen Karl Liebknecht (Sohn des „verewigten“ Wilhelm Liebknecht) die sozialistische Republik aus. Er schloß mit den Worten: „Wir wollen an der Stelle, wo die Kaiserstandarte wehte, die rote Fahne der freien Republik Deutschland hissen!“ Das Schloß wurde dann gestürmt, und Karl Liebknecht hielt ein weiteres Mal eine Ansprache lik vom Balkon aus. Vermutlich wurde dann auch die rote Flagge auf dem Schloß gehißt. (1 Punkt für Eugen Richter)

Im Video sind Zitate von Philipp Scheidemann unterlegt. Dieser rief etwas früher als Liebknecht von einem Seitenfenster des Reichstags für die Mehrheits-Sozialdemokraten die Republik aus (später auch auf einem Foto zu sehen), ohne dies mit Friedrich Ebert abgestimmt zu haben. Der genaue Wortlaut ist etwas unklar. Scheidemann erzählte die Geschichte später am 9. Januar 1920 nach und verlas dabei die Rede, die er gehalten habe. Natürlich mußte das Wort „morsch“ vorkommen (1 Punkt für Eugen Richter): „Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue; es lebe die deutsche Republik!“

Zudem wurden die Worte entnommen: „Die Feinde des werktätigen Volkes […]“ und „Unser Freund [Friedrich Ebert] wird eine Arbeiterregierung bilden, der alle sozialistischen Parteien angehören werden“ sowie „Über sie alle [den Kaiser und seine Freunde] hat das Volk auf der ganzen Linie gesiegt!“

Laut „Vorwärts“ wurde von Scheidemann die „soziale Republik“ ausgerufen. Bemerkenswert ist auch bei ihm, daß die Sozialdemokraten allein die Regierung übernahmen und gar nicht daran dachten, andere Parteien zu beteiligen außer andere Sozialisten. Schließlich gab es weiterhin einen gewählten Reichstag, dessen Mehrheit nicht für die Einführung einer Republik war und damit vollständig undemokratisch übergangen wurde.

Auch wenn sowohl Scheidemann als auch Liebknecht sich selbstverständlich für in Einklang mit dem Volk hielten, hatte die SPD im Kaiserreich es bislang noch nie über etwas mehr als 30% der Stimmen gebracht. Selbst unter Arbeitern kam sie nur auf etwa die Hälfte der Stimmen, bei katholischen Arbeitern auf wesentlich weniger. Hierbei stellten Arbeiter (in einem weiten Sinne inklusive im heutigen Sinne Handwerksgesellen usw.) nur etwa ein Drittel der Bevölkerung. Selbst mit dem Rückenwind der Revolution konnten die beiden sozialistischen Parteien keine Mehrheit bei den Wahlen zur Nationalversammlung 1919 erhalten.

Auch der „Rat der Volksbeauftragten“ kam im Wesentlichen durch Selbstermächtigung von Mehrheits- und Unabhängiger SPD zustande, bis die USPD austrat und die Mehrheits-SPD alleine bestimmte. (Mehrere Punkte für Eugen Richter, daß die Sozialdemokraten andere Parteien einfach übergehen und alleine die Macht ergreifen.)

August Bebels stoischer Glaube über Jahrzehnte, daß der „große Kladderadatsch“ bald komme würde, war sogar seinen Genossen nach mehreren falschen Prognosen suspekt. (1 Punkt für Eugen Richter, daß Bebel, gestorben 1913, die Revolution nicht mehr erleben würde.) Noch ausdauernder war hier Friedrich Engels, der schon seit den 1840er Jahren immer wieder neue Termine für die Revolution verkündete. (1 Punkt für Richter: denn es hat dann wirklich länger als 1898 gedauert.)

Die Bilder zu den „langjährigen Mühen und Kämpfen für die gerechte Sache des arbeitenden Volkes“ stammen aus Rußland: Das Foto zeigt Rotgardisten in Petrograd im Herbst 1917. Das Gemälde stammt von Boris Michailowitsch Kustodijew und trägt den Titel „Der Bolschewik“.

Das Bild zur „Auferstehung des neuen Reiches der Brüderlichkeit und der allgemeinen Menschenliebe“ wurde von Lukas Cranach d. Ä. 1530 gemalt und stellt „Adam und Eva im Garten Eden“ dar.

Die Werke zur geistigen Ertüchtigung von August Schmidt sind neben dem „Vorwärts“ (Erstausgabe 1876 vor dem Sozialistengesetz, dann verboten) und „Der Sozial-Demokrat“ (illegale Parteizeitung, veröffentlicht in Zürich während des Sozialistengesetzes, hier eine Ausgabe von 1881) die Bücher „Die Frau in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ von August Bebel, „Das Kapital“ von Karl Marx und der stenographische Bericht über den Hochverratsprozeß gegen Ferdinand Lassalle. Das Abzeichen zum ersten Mai stammt aus Österreich und das Plakat aus Deutschland, beide um 1890.

Die illuminierten Statuen standen auf der vom Berliner Volksmund so genannten „Puppenallee“, offiziell der „Siegesallee“ (erbaut zwischen 1895 und 1901).

Die Statuen der „Geistesheroen“ standen/stehen in Dresden (Karl Marx), in Wien (Ferdinand Lassalle) und Berlin (Grabstätte von Wilhelm Liebknecht).

In der Wohnung der Schmidts hängt ein Bild mit August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Karl Marx, Carl Wilhelm Tölcke und Ferdinand Lassalle.

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