Gnade für die Staatssozialisten

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Im Wahlkampf 1881 bekennen sich die Konservativen zum Staatssozialismus. Die Forderungen nach Verstaatlichung schießen bunt ins Kraut, und die offiziöse Presse verkündet, daß Bismarck nun selbst Sozialist (aber kein Sozialdemokrat) sei. Während gleichzeitig die wirklichen Sozialisten unter dem Sozialistengesetz drangsaliert und etwa aus großen Städten wie Berlin ausgewiesen werden, bleiben ihre aristokratischen Kollegen unbehelligt.

Noch.

Die „Berliner Wespen“ stellen sich am 12. Oktober 1881 vor, wie der Fortschrittliche Rudolf Virchow, der wie sein Partei von Anfang an das Sozialistengesetz abgelehnt hat, eines Tages für Milde bei der Anwendungen des Gesetzes gegen dessen Urheber plädiert. Angespielt wird dabei auch auf das häufig gestreute Gerücht, Bismarck plagten Krankheiten, die ihn am Aufenthalt in Berlin hinderten.

So muß es kommen.

(Aus einem späteren Protokoll des Reichstages.)

Abg. Virchow. Meine Herren! Ich bin tief ergriffen, indem ich mich genöthigt sehe, für eine Reihe von Staatsmännern und conservativen Notabilitäten um Milde in der Anwendung des Sozialistengesetzes zu plaidiren. (Hört! Hört!) Ich gebe ja zu, daß die Herren, einerlei unter welchen Modalitäten, sozialistischen Tendenzen huldigen (Sehr wahr!), und ebenso ist es Thatsache, daß von sozialistischer Seite den sozialpolitischen Absichten des Reichskanzlers Zustimmung gezollt worden ist: so in Freiburg in Sachsen, in Hamburg, in Elmshorn und an anderen Orten. Daß aber darin und in ähnlichen Documentationen die Polizei den Anlaß findet, jene Staatsmänner und conservativen Parteiführer auf Grund des Sozialistengesetzes auszuweisen, das mag gewiß in diesem Gesetz begründet sein, grausam bleibt es aber trotzdem. (Hört! Hört!) Die hohen Herrn, welche morgen das Gebiet des kleinen Belagerungszustandes verlassen sollen, sind alte, ergraute Männer, darunter solche, die krank sind und aus diesem Grunde oft genug nicht unter uns erscheinen konnten. Die Herren haben in Berlin ihre Familie, ihren Club, ihr Palais, ihren Arzt, sie werden in der Fremde sich einsam fühlen und gewiß nicht weniger krank sein. Der Jammer ist unbeschreiblich: hier eine Excellenz, in dessen Küche, Stallung und Remise eine zahlreiche Dienerschaft brodlos wird, dort ein anderer Aristokrat, der eine unversorgte Ballettänzerin zurückläßt. Wird die Ausweisung durchgeführt, so werden in einigen Tagen mehrere bis dahin in lebhaftestem Betrieb gewesene Theaterlogen, Spieltische und   Rauchzimmer leer stehen. (Oho!) Meine Herren, ich bin gegen das Sozialistengesetz gewesen, a!s es gegen die Arbeiter gegeben wurde, und bin auch heute noch, wo es sich gegen die aristokratischen Kreise kehrt,   sein Gegner. Es ist Zeit, daß wir uns wie Ein Mann erheben und gegen ein weiteres Vorgehen auf dem Gebiet des Ausnahmegesetzes energisch protestiren. (Beifall und Zischen. Der Reichstag geht zur   Tagesordnung über.)

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