Morgen ist Reichstagswahl!

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Berliner Wespen, 26. Oktober 1881

Zum 27. October.

Des Ausgangs harret nun der Streit,
Jetzt gilt’s zu schlagen kampfgerüstet
Den Feind, der sich schon vor der Zeit
Mit seinem bald’gen Siege brüstet.
Allein umsonst ist all sein Müh’n,
Er kann, er wird nicht triumphiren,
Wir kennen besser Dich, Berlin:
Berlin, Du wirft Dich nicht blamiren!

Treu bleibst Du Deinem freien Geist,
Wie sie Dir auch ein Land versprechen,
Wo Freimilch und Freihonig fleußt
In stillen Honigkuchenbächen,
Und gold’ne Aepfel lockend glüh’n
Im Silberlaub, — nicht zu verführen
Bist Du, Du dankst für Obst, Berlin:
Berlin, Du wirst Dich nicht blamiren!

Die Männer, welche von jeher
Dein Recht zu wahren sich beeifert,
Du sah’st, wie ihre reine Ehr‘
Von den Reptilien ward begeifert.
Du riefst, wenn gar zu toll Dir schien
Ihr Petzen und ihr Spioniren,
Dein lustiges Nanu?, Berlin:
Berlin, Du wirft Dich nicht blamiren!

Wenn wir in früh’rer bess’rer Zeit
Der Wahlpflicht, die uns rief, genügten,
Da standen auf des Gegners Seit’
Wohl Stärk’re immer, — und wir siegten!
Den Dunkelmännern, die den Hof
Zu machen Dir, jetzt keck riskiren,
Sagst Du: Wat ick mir davor koof’! —
Berlin, Du wirft Dich nicht blamiren!

Der Stunden sind’s nicht viele mehr,
Dann wird die Waage jäh sich neigen,
Und aus den Urnen folgenschwer
Wird unser künftig Schicksal steigen.
Dann soll ein frisches Lorberreis
Dein Haupt, o Berolina, zieren,
Heiß ist der Kampf, schön ist der Preis —
Berlin, Du wirft Dich nicht blamiren!

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