Die Reptilien für Bismarck

Dieser Artikel wurde 2015 mal gelesen.

Neue Freie Presse, Wien, 25. Oktober 1881

Wien, 24. October. (Zur Tagesgeschichte.) Die von uns bereits erwähnte Ansprache an die Wähler, welche sich die [offiziöse] Norddeutsche Allgemeine Zeitung vergönnt hat, bezeichnet rundweg den „Fortschritt“ als den Feind der Regierung und legt, indem sie die Parole für Bismarck ausgibt, den alleinigen Nachdruck auf die Erfolge des Reichskanzlers in der äußeren Politik. Deutschland, heißt es in der Ansprache, wäre ohne Bismarck nie die imposanteste Macht Europas geworden, und Preußen hätte seine Selbstständigkeit gegen die Angriffe eroberungssüchtiger Nachbarn nicht wahren können. Es ist bezeichnend, daß in der zwölften Stunde die Opposition nicht mehr so mit dem Dreschflegel bearbeitet wird, wie es bisher geschah. Es heißt nämlich von ihr, sie habe hie und da das Gute gewollt, sei aber stets ohnmächtig gewesen, es zu erfassen. Man muß wol nachträglich eingesehen haben, daß die Wähler an den Landesverrath „der Fortschrittspartei“ und die „Unwissenschaftlichkeit“ Mommsen’s nicht zu glauben geneigt sind. Am Schlusse wird den Wahlern eingeschärft, daß eine Majorität der regierungsfeindlichen Candidaten für die Zukunft Deutschlands von der höchsten Wichtigkeit sei. Für die Zukunft der conservativ-clericalen Coalition mag sie es sein, aber diese wäre schwerlich der Ausdruck des deutschen Volkswillens. 

Dieser Beitrag wurde unter 1881, Bismarck, Deutsche Fortschrittspartei, Deutschland, Geschichte, Konservative, Reaktion veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar