Wahlaussichten in Berlin und im Reiche

Dieser Artikel wurde 5065 mal gelesen.

Neue Freie Presse, Wien, 26. Oktober 1881

Berlin, 24. October. [Orig.-Corr.] (Wahlaussichten in Berlin und im Reiche.) Es war ein wildes, beängstigendes Ringen, welches den 27. October vorbereitet hat und nun in den letzten Haranguirungen der Wähler mit ermattender Kraft zu Ende geht, nicht um ein großes Ziel, nicht um bedeutende, gebieterisch vom Zeitgeiste geforderte Reformen, sondern um die rein persönliche Frage, ob die Nation auch ferner bedingungslos einem Staatsmanne vertrauen will, nachdem er in den meisten Gebieten diejenige Richtung verlassen, um derentwillen ihn die Besten der Nation unterstützt hatten. In der letzten Stunde fällt endlich die doch nicht zufällige Thatsache, daß gerade die häßlichsten Elemente des Volksthums die lautesten Verfechter der Regierung sind, endlich auch den Preßorganen derselben auf die Seele. Das leitende Organ der hiesigen Dunkelmänner und „Antisemiten“, das „Deutsche Tageblatt“, erhob sich gestern zu dem Satze: Wer Stöcker nicht wählen wolle, weil er nicht in allen Punkten mit ihm einverstanden sei und sich deßhalb der Wahl enthalte, „der belaste sein Gewissen ebenso fortschrittlich“, als wenn er Virchow wähle. Ganz ähnlich appelirte der gestrige Leitartikel der Nordddeutschen Allgemeinen Zeitung an die Wähler: „Wer sich der Wahl enthält, einfach weil er nicht in allen Punkten Einer Meinung ist mit dem regierungsfreundlichen Candidaten, der handelt in Wahrheit als Feind der Regierung, begeht einen Verrath an der guten Sache.“

Den Wählern sind aber gerade in Berlin durch die Persönlichkeit der hier aufgestellten Candidaten ebenfalls die Augen aufgegangen, und es sollen sich gerade in den letzten Tagen die Chancen der Fortschrittspartei hier sehr gebessert haben. Nur im fünften Wahlkreise, wo die Conservativen [gegen Eugen Richter] gerade ihren unwürdigsten Candidaten, Herrn Cremer, aufgestellt haben, sollen leider ihre Aussichten gut sein. Dies ist nur aus dem Umstande zu erklären, daß in diesem mindestbevölkerten Wahlkreise zugleich der Theil des Studententhums, der in der Judenhetze seinen Sport gefunden, sein Hauptquartier hat. Im Reiche haben sich an manchen Stellen, die für zweifelhaft galten, die liberalen Aussichten gebessert, so für Rickert in Danzig, wo das Compromiß der Conservativen mit dem Centrum den Ersteren Viele entfremdete, für Stauffenberg (gegen Hobrecht) in Braunschweig und für Eugen Richter in Hagen. Hier ist der national-liberale Schutzzöllner Harcort Gegencandidat Richter’s. Den Ausschlag geben die Ultramontanen, und zwar sollen sie ihn zu Richter’s Gunsten zu geben gedenken, worüber allerdings erst Schorlemer’s Entscheidung abgewartet wird. Wie es aber im Ganzen um die Wahlen steht, darüber sind auch die Erfahrensten noch zweifelhaft. Die Einigung der Liberalen hat nicht überall durchgegriffen, stellenweise sogar Rückschritte gemacht. So wird aus Weimar, wo bereits Marquardsen zu Gunsten Rickert’s verzichtet hatte, neuerdings von einem Aufrufe für Ersteren gemeldet. Wie rücksichtslos und mit welcher mächtigen Unterstützung für die Conservativen, welche ganz einfach Regierungs-Partei sind, agitirt wurde, ist bekannt. Auch zeigt sich, daß manche von der Regierung ausgehende Kundmachungen, deren erklärter Zweck ein anderer war, auch ihre ganz bestimmte Richtung auf die Wahlen hatten. So macht ein officiöser Correspondent das beachtenswerthe Geständniß, daß die Enthüllungen in der Affaire Hobrecht „auch ein Wink für die früheren Mitglieder des Staatsministeriums sein sollen, welche eine parlamentarische Thätigkeit anstreben und fortführen wollen“. Das Centrum geht geschlossen und selbstständig vor; es ist jetzt durch den Stand der Verhandlungen mit Rom im Ganzen oppositionell. Das gegen die officielle Leichenfeier des Fürstbischofs Förster ergangene Verbot hat für Schlesien diese Haltung noch verschärft; an manchen Orten aber geht das Centrum, z. B. in dem schon erwähnten Danziger Fall, mit den Conservativen. Dies ist aber nicht principiell, sondern hat rein örtliche Gründe. In Essen z. B. wird Windthorst für den socialistischen Centrumsmann Stötzel gegen Moltke’s Candidatur eine Rede halten; alles das zeigt, daß noch viele unbekannte Größen in der Rechnung sind.          S.

Dieser Beitrag wurde unter 1881, Antisemitismus, Bismarck, Deutsche Fortschrittspartei, Eugen Richter, Geschichte, Konservative, Liberale Vereinigung, Nationalliberale, Zentrumspartei veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar