Völker der Welt, schaut auf diese Stadt

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Berliner Gerichtszeitung, 27. Oktober 1881

Der 27. October. — Mit größerem Rechte, als die Franzosen oftmals behauptet haben, daß „die Augen der Welt“ auf Frankreich gerichtet seien, dürfen wir sagen: „Die Augen aller Völker blicken heut gespannt auf Berlin.“ Hier hat ja in schier unzählbaren Vorversammlungen der Wahlkampf am heftigsten getobt; hier ward der Angriff zunächst auf den „Fortschrittsring“ und dann gegen den „Ring“ aller Liberalen zuerst geplant, organisirt und unternommen; hier haben die bekannten Wortführer des Rückschritts am lautesten gepredigt, von hier aus sind Hetz- und Brandredner in alle Gegenden des Reichs entsandt worden; Hier auch haben, von offiziösem Lobe berauscht, die „Comités“ der Antisemiten und Antifortschrittler ihre geheimen Orgien und aus mysteriösen, scheinbar unerschöpflichen Fonds ihre öffentlichen Feste gefeiert. Das Treiben gerade in der Reichshauptstadt hat die Aufmerksamkeit des gesamten Auslandes erregt, und schon ausgangs letzter Woche schrieb u. a. ein österreichisches Blatt, die hiesigen Zustände sehr treffend beurteilend: „Das Ende des Wahlkampfes wird bereits von allen Parteien herbeigesehnt, denen der innere Friede der Nation und ihr Ansehen nach außen höhere Güter sind als irgend ein politisches oder sociales Programm der Reichszukunft. Die Wahlbewegung ist in unerhörter Weise entartet: von großen Gesichtspunkten, wie sie am Anfange noch auf beiden Seiten verkündet worden, ist sie auf persönliche Reibereien und Ausfälle der niedersten Art zurückgegangen. Alle Sünden der Konfliktszeit kehren wieder . . . und speciell der 18. October, an welchem die sogenannten Konservativen Berlins mit Loyalitätsbier angeblich zu Ehren des Kaisers und des Kronprinzen bewirteten, erinnert in verhängnisvoller Weise an jene Demonstrationen, mit welchen der Kampf gegen den preußischen Liberalismus seitens des Anhanges des Herrn von Bismarck eröffnet wurde. Da sie den Massen das Brot verteuerte, so lieferte die Reaktion denselben wenigstens öffentliche Schauspiele.“ – Jeder gebildete Berliner, auch wenn er weder zur Fahne der Fortschrittler noch zu der sezessionistischen schwört, ist doch stolz auf „seine Stadt“, die allerdings unter dem mächtigen Schutze der Hohenzollern, aber aus eigener Kraft „vom Fischerdorfe zur Weltstadt“ erwachsen ist, auf den Ruhm, den sie durch ihre Volks- und Hochschulen errungen, und auf die Erinnerung, daß in ihr einst Alexander und Wilhelm von Humboldt gewirkt, Hegel und seine Jünger gelehrt, und Schleiermacher und Marheinicke gepredigt haben. Alle halbwegs Liberalen werden deshalb dem Professor Virchow glauben, welcher in seiner Rede auf Tivoli am Montage u. a. äußerte: „Unsere jetzige Wahlbewegung verfolgt man in der ganzen Welt bis an die äußersten Grenzen von Rußland hinauf mit größter Spannung, und ich, der ich nicht bloß Mann der Wissenschaft, sondern als liberaler Mann und gewissermaßen als Symbol des freien deutschen Geistes überall so freundlich empfangen worden bin, habe dies deutlich erfahren. Man sagt mit Recht: wenn im Herzen Europas, bei der Nation, die sich auf ihre Bildung so viel zu gute thut, die Reaktion gänzlich siegt, und wenn zu Grunde geht, was liberal ist, dann muß es in der ganzen Welt sehr schlecht werden. Die Wähler mögen der Ehrenpflicht klar eingedenk bleiben, die sie zu erfüllen haben, wenn sie diesen schweren Kampf durchkämpfen sollen; aber sie mögen auch zugleich sich bewußt bleiben, daß es gilt, Zeugnis dafür abzulegen, daß Berlin fest und treu sei. Alles, was die politische Entwickelung des Volkes sichert, was selbst in den traurigsten Zeiten die Zuversicht auf den Sieg aufrecht erhalten hat, das ist die Treue des Prinzips. In diesen (den zweiten) Wahlkreis drängt alles zusammen, was das Licht zu scheuen hat. Wenn Sie in diesem Augenblicke den Sieg erfechten, wird es durch ganz Europa und durch die ganze Welt erschallen.“

Es wäre ein ebenso gewagtes als nutzloses Unterfangen, schon heut über den Ausgang der Reichstagswahlen überhaupt Wahrscheinlichkeits-Berechnungen anstellen zu wollen; die wesentlichste Frage ist und bleibt ja, wie die Wahlen in Berlin ausfallen werden. Aber selbst hierauf vermag zur Stunde niemand eine zuverlässige Antwort zu geben. Wir können nur sagen: so schwer auch die mit reichlichsten Preß- und Geldmitteln ausgerüsteten antiliberalen Comités ihren Gegnern den Kampf gemacht haben, so leicht haben sie ihnen durch Aufstellung der Kandidatenliste den Sieg gemacht. Auf dieser antifortschrittlichen Liste befindet sich nicht ein Mann, welcher den Namen eines wahrhaften Volksführers verdiente, und nur einer, welcher sich, bei seinen Anhängern wenigstens, den Namen einer wissenschaftlichen Kapazität erworben hat. Aus den Mahn- und Angstrufen, welche die reaktionären Blätter am Dienstag erschallen ließen, geht klar hervor, daß selbst konservative Männer sich scheuen, vielleicht schämen, ihre Stimmen dem Hofprediger Stöcker zu geben. Aus erklärlichen Gründen ist anzunehmen, daß sich auch die Aristokraten des I. Wahlbezirks für ihren Kandidaten Liebermann v. Sonnenberg nicht sonderlich begeistern, die Rückschrittler des III. und IV. nicht allzufest auf die Staatsweishalt von Schulze und Wagner vertrauen, daß sich nicht übermäßig viele Stimmen der Arbeiter im VI. Wahlbezirk auf den Innungsmeister Meyer vereinigen, und daß endlich die kirchlich gesinnten Protestanten sich wohlweislich hüten werden, für den ultramontanen Cremer zu stimmen. Der bis heut noch nicht berechenbare Einfluß der Socialdemokraten kann möglicherweise in einem, vielleicht auch in zwei Wahlbezirken den Ausschlag geben. Wenn aber in den anderen Bezirken die Liberalen unterliegen sollten, so wäre diese Niederlage doppelt schwer und schmerzlich, so wäre sie eine verdiente Strafe. Denn die Liberalen hätten dieselbe nicht zuzuschreiben weder der geistigen noch der materiellen Ueberlegenheit der Gegner, sondern lediglich der eigenen Pflichtversäumnis. Wer die Ausübung seines Wahlrechtes unterläßt, sei es aus Bequemlichkeit oder Gleichgiltigkeit, der macht sich der Mißachtung des höchsten Bürgerrechts schuldig. Wer sich lieber der Abstimmung enthalten, als für einen ihm persönlich nicht genehmen Liberalen stimmen will, der trägt thatsächlich bei zum numerischen Uebergewicht der Reaktionäre. Wie diese noch in der letzten Stunde ihre Getreuen entboten haben durch den Ruf: „alle Mann auf Deck!“ so mögen und müssen auch die Liberalen noch heut am Wahltage auf dem Posten sein, um die etwa noch Zagenden zu ermuntern, die Versprengten zu sammeln, die Säumigen zur Wahl anzutreiben. – Wenn auch wir an unserem bescheidenen Teile zur Beteiligung an der Wahl anregen und noc in der Morgenstunde des Wahltages unseren Weck- und Mahnruf anstimmen, so thun wir es im Hinblick auf die uns drohende Nacht der Reaktion und gedenk des Wortes, daß man am Tage, – und der Wahltag schließt am Abend schon um 6 Uhr, — getreu seine Pflichten erfüllen soll; denn –

„es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“

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