Der Wahltag

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Berliner Gerichtszeitung, 29. Oktober 1881

Der Wahltag mit seiner außerordentlichen Aufregung in Berlin ist vorüber. Das außergewöhnliche lebhafte Treiben ln den Straßen während der Tageszeit steigerte sich am Abend erheblich, und die Lokale, in welchen die Feststellung der Wahlresultate seitens der einzelnen Parteien in den Wahlbezirken erfolgte, waren bald von dichten Menschenmassen umringt. Die fortschrittlichen Sieger wurden von den Mitgliedern der Fortschrittspartei mit großem Jubel aufgenommen; aber auch die Socialisten, deren Kandidaten in dem vierten und sechsten Wahlkreise mit den Kandidaten der Fortschrittspartei zur Stichwahl gelangen, brachen bei Verkündigung dieses für sie sehr günstigen Resultates in lauten Freudenjubel aus, in welche sich Hochrufe auf Bebel und Hasenclever mischten. Die Brunnenstraße, wo das Resultat der Wahlen im sechsten Wahlkreise festgestellt wurde, wie hiesige Blätter berichten, von einer nach tausenden zählenden Menschenmasse besetzt und mußte, damit die Circulation aufrecht erhalten blieb durch reitende Schutzleute gesperrt werden. Zahlreiche Verhaftungen solcher Personen, welche „Hoch Hasenclever!“ riefen, wurden vorgenommen. Noch einmal wiederholten sich dlese Menschenansammlungen vor den Gebäuden derjenigen Zeitungen, welche Extrablätter angekündigt hatten. Während des ganzen Abends waren alle Lokale mit Menschen überfüllt, die begierig alle Einzelheiten der Wahl diskutierten. —

Wintergarten des Centralhotels, 1881 (Quelle: Wikipedia)

Das regste Leben herrschte in der Friedrichstraße von den Linden bis zum Centralhotel. Hier war das Hauptquartier der Fortschrittspartei aufgeschlagen, hier liefen die Fäden aus allen Wahlbezirken zusammen und wurden die Resultate der Wahl am ehesten verkündet. Vom Dunkelwerden an strömten die Massen nach dem Saale, der tausende faßt, bald aber so gefüllt war, daß im buchstäblichen Sinne des Wortes kein Apfel zur Erde konnte. Bald füllten sich die Straßen mit Harrenden, so daß der Verkehr in der ganzen Friedrichstadt gehemmt war. Die Polizei war aufgeboten, um die freie Circulation wieder herzustellen und etwaigen Ruhesstörungen vorzubeugen. Der Routine der Berliner Schutzmannschaft gelang auch diesmal das schwierige Werk, die kompakten Menschenknäuel begannen sich zu lösen, und bald waren die Straßen und das Centralhotel geräumt. Bis jetzt war das Werk aber nur halb gethan; es galt, die Massen im Fluß zu erhalten. Mit rücksichtsloser Strenge wurden etwa sich neu bildende Gruppen zerstreut. Endlich griff die Polizei zu einem Radikalmittel; sie sperrte an den Linden den Zugang zur Friedrichstraße sowie auch den zu dern Teil der Dorotheenstraße ab, der zum Eingange des Centralhotels führte. Das letztere war ebenfalls durch Schutzleute blockiert, welche jedermann den Zutritt verwehrten. Trotzdem war die Zahl der Wartenden noch immer groß, in fortwährendem Promenieren harrten sie aus, bis die Versammlung im Hotel geschlossen war, und die ersten herauskamen, denen es gelungen war, in den Saal zu dringen. Mit Windeseile verbreitete sich das Wahlresultat. Bis in die späte Nacht hinein herrschte auf den Straßen ein überaus bewegten Leben. Ueberall bildeten slch Gruppen, welche mit großem Eifer sich über die Ergebnisse der Wahl unterrichteten. An einzelnen Stellen der Stadt kam es noch zu ziemlich argen Reibereien. Da man vor dem Centralhotel im Publikum selbst zu Schlägereien überging, schritt die Polizei mit großer Strenge ein, nahm zahlreiche Verhaftungen vor und trieb die Tausende die Große Friedrichstraße entlang den Linden zu. Vor dem Café Bauer sammelte sich die Menge von neuem an, es gab Verhaftungen. An der Kranzler’schen Ecke war das Gedränge lebensgefährlich, und die Polizei mußte endlich die „Passage“ schließen, die Große Friedrichstraße von den Linden bis zur Behrenstraße vollständig säubern und absperren. Auch am Dönhofplatz kam es zu Schlägereien. Die Zahl der stattgehabten Verhaftungen muß eine ganz beträchtliche sein.

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