Unser Siegestag

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Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Band 2 (1896), Seite 241-242

Der 27. Oktober brachte uns reiche Belohnung für alle parlamentarischen und außerparlamentarischen Anstrengungen der letzten Jahre. Alle unsere Erwartungen wurden weit übertroffen. Die Eindrücke des Abends, als in unserem Bureau die Siegestelegramme einander auf dem Fuße folgten, werde ich nie vergessen. Mitunter stellten wir telegraphisch Rückfragen an, weil wir die hohen Ziffern fortschrittlicher Stimmen glaubten auf irrtümliche Meldungen zurückführen zu müssen. Bei den Wahlen von 1878 waren 385 084 Stimmen für die Kandidaten der Fortschrittspartei abgegeben worden. Diesmal betrug die Stimmenzahl 655 348. Wir hatten also 270 264 Stimmen gewonnen. Während 1878 nur auf 60 Kandidaten der Partei mehr als 1000 Stimmen abgegeben wurden, betrug die Zahl dieser Kandidaten jetzt 113. Unsere Fraktion zählte am Schluß der Wahlperiode 28 Mitglieder und Hospitanten. 32 Mandate gewannen wir schon im ersten Wahlgang, in 33 Wahlkreisen standen wir noch zur Stichwahl.

Mit der größten Spannung sahen wir den Wahlergebnissen von Berlin entgegen nach allen Vorgängen der letzten Zeit. Aber von Ludwig Löwe, dem besonders angefochtenen jüdischen Kandidaten, kam in unser Centralbureau die erste Siegesmeldung des Abends. Auch ich kam glatt durch, und zwar mit Zweidrittelmehrheit. Ähnlich Virchow und v. Saucken-Tarputschen. Nur im 4. und 6. Wahlkreis ergab sich für uns Stichwahl mit Sozialisten. Nirgend also waren in Berlin Konservative und Antisemiten auch nur in die Stichwahl gelangt.

Stöcker suchte seine Getreuen über den niederschlagenden Mißerfolg zu trösten damit, daß doch seine “Berliner Bewegung” 46 000 konservative Stimmen in Berlin zur Erscheinung gebracht habe. Aber 15 000 konservative Stimmen waren schon 1878 abgegeben worden, und der Unterschied von 30 000 ist nur zu einem geringen Teil den Sozialisten abgenommen worden. Der Rückgang der sozialistischen Stimmen in Berlin seit 1878 um 26 000 erklärt sich aus den ersten einschüchternden, aber bald vorübergehenden Wirkungen des Sozialistengesetzes und aus dem Umstand, daß die Sozialisten diesmal ihre Anstrengungen wesentlich nur aus den 4. und 6. Wahlkreis, welche sie 1877 erobert hatten, konzentrierten. Das Wachstum der konservativen Stimmenzahl folgte aus dem antisemitischen Zulauf und aus dem zur Wahlurne höheren Orts aufgebotenen abhängigen Beamtentum aller Ressorts. Trotz Stöcker und der ganzen “Berliner Bewegung”, trotz aller Angriffe des Fürsten Bismarck auf den “Fortschrittsring” wurden in Berlin für Fortschrittskandidaten 1881 noch 4000 Stimmen mehr abgegeben als 1878.

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