Die Berliner Wahlen

Dieser Artikel wurde 4157 mal gelesen.

Neue Freie Presse, Wien, 29. Oktober 1881

(Orig.-Corr. der „N. Fr. Pr.“)

Berlin, 27. October.

Es ist eine knappe Stunde vor Postschluß, da ich Ihnen diese Zeilen schreibe. Mit fliegender Hast, aber auch mit lebhafter Genugthuung, denn was ich ihnen mitzutheilen habe, ist der Sieg der Liberalen Berlins über ihre vielgestaltigen Gegner: die Agrarier, die Schutzzöllner, die Junker, die Staatssocialisten und die Antisemiten. Berlin hat einen großen Tag hinter sich, an dem es sich wieder einmal als dle wirkliche „Stadt der Intelligenz“ erwies, als die Stadt der politischen Reife und Beharrlichkeit. Man ruft soeben das Ergebnis der Reichstagswahlen aus: Virchow, Eugen Richter, Löwe, v. Saucken-Tarputschen sind gewählt, Stöcker, Liebermann, Cremer, Schulze unterlegen. Albert Träger wird gegen Bebel, Klotz gegen Hasenclever eine Stichwahl zu bestehen haben. Man wird fortan nicht mehr sagen können, daß Berlin sich nicht zu wehren wisse gegen die politische und confessionelle Corruption; es ist die Burg der Fortschrittspartei geblieben, trotzdem man es mit den gewaltthatigsten und verwerflichsten Mitteln zu unterwühlen trachtete. Das ist die unvergeßliche Signatur des heutigen Tages. Und wenn man etwa einwenden wollte, die Gegner des Liberalismus seien in gewaltigen Minotitäten an der Wahlurne erschienen, so ist darauf zu antworten, daß um so glänzender der Sieg sei, durch welchen zwar nicht die Social-Demokraten verdrängt werden konnten, aber die Marionetten der Reaction, die Stöcker, Henrici und Cremer, hinweggelöscht wurden von der Tafel der Candidaturen, auf die sie ihre obscuren Namen zu schreiben sich erdreistet hatten. Afflavit et dissipati sunt.

Um zu begreifen, wie werthvoll dieses Ergebniß ist, muß man gesehen haben, mas bis zur letzten Stunde aufgewendet wurde, um die wirkliche politische Physiognomie Berlins zu fälschen. Es herrschte nicht etwa ein fieberhafter Lärm auf den Straßen; nur vor den Wahllocalen war Beweglichkeit und Geräusch. Und auch hier waren es nur die Gegner der Liberalen, welche sich durch ihr aufdringliches und widerwärtiges Treiben bemerklich machten, Da schritten im ersten Wahlbezirke, wo Ludwig Löwe im Kampfe gegen den ehemaligen Lieutenant Liebermann v. Sonnenberg stand, Individuen mit großen Kornblumen im Knopfloche einher; auf Brust und Rücken trugen sie Placate mit der Aufschrift: „Wählt keinen Juden!“ oder „Wählt Max Liebermann v. Sonnenberg, den Candidaten der christlichen Deutschen!“ oder „Candidat der Juden und Judengenossen ist der jüdische Gründer Ludwig Löwe“. In dem zweiten Wahlbezirke, dem sogenannten Geheimrathtsviertel, wo Stöcker gegen Virchow candidirte, ging es zumeist still und vornehm her, nur draußen vor der Hasenhaide zeigte sich der Hofprediger in Person, um geschäftig für sich zu werben. Im vierten Wahlbezirke ist der Arbeiter der Herr der Situation; die Leute mit den schwieligen Fäusten und finsteren Mienen führen den Namen Bebel’s im Munde und auf dem Stimmzettel; die Placate für die Candidatur des staatssocialistischen Professors Adolph Wagner finden spärliche Abnehmer. Und wieder stößt man auf farbige Placate mit der Aufschrift: „Wählt keine Judenknechte!“ Es ist im fünften Wahlbezirke, wo der frühere Ultramontane und jetzige Antisemiten-Führer Cremer mit Eugen Richter sich zu messen hat. Leise, fast heuchlerisch vollzieht sich hier die Agitation; nur von Zeit zu Zeit fallen die Flugblätter und Placate wie Schneegestöber auf die herankommenden Wähler hernieder. Da merkt man im sechsten Wahlbezirke noch ganz anders, daß heute Wahltag ist. hier stellen die Fabriken ihr Contingent; die Arbeiter sind zwischen 1 und 2 Uhr aus den Werkstätten entlassen worden, um ihrer Wahlpflicht zu genügen. Und sie kommen schaarenweise, fest und entschlossen; ihr Mann ist Hasenclever. In allen Wahlbezirken aber sind  ses weder die fortschrittlichen, noch die social-demokratischen Wähler, die das ernste Geschäft des Tages mit frivoler Unstetigteit vollziehen; sie kommen und gehen, reichen den weißen Zettel hin und kehren zur Arbeit zurück; nur die „Antifortschrittlichen“ trinken und lassen trinken, halten die Thüren benachbarter Restaurationen offen und zerren Wähler, die ihnen unentschlossen oder indifferent scheinen, an den Biertisch, um sie für ihre Candidaten zu gewinnen.

Das war, ln flüchtigen Strichen gezeichnet, das äußere Bild des heutigen Tages. Es hat seine Parallele zu einer amerikanischen oder ungarischen Wahl, aber man vermochte genau zu unterscheiden zwischen jenen Elementen, welche in einem Virchow, einem Mommsen die wahren Zierden deutscher Cultur und Fortbildung verehren, und den Anderen, welche an die Stelle der Cultur die Willkür einer barbarischen Reaction setzen wollen; das Traurige dabei war nur, daß nicht jene, sondern diese Elemente mit dem Anspruche auftreten durften, die Gunst und Zustimmung der Regierung zu besitzen.

Dem äußeren Bilde entsprach das Ergebniß des Stimmzettels, denn eine Wahlbetheiligung von gleicher Stärke ist in Berlin bis jetzt noch niemals wahrgenommen worden. Schon im Jahre 1878, nach der Auslösung des Reichstages, der das Socialisten-Gesetz abgelehnt hatte, waren die Wähler in ungewohnter Zahl an die Urne gekommen, aber diesmal erhoben sich die Ziffern zu einer ungeahnten Höhe. Es werden im zweiten Wahlkreise wol gegen 30,000 Stimmen, im vierten gar gegen 40,000 abgegeben worden sein. In dem letzteren ist Albert Träger trotz seiner 19,000 Stimmen nicht definitiv durchgedrungen, und es ist nicht ausgemacht, ob er über Bebel die Oberhand behält, falls die Wähler Wagner’s, des Staatssocialisten, bei der Stichwahl ihre Stimmen mit denen der Social-Demokraten vereinigen sollten. Gestern noch bemerkte die Norddeutsche Allgemeine Zeitung hochfahrend, die Liberalen hätten nirgends gesiegt, wo deren Gegner bei der Wahl ihre Pflicht gethan hätten; nun haben diese Gegner ihre Pflicht gethan, denn von ihnen ist heute Keiner zu Hause geblieben, aber gesiegt haben sie dennoch nicht. Was wird die Norddeutsche Allgemeine Zeitung morgen sagen? Vermuthlich, daß man sich mit den starken Minoritäten zufrieden geben könne. Aber wie sind diese Minoritäten zu Stande gekommen? Durch Mittel, deren sich ehedem ein Conservativer bis in die Seele hinein geschämt hätte. Man hat die Social-Demokratie durch das Socialisten- Gesetz bändigen zu können geglaubt; heute hat es sich erwiesen, daß das Socialisten-Gesetz nur ein gewaltthätiger Irrthum ist; man hat die Fortschrittspartei durch die Antisemiten verdrängen eollen; heute ist es zu Tage gekommen, daß der Antisemit ein ebenso untauglicher als ominöser Bundesgenosse ist. Ist Berlin dem Fürsten Bismarck eine verhaßte Stadt, so muß der Kanzler jetzt wol zur Erkenntnis: kommen, daß man sich durch den Haß keine Anhänger wirbt, und darf es heute weniger denn je der Hoffnung sich hingeben, daß es noch irgendwann die Liebe des Fürsten Bismarck erwerben könnte, so mag es sich immerhin damit trösten, daß es wenig verliert, wenn man seine Sympathie für diejenige der Stöcker, Liebermann und Cremer darangibt.

Bei Friedrich dein Großen war einst ein Fremdling aus Frankreich, den ihm Voltaire gesendet hatte, zur Audienz. „Wenn Sie in Berlin,“ belehrte der König den Fremden, „gegen mich ein Wort des Tadels fallen lassen, so schadet es wenig; das verträgt der Berliner. Aber hüten Sie sich, auf Lieberkühn (einen damiligen populären Arzt) zu raisoniren; das verträgt der Berliner nicht.“ Fürst Bismarck hat heute erfahren, was der Berliner nicht verträgt. Auf Mommsen und Virchow und die Männer seines Vertrauens läßt er nicht mit den Dreschflegeln einer unwürdigen Polemik losschlagen; das verträgt er nicht.

Mehr zum Thema „Antisemitismus“ bei Libera Media (erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken):

Deutschtum%20und%20Judentum%20klein%202

Eine ausführliche Einleitung und zahlreiche Fußnoten zu Personen, Sachverhalten und ungewöhnlichen Wörtern helfen dem heutigen Leser beim Verständnis.

Dieser Beitrag wurde unter 1881, Antisemitismus, Deutsche Fortschrittspartei, Deutschland, Geschichte, Konservative, Liberalismus, Parlamentarismus, Sozialdemokratie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar