Zu den Reichstagswahlen

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Neue Freie Presse, Wien, 29. Oktober 1881

Ein Gesammtbild ergeben die Nachrichten über das Resultat der deutschen Reichstagswahlen noch immer nicht; allein so viel scheint schon jetzt festzustehen, daß der Liberalismus eine Niederlage nicht zu beklagen hat. Wir haben wiederholt darauf hingedeutet, daß die innere Politik des Fürsten Bismarck eine Verschiebung der liberalen Elemente nach links zur Folge haben müsse, und es zeigt sich, daß die Elemente, welche sich in der Mitte zu halten suchen, die National-Liberalen und die Freiconservativen, den Preis des Wahlkampfes zu zahlen haben. Glücklicherweise sind es die Secessionisten und die Fortschrittspartei, welchen dies in erster Linie zu statten kommt, denn sie werden in jedem Falle verstärkt in den Reichstag zurückkehren; schon jetzt ist eine Vermehrung ihres Besitzstandes constatirt. Ihre Führer sind glänzend wiedergewählt; Stauffenberg. Lasker, Rickert, Forckenbeck sind bereits im Besitze ihrer Mandate; auch die überwiegende Mehrzahl der Stichwahlen wird zwischen ihnen und den Social·Demokraten stattzufinden haben. Der von dem Fürsten Bismarck speciell empfohlene conservative Candidat Admiral Werner ist in Wiesbaden von Schulze-Delitzsch mit erdrückender Majorität geschlagen worden. Man hat von gouvernementaler Seite vergeblich Alles ausgeboten, um einen Wahlerfolg der Liberalen zu hintertreiben. In Berlin z. B. wurden vorgestern Mittags, als die Wahl bereits im Gange war, die Placate mit dem liberalen Candidaten von Schutzleuten gewaltsam entfernt und nur die Aushänge mit dem Namen des conservativen übrig gelassen. In gleicher Weise wurden die ambulanten öffentlichen Tafeln mit den Namen der liberalen Candidaten gewaltsam beseitigt. Die National-Zeitung bemerkt mit Recht, das Berliner Wahlergebnis bedeute. daß die Reichshauptstadt unter Schwierigkeiten wie niemals zuvor eingetreten ist für den Constitutionalismus gegen die Dictatur, für die Selbstbestimmung des Menschen in Erwerb  und Verkehr gegen die Gängelung durch eine bevormundende Staatsvorsehung, für die Zurückweisung pfäffischer Beherrschung der bürgerlichen Gesellschaft, für wahre Toleranz gegen heuchlerische Verfolgungssucht, für die Anwendung ehrlicher Mittel im politischen Kampfe gegen eine Taktik, der jedes Mittel recht ist. 

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