Die Wahlen zum deutschen Reichstage (I)

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Allgemeine Zeitung des Judenthums, 8. November 1881

Bonn, den 2. November.

Die Wahlen zum deutschen Reichstage. I.

Was haben uns die Wahlen vom 27. October gebracht? Unsere Leser wissen, daß wir diese Frage an dieser Stelle nicht aus politischen Gründen aufwerfen und nicht nach der politischen Seite beantworten. Wir haben uns hier nur mit dem speziellen Momente zu beschäftigen, dem unser Blatt gewidmet ist, und bedauern es allzusehr, daß unsere Glaubensgenossenschaft von ihren Gegnern in das politische Getreibe hineingezogen worden. Und da können wir denn mit großer Befriedigung die obige Frage dahin beantworten, daß der eigentliche Antisemitismus von den Wählern des deutschen Volkes ein glänzendes Dementi erhalten hat. Es wird sich dies aus dem Folgenden ergeben. Sehen wir uns zuerst nach den bisherigen Abgeordneten jüdischer Religion um, denn gegen diese richtete sich „mit unendlichen Mühen und ungeheuren Kosten“, wie selbst die [der Zentrumspartei nahestehende und selbst oft antisemitische] „Germania“: sagt, der wahrhaft fanatische Eifer der Antisemiten, Conservativen und der orthodoxen Protestanten ganz besonders. War doch noch am Wahltage das Straßenpflaster Berlins mit Flugblättern: „Wählet keinen Juden!“ bedeckt und an zahllosen Häusern las man die Plakate mit der gleichen Aufforderung. Nun, Ludwig Löwe (Berlin) ist wieder gewählt; Lasker (Meiningen) ist wieder gewählt; Freund, Sonnemann und Bamberger kommen in die Stichwahl — nicht gegen Conservative, sondern — gegen Sorialdemokraten. In eigenthümlicher Weise standen sich in Hamburg zwei Juden gegenüber: der bisherige national-liberale Wolfsohn und der fortschrittliche Rée (Director einer jüdischen Gemeindeschule): Beide kommen gegeneinander in die Stichwahl. Somit ist bis jetzt nur Einer unterlegen: Dr. Mendel im Niederbarnimschen Kreise. Dagegen sind Dr. Max Hirsch in Gera und der Socialdemokrat Moses Oppenheimer (der mehrere tüchtige Broischüren gegen die Antisemiten, namentlich Stöcker, geschrieben hat) in Elberfeld-Barmen in die Stichwahl gekommen; nur ist  der Socialdemokrat Kaiser nicht wieder gewählt. Man sieht also, daß alle die antisemitischen und conservativen Hetzereien keinen Erfolg in dieser Beziehung gehabt haben. Denn wir brauchen den Leser nicht erst darauf aufmerksam zu machen, daß die diesmaligen Wahlen durch die Zersplitterung der Parteien eine ungewöhnlich sich das Resultat im Ganzen noch gar nicht feststellen läßt. Genug, daß die Stichwahlen für die oben angeführten jüdischen Abgeordneten nicht gegen die Antisemiten, sondern gegen die Socialdemokraten stattfinden. — Sehen wir nun nach dem weiteren Verlaufe, so haben bis jetzt die eigentlichen Antisemten keinen einzigen Sitz erobert. In ihrem Hauptsitze, in Berlin, sind von Liebermann-Sonnenberg gegen Ludwig Löwe, Stöcker gegen Virchow, Julius Schulze gegen v. Saucken-Tarputschen, Cremer gegen Eugen Richter, Obermeister Meyer gegen Klotz, Prof. Wagner (der jedoch sich nicht für den Antisemitismus erklärt hatte) gegen Träger durchgefallen. Ebensowenig haben die Antisemiten in Beslau, Dresden und Leipzig einen Erfolg gehabt. In Dresden Neustadt brachte es der Antisemit Pinkert zu — 124 Stimmen unter ca. 8000 Stimmenden. Stöcker war bekanntlich in Dresden-Altstadt aufgestellt und fiel mit 2074 Stimmen unter ca. 24,000 Stimmenden durch. In Frankfurt a. O.  unterlag Stöcker mit 1107 Stimmen unter ca. 5000 Stimmenden. Dagegen kommt Stöcker in Siegen und Minden in die Stichwahl; an ersterem Orte hat er keine Aussicht, ins letzterem allerdings. — Im Allgemeinen glaubt man, daß der Reichtag keine sehr veränderte Physiognomie haben werde. Allein es haben doch schon jetzt die Conservativen gegen die Liberalen Sitze verloren (z. B. in Königsberg), und alle ihre Anstrengungen gegen bedeutende Führer der Liberalen sind erfolglos geblieben; Eugen Richter ist zweimal gewählt (Berlin und Hagen), ebenso Rückert, auch G. v. Bunsen ist wieder gewählt. Der ganze, mit so ungeheuren Anstrengungen und zum Theil mit schmählichen Mitteln geführte Feldzug gegen die Liberalen hat Jenen nichts geholfen. Bemerkenswerth ist, daß die Fortschrittspartei bedeutende Siege errungen, besonders gegen die Nationalliberalen. Der Reichstag wird also eine größere entschiedene Partei in seinem Schoße haben.

Hieran schließt sich von selbst die Frage an: wird durch diese Niederlage der Antisemitismus sich verlaufen? Wir glauben, diese Frage nicht geradezu verneinen zu dürfen. Die antisemitischen und conservativen Blätter jubiliren über die großen Minoritäten, die ihre Partei in Berlin erreicht habe. Allerdings hatten die Conservativen 1878 nur 16,043, diesmal 47,229 Stimmen, wogegen der Fortschritt nur von 85,424 auf 89,154 gestiegen ist, und die Socialdemo- kraten von 56,147 auf 40,043 zurückgegangen sind; auch die „Zersplitterten“, worunter namentlich die Ultramontanen, stiegen von 1,647 auf 2,263. Im Ganzen haben die Conservativen in Berlin jedoch nur 47,000 von 168,000 erzielt, also ungefähr ein Viertel der Stimmen. Hierbei muß man aber erwägen, daß diese 47,000 sich aus den verschiedensten Elementen zusammensetzen, aus Conservativen, Gouvernementalen, Schutzzöllnern, Zünftlern, Staatssocialisten, anderen Frondeurs und Antisemiten. Diese Zusammensetzung bestimmt selbst die „Germania“ zu sagen, daß durch diese, sowie durch die Mittel und Wege, welche verwendet wurden, „der conservative Gedanke nicht vorwärts, sondern zurückgegangen sei“. Bilden nun die Conservativen im Reichstage eine ansehnliche Partei und befinden sich unter denselben entschiedene Antisemiten, wie z. B. Kleist-Retzow, so sind wir noch lange nicht sicher, daß nicht Anträge auf Beseitigung der Gleichstellung gestellt werden. Andererseits darf nicht übersehen werden, daß bereits zu viele Personen in Berlin ein Geschäft aus dem Antisemitismus machen, um nicht mit allen Kräften darnach zu streben, ihn immer wieder anzufachen, und daß dieser in den sog. gebildeten Kreisen allzu viele Anhänger gefunden. Diese sind durch die Niederlage nur um so erbitterter und dies zeigte sich z. B. am Abend und in der Nacht nach den Wahlen in Aufläufen, die nur durch das nachdrückliche Einschreiten der Sicherheitsbehörde vereitelt wurden. Es wurden wegen Widerstandes an 60 Personen arretirt, die sämmtlich der sog. gebildeten Klasse angehörten. Keiner, wie die Berliner Blätter sagen, dem Janhagel.1) Da nun endlich die Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhause in kurzer Zeit bevorstehen, so rüsten jene sich bereits zu einem neuen Feldzuge. Indeß werden sie wirkliche Siege nicht erzielen, da sie dies auf der jedenfalls eben erreichten Kampfeshöhe nicht vermochten und der sog. Fortschrittsring nicht gebrochen werden konnte.

1) Wir heben hier von den vielen Vorkommnissen in dieser Nacht nur folgende zwei hervor, welche den rohen und gemeinen Character dieser ganzen Agitation bezeichnen. Vor dem Hause des Abg. Ludwig Löwe sammelte sich ein Haufen Antisemiten, stieß die schmählichsten Rufe aus und versuchte das Thor zu sprengen, wovon er nur durch das Heraneilen einer zahlreichen Schutzmannschaft verhindert wurde. In einem Locale der Potsdamer Straße ging ein „Reichstreuer“, wie Augenzeugen versichern, so weit, daß er einem älteren jüdischen Herren trotz seiner annähernd 70 Jahre ohne jedwede Provocation eine Ohrfeige appliciren zu dürfen meinte. Das Einschreiten Dritter verhinderte weitere Ausschreitungen des Herrn, der sich zur Legitimation gezwungen, als Geh. expedirender Secretair im Kriegsministeriumn entpuppte.

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