Muckenich im Namen Vieler

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Berliner Wespen, 16. November 1881

Meine Herren un Damen!

Ick sage ausdrücklich „un Damen“, obschon wir nur Herren sind. Aber Sie sollen Allens, wat ick Ihnen hier plausibel machen will, Ihren Frauen sagen, wenn Sie heute zu Hause kommen. Denn die Frauen haben in solchen Dingen den richtigen Blick.

Es handelt sich nämlich um was sehr Wichtiges: um det Fortjagen aus dem Vaterland, um det Jeschrei: Raus aus Deutschland!

Ick will deutlicher werden.

Nämlich, un wenn ick mir uf’n Kopp stelle, ick sehe nich in, warum immer die Juden in jede Hinsicht bevorzugt werden sollen. Det is unjerecht un zweierlei Maaß un empört mir. Wir bezahlen so jut unsere Steuern wie die Juden, un müssen unsere Jungens so jut zu’s Militair herjeben wie die Juden, also ick will bei jleichen Pflichten jleiche Rechte, un wenn ick hier die janze Nacht reden soll.

Ick will deutlicher werden.

Meine Herren un Damen, schon seit jeraumer Zeit sind des Abends die antisemitischen Kneipen so voll, daß keener von die faulen Aeppel, die die Liberalen da an den Kopp kriejen, zur Erde kann. Da steht denn unser berühmter Mitbürjer — wie heeßt er doch jleich? — richtig: Herr Henricinus, wejen seiner Schönheit „der Apollo von Cunow“ jenannt, uf die Tribüne un ballt seine Hände un Füße un verlangt, die Juden sollen aus Deutschland raus. Jroßer, alljemeiner Applaus. Es wird mit sojenannte frenetische Hände Beifall jezollt. Die abjesagtesten Feinde packen sich an die Jurjel un küssen sich un halten sich frei, un es dauert lange, bis sich die Aufrejung jelegt un wieder ruhig rausjeschmissen werden kann.

Ick will deutlicher werden.

Meine Herren un Damen, et is jetzt in Deutschland sehr eklig. Nehmen Sie’s man nich übel, daß ick der Wahrheit die Ehre jebe. Ick nehme Ihnen ja doch man bloß det Wort vom Munde. Et is eklig. Sehr! Umsonst fragt Schiller mit mir: „Wo öffnet sich dem Frieden, wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort?“ Nirjends! Sie können sich druf verlassen. Selbst dem Kahlköpfigsten muß sich det Haar sträuben un der Obdachloseste aus dem Häuschen sein. Ick will mir nich auf Details inlassen, aber wer heute findet, daß et hübsch in Deutschland is, der is mit Hühneroogen jeschlagen. Lüjen werden verbreitet, Beene werden jestellt, Ehrenmänner werden verleumundet, Haß wird jepredigt, Steuern werden ersonnen, Brünette werden jebläut, Scheiben werden zertrümmert, Wähler werden jeködert, et is sehr eklig!

Ick will deutlicher werden.

Meine Herren und Damen, wer unter Ihnen hat nich schon heimlich oder laut jedacht: Ach, wenn ick doch man bloß wegkönnte, irgendwohin, wo man sein Brod in Frieden jenießen kann! Da jiebt et sehr anjenehme Plätze, — ick alleene weeß 273 Ortschaften zu nennen, wo et sich sehr schön un preiswürdig leben läßt, un wenn Sie wünschen, will ick sie Ihnen verschweijen, weil ick Ihre dem Pilsener un Culmbacher jewidmete Zeit nich unnütz in Anspruch nehmen will. Aber ick frage Ihnen: Is et bei solche Zustände jerecht, daß man bloß die Juden die Wohlthat der Ausweisung uf jemeinschaftliche Rechnung jenießen lassen will? Immer sollen die Juden den Vorzug haben, jedes Verjnügen sollen sie jenießen, als wenn wir nich ooch Jeschmack besitzen un Freunde von so wat sind!

Ick will deutlicher werden!

Meine Herren un Damen, wir Christen, in deren Verjangenheit keen Tropfen semitischen Blutes fließt, un die wir et hier so eklig finden, daß von diese Zustände keen Hund ’n Stück Brod nimmt, wir wollen nich länger jewaltsam ausjeschlossen werden, wenn et Ausjewandertwerden losjeht dahin, wo et eine bessere Jejenwart jiebt. Meine Herren und Damen, ick fühle, daß ick bitter werde, und daß det Bier kalt wird, darum will ick schließen und zwar in der juten Hoffnung, daß et bald besser wird. Wird et aber schlimmer, denn will ick ooch rausjeschmissen werden!

Deutlicher will ick nich werden!

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