Glückliche Menschheit

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Alexander Moszkowski, 1922

Wie praktisch hat doch die Natur
Den Menschenkörper eingerichtet!
Wie sorgsam hat sie die Struktur
Bis zur Vollendung aufgezüchtet!

Sie hat uns Muskeln aufgepackt,
Damit wir unser Rheuma pflegen,
Sie hat uns Nieren eingesackt,
Der Brightschen Nierenkrankheit wegen.

Schon in der Schule lernen wir:
Die Milz, die dient zum Seitenstechen,
Und als Pendant behalte dir:
Die Galle dient zum Gall‘-Erbrechen.

Zwei Schläfen jeder haben muß,
Damit man die Migräne kriege,
Man hat den Ischiatikus,
Damit man krank an Ischias liege.

Die Hände eignen sich zur Gicht,
Wenn wir ins reif’re Alter wandeln,
Und hätten wir die Mandeln nicht,
Wie gäb‘ es da geschwollne Mandeln?

Das Blut, das ist zur Stockung da,
Das Ohr für Mittelohrkatarrhe,
Das Bein dient uns zum Podagra,
Das Rückenmark zur Rückendarre.

Für Hühneraugen dient der Zeh,
Die Lunge für Tuberkulose,
Die Därme sind für Bäucheweh,
Die Lenden für die Gürtelrose.

Die Nase gibt Polypen her,
Den Vorzug läßt sie sich nicht schmälern,
Das Herz, was will die Menschheit mehr,
Versorgt die Welt mit Klappenfehlern.

Auf keinen Vorteil der Struktur
Hat irgend ein Organ verzichtet, —
Wie praktisch hat doch die Natur
Den Menschenkörper eingerichtet!

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