Herzlichen Glückwunsch, Julius Stettenheim!

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Zum 181. Geburtstag alles Gute an unseren Mitblogger Julius Stettenheim!

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Quelle: Wikipedia

Hier zur Feier des Tages ein etwas älterer Post von ihm aus dem Jahre 1870:

Die einkaufende Frau

Haben sich die geschätzten Leser schon einmal die Mühe gegeben, den Commis in einem Modemagazin zu beobachten? d. h. beobachtet im wahren Sinne des Wortes. Nicht leichthin, nicht oberflächlich, sondern gründlich, nachdenklich, gelehrt? Etwa wie Virchow eine Trichine, wie ein Mineralog einen Petrefacten anschaut?

Denn zwischen anschauen und anschauen ist ein Unterschied, wie zwischen dem Orpheus von Gluck und dem Orpheus von Offenbach.

Wenn ich einen meiner Leser frage: Was ist ein Commis in einem Modemagazin? so muß ich fürchten, daß einer meiner Leser die Achsel zuckt und antwortet: Nun, ein Commis in einem Modemagazin ist ein Commis in einem Modemagazin.

Ich würde diese Antwort tief beklagen. Sie wäre mir ein neuer Beweis dafür, daß die Alltäglichkeit einer Erscheinung stets der Erkenntniß hindernd entgegentritt, und daß der gewöhnliche Mensch den Commis in einem Modemagazin betrachtet, wie einen Stern am Firmament, eine Warze auf der Nase, einen Thautropfen im Blumenkelch.

Man sieht das zu oft, und so werden die räthselhaftesten Dinge gewöhnlich. Der Mensch sieht einen Berg, aber er kümmert sich nicht darum, daß hinter dem Berge auch noch Menschen wohnen.

Der Commis in einem Modemagazin ist solche ein Berg. Hinter ihm ist ein Mensch zu finden.

Ein Mensch, den man anstaunen, bewundern muß.

Männer finden in dem Commis eines Modemagazins einen Commis wie jeden andern Kaufmann. Einen allezeit freundlichen, zuvorkommenden, sonntäglich gekleideten jungen Mann mit sorgfältig gepflegten Händen, einem gewichsten Schnurrbart, colossalen Manschettenknöpfen mit unleserlich verschlungenen Initialen, und einer unglaublichen Cravatte. Männern gegenüber ist er auch nicht außergewöhnlich. Er legt ihnen Waaren vor, sagt ihnen die Preise, macht einige vortreffliche Bemerkungen über das stille Geschäft, stemmt seine beiden Hände, wie der rhodäische Colossus die Beine, auf den Ladentisch und macht, was gemacht werden kann.

Wenn ich aber sehe, wie der Commis in einem Modemagazin mit der weiblichen Kundschaft umzugehen versteht, ohne die Geduld zu verlieren, so bin ich ihm das Geständniß schuldig, daß ich ihn bewundere.

Denn eine Berlinerin ist beim Einkaufen der böse Dämon eines Modemagazins. Sie betrachtet den Ladentisch als die Folterbank, auf der das unglückliche Opfer der weiblichen Inquisition lächelnd alle erdenklichen Arten der herzlosesten Quälereien aushält, um sich noch irgend ein verborgenes Stück Seide, oder einen halben Groschen per Elle abpressen zu lassen.

Wenn Kotzebue sagt: „Sanft sind die Weiber alle, aber nur außer dem Hause“, so hat er vielleicht die Berlinerinnen in den Läden beobachtet.

Es ist erstaunlich, zu welchen Grausamkeiten eine sonst gutmüthige, liebenswürdige Frau durch den Anblick von Kleider- und anderen Stoffen verleitet werden kann! Man sieht ihr auf der Straße keine bösen Absichten an. Ihr Blick ist sanft, ihre Haltung ruhig. Aber ein Modemagazin wirkt auf sie wie Wasser auf eine Zauberphotographie. Es tritt ein Bild hervor, welches wir vorher nicht geahnt haben, ein Bild, welches uns an die Frau erinnert, die in der Goethe’schen Hexenküche durch die Flamme des Schornsteins herabfährt und die anwesenden Gäste verbrennen will. Kaum ist die Dame eingetreten, so scheint sie ganz plötzlich wie nach einem hastigen Schluck Lethewasser vergessen zu haben, was sie eigentlich in den Laden geführt hat. Sie — der weiblich gewordene Hans Styx — vermag daher auf die Frage des Commis, was sie wünsche, nur eine höchst unverständliche, verschwommene Antwort zu geben. Sie macht allerdings ein Geständniß, aber wie ein verstockter Verbrecher nimmt sie dies im entscheidenden Augenblick zurück, so daß die Untersuchung auf’s Neue eröffnet werden muß. Der Commis thut dies mit Resignation, an alle Entsetzlichkeiten gewöhnt etwa wie ein Aal, von dem die Fischfrauen behaupten, das Geschundenwerden bei lebendigem Leibe mache bei dem armen Thiere weiter keinen erheblichen Eindruck, weil „der Aal es nicht anders wüßte“. Der Commis in einem Modemagazin hat entschieden etwas vom Aal in seinem Wesen. Wie dieser zeichnet er sich durch schlanke Form und schnelle zierliche Wendungen aus. Am Tage hält er sich im Schlamme süßer Unterhaltung auf, sein Leben ist sehr zähe, und wenn ihm die Kundschaft das Herz herausreißt, so lebt er ruhig fort, indem er sagt: „Wie lange haben wir Sie nicht mehr gesehen!“ Er bemüht sich also, die geheimsten Gedanken der ihn quälenden Berlinerin dadurch herauszulocken, daß er den ganzen Vorrath von Manufacturwaaren, der sich im Laden befindet, vor ihr ausbreitet, jedes Stück öffnet, die Vorzüge desselben hervorhebt, und dabei ein so freundliches Gesicht macht, als sei er von der Dame auf einen Löffel Schildkrötensuppe eingeladen.

Aber die Berlinerin bleibt völlig kalt. Alle Schätze der Sammet- und Seidefabrication entlocken ihr keinen Ton der Bewunderung. Sie wühlt in ihnen umher wie ein Anatom in den Eingeweiden einer Leiche. Sie erschöpft Stunden lang den Vorrath des Magazins und frägt mit entsetzlicher Kaltblütigkeit: Ist das Alles? Das Sprüchwort „Wer die Wahl hat, hat die Qual“ ist hier so zu verstehen, daß, wenn die Berlinerin die Wahl hat, die Qual sich ganz auf der Seite des Commis befindet, von dem sie bedient wird.

Die Berlinerin geht in ein Modewaaren-Magazin, wie der Berliner in den Club geht: zur Erholung. Diese Erholung besteht aber in rastlosen Anstrengungen, während der Mann sich natürlich in einem dolce far niente erholt. Aber die Arbeit, die Commis zu peinigen, ist ihre Erholung. Ihre Herrschaft über den Gatten und über das Dienstmädchen bereiten ihr große Anstrengungen und ist auch ein höchst undankbarer Zeitvertreib. Denn der Gatte wagt doch dann und wann ein gesinnungstüchtige Opposition, und das Dienstmädchen rächt sich durch Einreichung ihrer Demission und durch allerlei chikaneuse Einfälle, die bis zum Austritt dauern und sich bis zur plötzlichen Verlobung mit einer halben Compagnie Infanterie aus der nächsten Caserne steigern, wodurch Küche und Hausflur zu Schauplätzen zügelloser Zärtlichkeiten werden. Der Commis des Modewaaren-Magazins dagegen ist völlig waffenlos gegen eine tyrannische Berlinerin. Er muß immer lächeln, und wenn sein Herz verblutet unter den Nadelstichen ihrer Unschlüssigkeit, wenn es sich zu Tode zuckt auf der Folter ihrer Laune, er muß lächeln. Krampfhaft ballt sich seine Faust unter dem Stoff, den er der Dame entgegenhält, ein Fluch zittert in seiner Seele, während er „Gnädige Frau!“ sagt, aber er lächelt. Sie bewundert eine blaue Robe, aber plötzlich wünscht sie dieselbe in einer Farbe, welche die Chemie nicht kennt, weil noch keine Mischung eine solche entstehen ließ, — er lächelt, er ist höflich, er verbeugt sich, er ist zärtlich. Blasirter Akiba, ist schon einmal ein verzweifelnder Modewaaren-Commis dagewesen?

Nein, hochwürdiger Rabbi!

Wer aber hat mehr Grund zu verzweifeln als ein Modewaaren-Commis?

Niemand, geehrter Leser!

Wenn eine Berlinerin in den Laden tritt und sagt: „Bitte, wollen Sie mir die neuesten Seidenkleider zeigen“, so kann man zehn gegen eins wetten, daß sie für ihre Köchin eine Schürze von Kattun kaufen will. Wenn sie sich aber Kattun vorlegen läßt, dann geht sie vielleicht mit dem Auftrag fort, ihr ein Dutzend indischer Shawls zur Auswahl in’s Haus zu schicken.

Ich habe diese merkwürdige Leidenschaft der Berlinerinnen, Modemagazine auf den Kopf zu stellen und deren Commis zu martern, näher betrachtet als mancher meiner geschätzten Leser, aber ohne Erfolg. Ich habe mich endlich mit einigen mir befreundeten Commis in Verbindung gesetzt, und aus manchen Andeutungen führe ich das Räthsel, das uns vorliegt, auf die Commis überhaupt, und von diesen auf das Kapitel der Seelenwanderung zurück, welche ich bis dahin geleugnet, ja verlacht hatte. In den Modewaaren-Commis stecken nämlich Seelen verstorbener Frauenmörder, ungetreuer Gatten, Mädchenverführer, Blaubärte und anderer Bösewichter, welche nun endlich hinter Ladentischen ihre gerechte Strafe finden und zwar durch dasjenige Geschlecht, an dem sie gesündigt haben. Man wird auch in den Modewaaren-Commis bei einiger Aufmerksamkeit einen deutlichen Hang zum Courmachen entdecken, welcher sich dadurch documentirt, daß sie in freien Momenten an das Ladenfenster treten, um die vor demselben stehenden Bürgerinnen milde anzublicken, indem sie die in ihren Schnurrbärten befindliche Pommade hongroise verarbeiten, oder andere Verführungskünste anwenden. Diese sind nichts als Aeußerungen der in sie gefahrenen, verurtheilten Seelen, das Wachwerden des alten Adam, der jetzt in ihnen als Aftermiether wohnt und seine bösen Streiche macht. Diese Seelen nun werden täglich einige Stunden furchtbar gefoltert, indem die Nachkommen der durch sie beschädigten Frauen und Mädchen erscheinen, um das hübsch arrangirte Lager in Verwirrung zu versetzen, sich Pröbchen von allen Kleiderstoffen abschneiden zu lassen und nichts zu kaufen, oder doch nur erst nach übermenschlichen Anstrengungen. Etablirt sich ein solcher Commis selbstständig, so ist dies ein Beweis dafür, daß seine Seele geläutert ist, genug gelitten hat und nur noch einer gründlichen Nachkur bedarf, um endlich Ruhe zu finden.

So wunderbar sind die Wege der Vorsehung!

Hinweis

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