Die Verstaatlichung der Künste

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Berliner Wespen, 19. Oktober 1881

Es ist uns gelungen, in eine Reihe bis jetzt noch ungesprochener Wahlreden Einsicht zu erhalten, mit denen sich conservative Candidaten Mandate zum Reichstag zu erobern hoffen. Alle diese Reden sind auf einen gemeinsamen Grundton gestimmt, und der Gedanke der Verstaatlichung zieht sich wie ein schwarz-weiß-rother Faden durch das gesammte Konvolut. Während indeß bisher nur von der Verstaatlichung der Eisenbahnen, des Rauchens, des Versicherungswesens, des Getreidehandels und ähnlicher Branchen die Rede war, gehen die genannten Reden einen Schritt weiter und wollen die Staatsidee auf die idealeren Zweige der menschlichen Thätigkeit übertragen. Wir lassen im Nachstehenden  einige Auszüge aus den bemerkenswertheren Concepten folgen in der Ueberzeugung, daß auch in diesen der neuerdings so beliebte „berechtigte Kern“ in Bälde herausgefunden werden wird: 

1. 

Meine Herren!  Zu den größten Ungerechtigkeiten unseres Staatslebens gehört es, daß Jedermann, dem solches gutdünkt, auf eigene Faust componiren, Instrumente spielen, singen, dirigiren und sonstige Musik treiben darf, wie ihm der Schnabel, die Geige oder der Tactstock gewachsen ist. Den größten Schaden haben natürlich die Musiker selbst von diesen verrotteten Zuständen,  wie Sie wohl Alle wissen werden, ohne daß ich Ihnen ein besonderes Capitel über deutsches Musikerelend zu halten brauche. Was uns fehlt, ist zunächst die von der Behörde organisirte Staatsmusik, wie solche in Reichscomponiranstalten nach einem festen Tarif hergestellt werden müßte. Namentlich wird man darauf bedacht sein müssen, die unnützen Leute, welche concessionslos Werke, wie Wald-, Leonoren-, Bergsymphonien schreiben, geistig zu expropriiren und durch tüchtige Beamte zu ersetzen, welche eine Monopolsymphonie, eine Unfallversicherungsouverture,  eine Kornzollcantate und ähnliche Reichswerke für Orchester und Chor von behördlich festgesetzter Tactzahl zu schaffen im Stande sind. 

Meine Herren, legen Sie Ihr Ohr an das Herz des Volkes und fragen Sie die breiten Schichten der Dienstmädchen und Schusterjungen, welche Musik ihnen am Besten gefällt. Sie werden überall die Antwort hören: Die Militärmusik! also derjenige Zweig der Tonkunst, welcher  schon heute staatlich betrieben wird. Von diesem Gesichtspunkt aus wollen wir die Concerte überhaupt reorganisiren. Nur Reichsvirtuosen sollen fortan concertiren und zwar in Berlin ausschließlich an der neuen Wache und auf dem Tempelhofer Felde. 

Fort mit den hohen Honoraren und Tantiémenl Benutzen wir auch für die Tonkunst die billige Strafgefangenen-Arbeit, und lassen wir in Zukunft unsere Opern, Operetten und Oratorien in Plötzensee und Moabit herstellen! Erst dann kann es besser werden bei uns, wenn die gesammte Musik verstaatlicht ist! 

2. 

Meine Herren!  Wie ein Krebsschaden nagt die Privat-Malindustrie am Mark unseres Volkes. Die Nachsicht der Regierung, die Jedem das Herstellen und Verkaufen von Bildern gestattet, begünstigt die wildeste Speculation auf diesem Gebiete und bereichert Einzelne auf Kosten der Gesammtheit. Ich für meinen Theil lege hiergegen energischen Protest ein und beantrage die Errichtung von Reichsgemäldefabriken. Ich bestreite dem Privatmaler das Recht, ungestempelte Leinwand zu seinem persönlichen Vortheil zu vertheuern. Schon aus Gründen der Sittlichkeit bin ich dagegen, daß jeder Fortschrittler und Secessionist sich auf privatem Wege soll portraitiren lassen dürfen. Errichten wir amtliche Portrait-Trafiks, in welchen ausschließlich Brustbilder verdienstvoller Conservativer und Antisemitenhäuptlinge nach dem Quadratfuß verkauft werden! Mit Reichsöl soll auf Reichsleinwand gemalt, und die Rahmen sollen aus Holz von fiscalischen Forsten hergestellt werden. Dann wird es besser werden im Lande! 

3. 

Meine Herren!  Nichts halb zu thun ist edler Geister Art. Verstaatlichen wir also auch die Architektur! Heutzutage kann Jedermann, der Geld und Lust hat, sich Häuser bauen lassen, wie und von wem er will, ohne daß der Staat den mindesten Nutzen daraus zieht. Das ist ein unhaltbarer Zustand. Ich will, daß der Hausaspirant sich an die Regierung wende und sich von dieser ein Reichsnormalhaus bauen lasse. Nur so können wir einmal dahin gelangen, in Städten mit einheitlichem Kasernenstil zu wohnen. Das Normalwohnhaus muß eine Flucht von Einquartierungszimmern für das Militär enthalten, ferner in den Fenstern Illuminationsvorrichtungen, welche mit der Centralanzündestelle, und mehrere Flaggenstöcke, welche mit der Centralhißstelle in Verbindung stehen, damit die Jahrestage denkwürdiger conservativer Wahlsiege einheitlich  gefeiert werden können. Meine Herren! Setzen wir unsere Kraft an die Ausführung dieses Gedankens und schaffen wir dem Staate das Architekturmonopol! 

4. 

Meine Herren!  Ich will von der Poesie reden. Bekanntlich steckt der Pegasus im Joche, nämlich, wie ich Ihnen wohl kaum auseinanderzusetzen nöthig habe, im Joche der Privatspeculation. Die neue Bewegung verlangt, daß er hieraus erlöst werde und eine gesicherte Unterkunft im Reichshippogryphenstalle finde. Lassen wir fortan nur noch amtlich dichten, damit wir das Monopoldrama in fünffüßigen Reichsjamben bekommen! Die deutsche Dichtkunst ist im inneren Wesen verwahrlost und heruntergekommen, sie dient in ihrer jetzigen Verfassung nur noch als melkende Kuh für beutegierige Privatdichter, Theaterbesitzer und Verleger. Wie anders wäre es, wenn wir Staatsreimschmieden hätten, in denen uniformirte Oberdichter mit Disciplinargewalt über Subalternpoeten herrschten und die Anfertigung der Monopolpoesie überwachten! Das deutsche Volk ist der Privatdichterei überdrüssig; es will Reichsepen, Reichskomödien, Regierungsballaden, Staatsromanzen, Monopolepigramme und Regiesonette! 

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