5. Aus der Universitätszeit (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

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5. Aus der Universitätszeit.

In Heidelberg herrschte damals strenge Polizeistunde. Punkt 10 3/4 Uhr Abends mahnte Glockengeläut die Studenten in den Wirtshäusern, das letzte Glas zu bestellen. Um 11 Uhr ertönte wiederum die Glocke zum Zeichen des Schlusses aller Schankwirtschaften. Aber am Abend des 30. Juli 1858 brauchten meine Freunde auf diese „Lumpenglocke“ nicht zu hören, denn wir hatten „Freinacht“ bewilligt erhalten zu dem löblichen Zweck, mein erstes Schriftstellerhonorar zu vertrinken.

In einem größeren, angenehmen, gesellig und auch wissenschaftlich anregenden Freundeskreise von zumeist rheinischen Juristen habe ich meine Universitätszeit, insbesondere die drei mittleren Semester, Ostern 1857 bis Herbst 1858, in Heidelberg sowie das Berliner Semester (1858/59) verbracht. Das erste und sechste Semester brachte ich in Bonn zu. Vom Korps- und Verbindungs-[24]-wesen mit seinen mancherlei Nichtigkeiten und öden Zeitvergeudungen hielten wir allesamt gleich wenig.

Empfehlungsbriefe des Vaters öffneten mir manch‘ gastliches Privathaus in Heidelberg. In kleinen Zirkeln begegnete ich dort Männern wie Haeusser, dem früheren Statthalter von Schleswig-Holstein, Beseler, dem Präsidenten der Frankfurter Nationalversammlung, Heinrich v. Gagern, dem Chemiker Bunsen, dem Mediziner Chelius und anderen. Manch freies Wort wurde in diesen Kreisen laut über die Zustände in Preußen und Deutschland. Die Bälle der Gesellschaft „Museum“ halfen andere Bekanntschaften vermitteln. Es ware ein schöne, herrliche Zeit.

Wenn das Tagewerk vollbracht war, welches im Sommer 1858 für mich morgens in der Reitbahn begann und nachmit[t]ags mit englischem Sprachunterricht abschloß, so zogen wir in größerer Gesellschaft hinaus ins Freie zum alten Schloß hinauf, zur Molkenkur, nach Handschuchsheim oder zum Philosophenweg, zur Stiftsmühle, Neckarsteinach, zum Wolfsbrunnen oder Speyrer Hof, an Sonntagen auch in den Odenwald oder in den Pfingstferien in den Schwarzwald und in die Schweiz hinein, soweit der letzte Thaler reichte.

Vangerows Pandekten zogen micht ebensowenig an, wie Renauds Privatrecht, desto mehr [25] aber Robert v. Mohl, in dessen staatsrechtlichen Vorlesungen wir den Darstellungen des ehemaligen Reichsjustizministers über die Vorgänge von 1848 mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten. Schon in Bonn hatte ich in Vorlesungen des alten Dahlmann über Politik mit dem lebhaftesten Interesse beigewohnt. Bei Mohl hörte ich auch Polizeiwissenschaft. Keine nationalökonomische Vorlesung aber versäumte ich während der drei Semester beim alten Rau. In dessen Studierstube nahm ich in einem kleinen Kreise badischer Kameralisten an Konversatorien und Examinatorien über politische Oekonomie teil. Hier lernten wir volkswirtschaftliche Einzelerscheinungen nach den allgemeinen Lehrsätzen der Nationalökonomie begreifen und erklären.

Mir fielen in diesem kleinen Kreise Vorträge über die Geldkrisis von 1857 und die Suspension der Wuchergesetze von 1857 zu. Diese Konversatorien gaben denn auch die Veranlassung zu dem erwähnten ersten Schriftstellerhonorar und der „Freinacht“ an meinem 20. Geburtstage. Ich selbst fand nämlich die für Rau’s Studierstube ausgearbeiteten Vorträge so vortrefflich, daß ich glaubte, ein Unrecht zu begehen, wenn ich sie der übrigen Menschheit vorenthielte. Die Zeitungsredaktionen dachten freilich darüber anders. Nach einander sandten mir wohl ein Dutzend Redaktionen die unentgeltlich angebotenen Manuskripte [26] unfrankirt zurück. Endlich erbarmte sich — die „Illustrirte Zeitung“.

Kaum jemals habe ich späterhin ein so gehobenes Bewußtsein empfunden als damals, wo ich meinen ersten Aufsatz im Lesezimmer des „Museums“ in Heidelberg gedruckt auf dem Tische liegen fand. Um nun den Eindruck meines Geisteswerkes auf die Leser voll und ganz zu genießen, setzte ich mich in die Nähe, wo die „Illustrirte Zeitung“ auflag. Aber welche Enttäuschung! Fast alle, die die Zeitung in die Hand nahmen, sahen sich blos die Bilder an, dem Aufsatz schenkte niemand die geringste Beachtung. Und dazu der Spott meiner Freunde über den Gymnasialstil aus früheren Klassenaufsätzen in diesen nationalökonomischen Betrachtungen. Nur die bilderreiche Sprache habe die „Illustrirte Zeitung“ zum Abdruck bewegen können. Aber die dazu gehörigen Bilder seien leider ausgeblieben.

Als freilich dann später das Honorar ankam — fünf Pfennige für die Druckzeile — und dieses sich zu einem artigen Pöstchen aufsummierte, hat sich niemand durch die vorherige Kritik abhalten lassen, an der erwähnten „Freinacht“ teilzunehmen.

In Berlin nahm ich auch an des alten Statistikers Dieterici nationalökonomischen Disputationen teil und brach im Winter 1859 in einem Hörsaal der Universität meine erste Lanze [27] für die Gewerbefreiheit. An den juristischen Vorlesungen freilich fand ich je länger, desto weniger Geschmack. Damals bestanden noch die sogenannten Zwangskollegien. Ueber den fleißigen Besuch von 18 im einzelnen vorgeschriebenen Kollegien mußte man Atteste beibringen, um zum ersten juristischen Examen zugelassen zu werden. Zum Glück wurde es mit dem „fleißigen Besuch“ nicht allzu genau genommen.

In Bonn hatte sich gewissermaßen gewohnheitsrechtlich bei den Vorlesungen über Logik und preußisches Landrecht der fleißige Besuch auf die Verpflichtung eingeschränkt, dafür sorgen zu helfen, daß der Herr Professor nicht vor Ablauf des Semesters in Folge andauernden Ausbleibens seiner sämtlichen eingeschriebenen Zuhörer die Vorlesungen einstellen mußte. Um diese Pflicht zu erfüllen, wurde eine Art von Ablösung im Kollegienbesuch organisiert, sodaß immer zwei Zuhörer in jeder Vorlesung sich einzufinden hatten. An schönen Sommertagen aber soll mitunter auch dieser Doppelposten zur Bewachung des Professors ausgeblieben sein.

Mir kam es bei der Art der juristischen Vorlesungen namentlich in Bonn manchmal so vor, als ob für die Professoren die Buchdruckerkunst noch nicht erfunden wäre, und deshalb alle Weisheit noch durch Diktat müßte vererbt werden. Statt der juristischen Vorlesungen in Bonn suchte [28] [i]ch lieber die landwirtschaftliche Akademie in Popelsdorf auf und beteiligte mich außer an allgemeinen orientierenden Vorlesungen über Bodenbeschaffenheit und Güterabschätzung auch an den Exkursionen der Akademiker in die Umgegend zum Besuche von landwirtschaftlich interessanten Einrichtungen.

In Berlin zogen Gneist’s Vorlesungen über Civilprozeß mich an. Denn Gneist verstand es im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, selbst diese so überaus trockene Materie anschaulich und interessant darzustellen. Seine parlamentarische Redeweise habe ich späterhin weniger mustergiltig gefunden.

Aber mehr als alle Professoren in Berlin interessierte mich im Winter 1858/59 das Abgeordnetenhaus. Ich hatte noch Ende Oktober 1858 die berüchtigte Landratskammer tagen gesehen, als dieselbe über die Notwendigkeit der Regentschaft Beschluß zu fassen hatte. Nun traten mit der Regentschaft die großen Wendungen ein, welche dem starren Winter der Reaktion ein Ende bereiteten und nach allen Richtungen im öffentlichen Leben neue Anregungen gaben. Die Führer der bisherigen Opposition, wie v. Auerswald und v. Patow, wurden Minister. In dem neu gewählten Abgeordnetenhause nahm die bisherige Opposition als jetzige Regierungspartei die rechte Seite ein, während die übrig gebliebenen Junker [29] unter Moritz v. Blankenburg sich auf der äußersten Linken an der Wand herumdrückten. Eine Fülle von Anregungen zu Reformen nach den verschiedensten Richtungen boten die Verhandlungen gerade in der ersten Zeit der „neuen Aera“. Freilich hat das Ministerium späterhin diese Anregungen nicht in Thaten umzusetzen vermocht.

Ich denke mir, für keinen Studenten der Rechts- und Staatswissenschaften ist der Besuch parlamentarischer Verhandlungen eine verlorene Zeit. Rede und Widerrede dort unten im Parlamentssaal zu hören, ist oft geeigneter, das eigene Geistesinteresse lebendig zu machen und Anregungen zum Selbststudium über öffentliche Fragen zu geben, als das Diktat eines Kollegienheftes, welches man schwarz auf weiß nach Hause trägt.

Bei mir war überhaupt die Anwesenheit in der Hauptstadt, die unmittelbare Nähe, in der hier vor aller Augen sich die Haupt- und Staatsaktionen vollziehen, geeignet, das politische Interesse mächtig zu steigern. Auch die Persönlichkeit des Prinzregenten, ich habe dessen kein Hehl, trug dazu bei. Wenn ich im Winter 1858/59 zu einer für Studenten fast polizeiwidrig frühen und mir deshalb recht unbequemen Zeit, gegen 8 Uhr morgens über den Opernplatz am historischen Eckfenster vorbei zur Universität eilte, um Dietericis Vorlesungen über preußisches Finanzwesen zu hören, da war regelmäßig hinter dem Fenster die [30] Gestalt des Prinzregenten schon sichtbar, wie er mit Ministern und Beamten jene Neuerungen beriet, auf welche damals die Aufmerksamkeit von ganz Deutschland gerichtet war. So hatten gerade die Studenten zu den Zeiten Kaiser Wilhelms Gelegenheit in nächster Nähe wahrzunehmen, wie der Fürst des Landes vom frühen Morgen an seinen öffentlichen Pflichten in treuer Hingebung oblag. Auch in andern Kreisen hat die einfache, prunklose Art, wie der verstorbene Kaiser gewissermaßen mitten unter den Bürgern amtierte, gewiß nicht zum Mindesten zu seiner großen Popularität beigetragen. [31]

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