6. Volkswirtschaftliche Kongresse und Vereine (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

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6. Volkswirtschaftliche Kongresse und Vereine.

Wie vor 1866 der Nationalverein ein Bahnbrecher war für die politische Gestaltung Deutschlands, so der volkswirtschaftliche Kongreß für die spätere Reichsgesetzgebung auf volkswirtschaftlichem Gebiet. Beide Vereinigungen stellten nur verschiedene Aeste an demselben Stamm dar. Sie hatten zum Teil dieselben Personen zu Begründern und Führern. Der volkswirtschaftliche Kongreß datirt von 1858, der Nationalverein von 1859. Unmittelbar nach der ersten Tagung des Nationalvereins in Frankfurt a. M. trat am 12. September dort auch der volkswirtschaftliche Kongreß zusammen.

Auch ich nahm nach beendigten Universitätsstudien an demselben teil unter dem Titel eines „Kandidaten der Staatswissenschaften.“ Auch späterhin war ich Teilnehmer der volkswirtschaftlichen Kongresse und zwar im Jahre 1860 [32] in Köln, 1862 in Weimar, 1864 in Hannover, 1865 in Nürnberg.

Wie Karl Braun, der Präsident aller volkswirtschaftlichen Kongresse von 1858 bis zum letzten Kongreß im Jahre 1885, schon damals in Frankfurt am Main ausführte, stellte der Kongreß es sich zur Aufgabe, alle Hindernisse zu beseitigen, welche sich der deutschen Produktion, der volkswirtschaftlichen Entwickelung und Bewegung in Deutschland entgegenstellten. Hätten wir auch noch kein deutsches Reich, so gäbe es doch eine deutsche Nation, deren allgemeine wirtschaftliche Interessen der Kongreß zum Unterschied von den Kongressen für einzelne Berufsklassen zu vertreten habe.

Die Agitation in den nachfolgenden Zeiten für Gewerbefreiheit, Beschränkung des Konzessionswesens, für Freizügigkeit, Zinsfreiheit und Handelsfreiheit, für Münzeinheit und überhaupt für die einheitliche Regelung der wirtschaftlichen Gesetzgebung in Deutschland hatte ihren Ausgangspunkt und ihren Mittelpunkt wesentlich auf den volkswirtschaftlichen Kongressen. Auch das Genossenschaftswesen nach Schulze-Delitzsch erhielt durch den volkswirtschaftlichen Kongreß in Frankfurt am Main eine wesentliche Förderung. Die spätere Reichsgesetzgebung von 1867 bis 1875 hat alsdann dasjenige, wofür die volkswirtschaftlichen Kongresse vorgearbeitet hatten, wie eine [33] reife Frucht einzuheimsen vermocht. Zum Teil wurde diese Ernte vollzogen mit Hilfe derselben Personen, welche auch auf den volkswirtschaftlichen Kongressen die Leiter waren.

Ich verdanke dem Besuch dieser Kongresse mächtige Anregungen, welche mir den Kopf frei erhielten über den subalternen Tagesarbeiten und Exameneinpaukereien während der Vorbereitungszeit als Landgerichtsauskultator und Regierungsreferendar (1859 bis 1864). Insbesondere ermunternd waren für mich in der damaligen Zeit die persönlichen Bekanntschaften, welche ich auf diesen Kongressen zuerst machte mit Männern, wie Präsident Lette, Schulze-Delitzsch, Karl Braun, Moritz Wiggers, Michaelis, dem damaligen Redakteur der „Nationalzeitung“ und späteren Direktor im Reichskanzleramt, Otto Wolff von Stettin, Prince Smith, Faucher, dem „roten“ Becker, dem Statistiker Direktor Engel, den Gebrüdern Wirth und vielen anderen.

Ich empfand dabei mehr und mehr das lebendige Bewußtsein, in geistiger Gemeinschaft zu stehen mit einem großen Kreise von Männern, welche in der praktischen Politik dasjenige zu verwirklichen trachteten, was sich mir zunächst als wissenschaftliche Ueberzeugung während der Universitätsstudien aufgedrängt hatte.

Freilich stand der Besuch dieser Kongresse nicht auf dem väterlichen Etat. Aber meine [34] alte Bekanntschaft aus Heidelberg, die „Illustrirte Zeitung“ in Leipzig half mir auch darüber fort. Ich hatte ihr auch fernerhin volkswirtschaftliche Aufsätze — fünf Pfennige die Druckzeile — geliefert und es 1859, nachdem ich vorher die mir angebotene Redaktion der Zeitung abgelehnt hatte, übernommen, ihr über den Frankfurter Kongreß zu berichten. Zugleich versprach ich die Vermittelung von Photographien und Biographien der bekannteren Teilnehmer des Kongresses für die „Illustrirte Zeitung“. So habe ich auch damals unter anderem die erste Veröffentlichung der Biographie von Schulze-Delitzsch bewirkt.

Auf den volkswirtschaftlichen Kongressen war ich mehr begeisterter Zuhörer als Redner. Doch getraute ich mich 1859, auf dem Kongreß zu Frankfurt a. M. und später auch in Köln, „vom Standpunkt des Lernenden“ lebhafte Klage zu führen über die mangelhaften Einrichtungen auf den Universitäten für die volkswirtschaftliche und staatswissenschaftliche Ausbildung, über die preußischen Zwangskollegien und dergleichen mehr. Da sich mir in diesen Klagen in Frankfurt a. M. Männer wie Präsident Lette, Geheimrat Welcker und Dr. Pickford aus Heidelberg anschlossen, so fanden, diese Ansichten auch teilweise ein Echo in den Resolutionen des Frankfurter Kongresses.

Die freisinnigen volkswirtschaftlichen Ueberzeugungen, welche sich auf diese Weise mehr und [35] mehr in mir befestigt hatten, war ich alsbald lebhaft bemüht, auch anderweitig in der Oeffentlichkeit geltend zu machen, soweit es ein noch in allerlei Examen verstrickter Landgerichtsauskultator und Regierungsreferendar für seinen schwachen Teil vermag.

Da mein Vater demnächst um seine Verabschiedung nachsuchen und nach Düsseldorf übersiedeln wollte, so hatte ich, um den Vorbereitungsdienst nicht durch Uebersiedelung unterbrechen zu müssen, schon nach beendigten Universitätsstudien im Herbst 1859 bei dem Landgericht in Düsseldorf das Auskultatorexamen bestanden. Gelegentliche volkswirtschaftliche Artikel im „Düsseldorfer Journal“ verwickelten mich bald in eine lebhafte Zeitungspolemik mit den Schutzzöllnern am Niederrhein. Indeß hielt mich die schutzzöllnerische Richtung des Handels- und Gewerbevereins für Rheinland und Westfalen, eines Vorgängers des Vereins mit dem langen Namen, nicht ab, dessen Mitglied zu werden und mich an den Generalversammlungen und Düsseldorfer Lokalversammlungen des Vereins lebhaft zu beteiligen. Dies gab Gelegenheit zu weiteren Uebungen im öffentlichen Auftreten.

Im Sommer 1860 hielt ich auf der Generalversammlung in München-Gladbach eine, natürlich sehr sorgsam vorbereitete, Rede für die [36] einheitliche Regelung des Patentwesens in Deutschland. In den Düsseldorfer Lokalversammlungen diskutierte ich 1860 und 1861 lebhaft mit den Kaufleuten und Fabrikanten über Reformen des gewerblichen Konzessionswesens und der Gewerbesteuer, welche damals im preußischen Landtag auf der Tagesordnung standen. Am 7. Mai 1862 focht ich in der Generalversammlung des Vereins meinen ersten Strauß mit dem Abgeordneten Hammacher aus, der damals noch in Essen lebte und an der Spitze der niederrheinischen Eisenschutzzöllner stand. Der Abschluß des deutsch-französischen Handelsvertrages, welcher die Aera eines gemäßigten Freihandels einleitete, rief zu jener Zeit in industriellen Kreisen lebhafte Gegensätze hervor. Es gelang mir in jener Versammlung, wie mir eine alte Nummer der „Nationalzeitung“ in das Gedächtnis zurückruft, im Bunde mit Heimendahl (Crefeld), Schürmann und Hardt (Lennep) den schutzzöllnerischen Vereinsvorstand zu nötigen, eine Resolution zurückzuziehen, welche nach schutzzöllnerischer Art das Bedauern aussprechen sollte über die unterlassene vorherige Einholung der Gutachten der Handelskammern über den Handelsvertrag.

Doch ich greife schon vor und habe doch zunächst die Anfänge meiner amtlichen Laufbahn zu schildern. [37]

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