7. Am Gericht in Düsseldorf (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

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7. Am Gericht in Düsseldorf.

„Die Stadt Düsseldorf, „so schreibt Heinrich Heine, „ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zu Mute. Ich bin dort geboren, und es ist mir, als müßte ich gleich nach Hause gehen.“

In diesem Düsseldorfer Heimatsgefühl ist mir Heinrich Heine sympathischer als in manchen andern Aussprüchen. Nur meine ich, wenn ich sage, „nach Hause gehen,“ nicht mit Heine die Bolkerstraße und auch nicht den Schloßplatz, sondern die Poststraße und den Maxplatz an der Franziskanerkirche. Auch vor dieser Kirche hat Heinrich Heine gespielt. Denn hier fiel, wie er erzählt, seinem Gespielen, dem kleinen Wilhelm, das Kätzchen in die Düssel, und Wilhelm, der es retten wollte, fiel selbst hinein.

Mein Großvater mütterlicherseits, geboren 1777, erzählte mir zwar oft, er habe den Knaben Heine auf diesem Platz vor dem großelterlichen [38] Hause, der alten Post, noch spielen sehen. Aber ob der alte Herr nicht die spätere Erzählung Heines mit dem eigenen Anblick verwechselt hat, weiß ich nicht zu sagen. Jedenfalls spielte es sich dort auch zu meiner Zeit recht hübsch, und gar manches, was nicht wieder herauskam, fiel auch mir damals in die Düssel, als dieselbe noch nicht wie heute überwölbt war.

An meinen Geburtsort Düsseldorf war ich also im Herbst 1859 zu dauerndem Aufenthalt zurückgekehrt und wurde am 24. September daselbst nach bestandenem ersten juristischen Examen zum Auskultator am Landgericht ernannt. Den stolzen Titel eines Referendars erlangte man damals erst nach wohlbestandenem zweiten Examen. Vorher wurde man nicht von Amtswegen, sondern nur aus gesellschaftlicher Höflichkeit, auf Bällen u. s. w. als Referendar betitelt.

Düsseldorf war mir schon von meiner ersten Kindheit an in lieber Erinnerung. Dort hatte ich es nach dem Besuch der Krumbach’schen Privatschule bis zum angehenden Quintanter gebracht, als ich 1848 durch die Versetzung meines Vaters nach Koblenz veranlaßt wurde, die Koblenzer Quinta, wie bereits beschrieben, besonders gründlich kennen zu lernen.

Aber ich war auch während der folgenden Schulzeit in Koblenz Düsseldorf nicht fremd geworden. Während aller folgenden Schuljahre [39] hatten wir Brüder stets aufgejubelt, wenn es in den Ferien nach Düsseldorf zu den Großeltern gieng und wir dort im alten Posthaus und in dessen Umgebung mit den seit den ersten Kinderjahren bekannten Gespielen aus der Nachbarschaft allerlei Kurzweil treiben durften. Damals war man wenigstens noch nicht so grausam, den Kindern die Ferien durch Schularbeiten zu verderben.

Jetzt ist es weit stiller in diesem Stadtteil Düsseldorfs geworden, wo einst, vor der Zeit der Eisenbahnen, der Fremdenverkehr Düsseldorfs seinen Mittelpunkt hatte und die vierspännigen Schnellposten mit vielen Beiwagen und Extraposten den Verkehr nach Köln, Krefeld, Aachen u. s. w. vermittelten. Welche Freude für uns Knaben, wenn wir, als die privilegierten Enkel des Oberpostdirektors, auf dem Posthof uns mitten in dem Trubel zwischen den Pferden und Postillonen, Kondukteuren und Reisenden herumtreiben, auf den ausgespannten Pferden zur Posthalterei reiten, oder gar in der Packkammer mithelfen oder in der benachbarten Postwagenwerkstatt dem Schmiedefeuer zusehen durften. Nirgend in der Welt läßt sich auch schöner „Indianer“ oder „Räuber und Gendarm“ spielen, als auf der benachbarten Spee’schen Insel.

Länger als ein halbes Jahrhundert hindurch hatte mein Großvater, „der alte Maurenbrecher“, wie er in Düsseldorf hieß, hier das Postwesen [40] geleitet, zuerst als erblicher Konzessionär von Thurn und Taxis, dann als französischer Postmeister und endlich bis 1850 als preußischer Oberpostdirektor. Seit 1675 hatte sich das Postmeisteramt von Thurn und Taxis in der Familie stets vom Vater auf den Sohn vererbt.

Aber die Postmeister von damals waren noch nicht die Bureaumenschen von heute. Mein Großvater gehörte zu den schneidigsten Reitern seiner Zeit. Die Düsseldorfer Chronik erzählt von einem Wettritt, den er in der Franzosenzeit mit dem damaligen Regenten in Düsseldorf, dem Reitergeneral Joachim Murat, innerhalb 18 Minuten von Düsseldorf nach Benrath vollführte. Morgens und Abends bis wenige Jahre vor seinem Lebensende — er starb 1861 im Alter von 84 Jahren — führte er, unbekümmert um Sturm und Regen, seinen regelmäßigen Spazierrit[t] aus. Manchem alten Düsseldorfer lebt das Bild des nahezu 80 jährigen Greises auf dem Pferde noch heute in frischer Erinnerung.

Nun kam ich als der älteste Enkel dem in den Ruhestand getretenen Greis Gesellschaft zu leisten in dem vereinsamten Posthause, aus dem kurz vorher die Post in das den Bedürfnissen der Neuzeit angepaßte neue Postgebäude an der Kasernenstraße übergesiedelt war. Mit lebhaftem Interesse hörte der Großvater alles an, was ich [41] ihm Neues aus der Stadt und vom Gericht nach Hause brachte.

Heute beginnen die jungen Juristen ihre praktische Thätigkeit zweckmäßig am Amtsgericht. Dort sehen sie die Parteien selbst auftreten. Die Geschäfte sind dort auch so mannigfaltig und zugleich einfach, daß der Anfänger dabei viel lernen kann. Anders aber war dies früher. Drei Monate hindurch hatte ich bei dem Untersuchungsrichter nur Protokolle nach Diktat niederzuschreiben und Anweisungen auf Zeugengebühren auszufertigen. Drei weitere Monate mußte ich dem Sekretär der Staatsanwaltschaft helfen in der Revision der Zivilstandsregister und bei der Ausfertigung von Vorladungen. Drei fernere Monate lang hatten wir Auskultatoren dann dem Obersekretär des Landgerichts zur Hand zu gehen bei der Anfertigung von allerlei Rollen und Protokollen. Dann erst durfte der Auskultator an den Sitzungen des Landgerichts als Zuhörer teilnehmen.

Aus den Akten waren nunmehr drei Proberelationen anzufertigen als Bedingung für die Zulassung zum mündlichen Referendarexamen. Nun war aber das Prozeßverfahren am Rhein schon damals nicht auf schriftliche Relationen zugeschnitten. Zum mündlichen Referieren aber bot sich uns überhaupt keinerlei Gelegenheit. Auch hatte ich inzwischen schon soviel Zeitungsartikel geschrieben, in denen man Thatbestand und Raisonnement [42] nicht allzu scharf unterscheidet, daß mir solche Proberelationen nicht blos recht langweilig, sondern auch sehr schwierig vorkamen.

Die Gerichtschronik meiner Altersgenossen erzählte damals, daß ich einmal in der Relation über eine Alimentenfrage, bei welcher eine Schwiegermutter beteiligt war, allerlei zeitgemäße Betrachtungen hätte einfließen lassen über Schwiegermütter im Allgemeinen und deren präsumtive Wohlhabenheit. Indessen halfen mir die Unterweisungen meiner juristisch besser veranlagten Kollegen darüber hinweg.

Das „jüngste Gericht“ in Düsseldorf hielt überhaupt damals gute Kameradschaft unter einander. Der Nachmittagskaffee und der abendliche Trunk vereinigten uns regelmäßig. Auch sonst hat es im heiteren Düsseldorf niemals an Gelegenheit zur Geselligkeit gefehlt. Der Frühschoppen aber war nicht üblich und da Arbeitsstunden sowohl Vormittags und Nachmittags regelmäßig innegehalten wurden, so kamen wir mit der Zeit allesamt vorwärts. Wenn ich ein altes Gruppenbild der Referendarien aus jener Zeit mir darauf ansehe, so hat eigentlich außer mir Niemand seinen „Beruf verfehlt“. Die anderen sind angesehene Rechtsanwälte, Oberlandesgerichtsräte u. s. w. geworden. Auch der Landesdirektor und der Oberstaatsanwalt in der Rheinprovinz finden sich auf jenem Bilde des „jüngsten Gerichts“ aus jener [43] Zeit. Freilich wurde ich von den eingefleischten Juristen nicht für ganz voll angesehen, weil ich von vornherein die bestimmte Absicht bekundete, sobald wie möglich zur Verwaltung überzutreten.

Nachdem endlich die drei Proberelationen zu stande gekommen, wurde ich denn auch bei der Regierung in Düsseldorf, deren Präsident ein alter Bekannter meiner Familie war, zum Referendarexamen zugelassen. Ein Ministerialreskript vom 5. Dezember 1859 hatte den Regierungen soeben eine strenge Prüfung empfohlen auf Grund der Wahrnehmung, daß die Vorbildung der Kandidaten für den höheren Verwaltungsdienst sehr oft der erforderlichen Reife und Gründlichkeit entbehre. Indessen zu einer gründlichen Prüfung gehören auch die entsprechenden Examinatoren. Der gute Regierungsrat und Kammerherr, welcher bestimmt war, meine staatswissenschaftliche Bildung zu erforschen, hatte sich als Examinator in einen bestimmten Kreis von Fragen eingelebt, auf welche man ebenso prompt ihm die von Prüfling zu Prüfling überlieferte gewünschte Antwort erteilte. Sein Examen begann herkömmlich mit der Frage der historischen Bedeutung der Guildhalle in London. Der zweite Examinator, der „Gewerbedepartementsrat“, liebte es, allerlei Dinge aus Physik und Chemie zu fragen, welche nicht gerade in besonderem Zusammenhang standen mit der Befähigung für den höheren Verwaltungs-[44]-dienst. Beispielsweise begann er die Prüfung mit der spitzfindigen Frage, ob es mehr im Sommer regne oder im Winter. Indessen hatte ich mich in den physikalischen Vorlesungen bei Dove in Berlin und durch Privatissima in dem chemischen Laboratorium der Düsseldorfer Realschule soweit vorbereitet, daß ich den alten Herrn einigermaßen befriedigen konnte. Am 9. Februar 1861 wurde ich denn auch zum Regierungsreferendar ernannt, und zwar mit dem Prädikat „ausgezeichnet“.

Das war ein vielversprechender Anfang. Aber es kam bald darauf ganz anders. [45]

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