8. Unter den „Erweckten“ im Wupperthal (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

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8. Unter den „Erweckten“ im Wupperthal.

Noch war ich nicht lange Regierungsreferendar, als ich einen zwar sehr subalternen, aber darum nicht minder interessanten Auftrag erhielt. Ich wurde als Protokollführer dem Polizeidepartementsrat beigegeben, welcher als außerordentlicher Kommissar abgesandt wurde, um festzustellen, was es mit der „Erweckung“ und „Anfassung“ der Kinder „durch den heiligen Geist“ in dem großen Waisenhause zu Elberfeld für eine Bewandtnis habe.

Kirchliche Blätter waren in jenen Tagen angefüllt mit Staunen erregenden Berichten über die wunderbaren Erscheinungen in dieser Anstalt, welche auch sonst ein besonderes Ansehen als Musteranstalt bei allen Rechtgläubigen im Lande genoß. Die Elberfelder Armenverwaltung, von der das Waisenhaus ressortirte, stand in jener Zeit unter der Leitung Daniel v. d. Heydts, wenn ich nicht irre, eines Bruders von August [46] v. d. Heydt, der sich als Handelsminister aus der Reaktionszeit in die neue Aera hinübergerettet hatte, also zu jener Zeit auch zu den hohen Vorgesetzten der Düsseldorfer Regierung gehörte.

Unter den Knaben des Waisenhauses — unter den Mädchen weniger — war nach den Berichten der kirchlichen Blätter auf einmal die Erkenntnis ihrer großen Sündhaftigkeit „zum Durchbruch“ gekommen. Sie waren vom heiligen Geist „angefaßt“ worden, lagen betend und singend, zum Teil in Zuckungen verfallen, in den Stuben, auf den Fluren und Treppen umher und schrien bei Tag und Nacht „zu dem Herrn, auf daß er sich ihrer Sünden erbarme.“

Ueber diese Wunderdinge sollte ich nun den Thatbestand zu Protokoll nehmen. Mein Regierungsrat ermahnte mich noch besonders, das Protokoll recht schön und sauber zu halten, weil es wahrscheinlich sehr hohen Personen zu Gesicht kommen würde.

So haben wir beide denn mehrere Tage von Morgens bis Abends im Elberfelder Waisenhause damals zugebracht, unablässig damit beschäftigt, den Waisenhausvater, die Aufseher und Erzieher und sonstigen Personen über die Vorkommnisse der letzten Zeit zu vernehmen. Mein Regierungsrat wollte dabei durchaus unparteiisch zu Werke gehen. Ich glaube, in religiöser Be-[47]-ziehung war er dasjenige, was man heute Mittelpartei nennt.

Die Beamten der Anstalt, insbesondere die ebenso bibelfesten wie selbstbewußten Aufseher und Erzieher, im übrigen kaum halbgebildete Personen, bestätigten übereinstimmend alles zu Protokoll, was in den kirchlichen Blättern der letzten Tage zu lesen gewesen war. Endlich vollzog sich auch eine solche Erweckung vor unsern Augen. Es wurde ein Knabe uns vorgeführt, der soeben in der Schule vom heiligen Geists „angefaßt“ worden war. Er fuhr fort, auch in unserer Gegenwart über seine Sünden zu jammern, und zappelte dabei mit Händen und Füßen. Mein Regierungsrat fiel hierbei insofern aus seiner unparteiischen Rolle, als er mir gestattete, dem Knaben zunächst eine Flasche Wasser über den Kopf zu schütten. Die Abkühlung aber vermochte dem Sündenjammer des Knaben keinerlei Einhalt zu thun. Der junge Märtyrer ließ sich nicht beirren, auch als wir seinen zappelnden Händen Messer, Gabeln und selbst Feuer unterhielten. Er schlug wacker hinein, verletzte und verwundete sich sichtbar und schrie dabei mit lauter Stimme — ich höre dieselbe noch heute —, daß es Mark und Bein erschüttern mußte: „Herr Jesus, Herr Jesus, Du siehst, wie sie mich hier martern und peinigen um Deinetwillen.“ [48]

Die Erregung der Anstaltsbeamten bei dieser Szene spottete jeder Bescheibung. Der Vorfall wurde bald in Elberfeld ruchbar, und mein Regierungsrat hielt es für geraten, wegen der Erregung, die sich der Frommen des Wupperthals gegen uns bemächtigt hatte, auch das Mittagsmahl fortan im Waisenhause einzunehmen, was mir keineswegs besonders zusagte.

Auf einmal nahm die Sache eine rasche Wendung, als statt des Regierungsrats der Gymnasialdirektor von Eleberfeld die Untersuchung in die Hand nahm. Derselbe verstand es, mit solchen Knaben anders, wenn auch weniger unparteiisch, umzugehen. Er examinirte diejenigen Knaben, welche am lautesten um ihre Sünden willen geschrieen, im einzelnen nach diesen Sünden. Es kam blutwenig zum Vorschein. Ein Junge berichtete endlich, daß er Zuckerstückchen genascht habe. Ob denn das Zuckerstückchen nicht gut geschmeckt, fragte der gottlose Jugenderzieher[.] Da konnte der sündhafte Bengel sich eines verschmitzten Lächels nicht erwehren.

Bald war die ganze Zerknirschungskomödie entlarvt. Auch derjenige Märtyrer, welcher uns eine besondere Vorstellung gegeben hatte, war unter den Hauptkomödianten. Befragt, wie er dazu gekommen, in der Schule die Erweckungsscene aufzuführen, gestand er ein, daß er aus der Schule fortgewollt, weil er seine Aufgaben nicht [49] gelernt hatte. Weiter befragt, warum er denn vor uns das Spiel fortgesetzt, gab er zur Antwort: weil er auch Nachmittags habe aus der Schule fortbleiben wollen.

Aber nicht alle Erweckten und Angefaßten unter den Kindern hatten Komödie gespielt. Viele waren durch das Geschrei der andern und durch den heiligen Ernst und die fromme Verzückung, mit welchen die Anstaltsbeamten die Sache behandelt hatten, in hochgradige geistige und gemütliche Aufregung und selbst in ernsthafte nervöse Zuckungen verfallen. Die ganze fromme Anstalt hatte auf dem Punkte gestanden, verrückt zu werden.

Nun sollte nach Entlarvung des greulichen Unfugs das Strafgericht bei der Regierung in Düsseldorf über den Waisenhausvater losgehen. Dem Justiziar fiel die Rolle des Staatsanwalts im Disziplinarverfahren zu. Aber welches Entsetzen! Der Justiziar, späterhin 1877 Reichstagskandidat der Fortschrittspartei in Bromberg, trug auf Freisprechung an und erklärte, nicht der Waisenhausvater sei der Schuldige, sondern die ihm vorgesetzte Armendirektion in Elberfeld, insbesondere deren Präsident v. d. Heydt. Der Waisenhausvater habe sich als ein Untergebener in der ganzen Sache genau so benommen, wie es der kirchlich-pietistischen Richtung seiner ihm vorgesetzten Direktion entsprochen habe. Die [50] nach den Vorschriften der Direktion im Waisenhaus maßgebende Erziehungsweise könne gar keine andern Früchte bei den Kindern zeitigen. Nicht das Werkzeug, sondern der Urheber dieser skandalösen Wirtschaft müsse zur Verantwortung gezogen werden.

Das Regierungskollegium in Düsseldorf erkannte gleichwohl gegen den Waisenhausvater auf Amtsentsetzung. Aber der Justiziar legte in der Rolle des Staatsanwalts nunmehr zu noch größerem Entsetzen des Kollegiums zu Gunsten des Waisenhausvaters Apellation bei dem Staatsministerium ein und blieb auch dabei, obwohl ihm der Regierungspräsident die lebhaftesten Vorstellungen darüber machte, was die Herren Staatsminister, insbesondere Herr August v. d. Heydt in Berlin zu seiner Begründung sagen würden.

Tatsächlich ist denn auch gegen den Waisenhausvater nicht auf Verlust seines Amtes und seiner Gehaltsansprüche, sondern, wenn ich mich recht erinnere — ich erzähle alles dies lediglich nach dem Gedächtnis — nur auf Versetzung in ein anderes Amt erkannt worden. [51]

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