9. Kommissarischer Landrat (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

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9. Kommissarischer Landrat.

Ich war eben 23 Jahre alt geworden und hatte etwa acht Monate bei der Regierung in Düsseldorf als Referendar gearbeitet, als ich die Ernennung zum Stellvertreter des Landrats in Mettmann für die Dauer eines längeren Urlaubs desselben von Oktober bis gegen Weihnachten 1861 erhielt. Der Kreis Mettmann ist derselbe, welchen in einer früheren Zeit Herr von Diest-Daber und in einer späteren Zeit der jetzige Regierungspräsident Herr v. Tiedemann glücklich gemacht hat.

„Nur immer Selbstvertrauen“, rief einmal 21 Jahre später Franz Ziegler uns Jüngeren in einer bekannten Tischrede bei der Feier seines 70. Geburtstags zu, „nur immer Selbstvertrauen, dem Mutigen gehört die Welt! Erfüllen Sie sich etwas mit dem wilden Mut und Selbstvertrauen des Junkertums. Glauben Sie, wenn es Sr. Majestät beliebte, einem märkischen Junker, der nie eine Note gekannt, zu schreiben, er solle kommen, um das Generaldirektoriat der Musik [52] zu übernehmen, der Gerufene käme, würde das Amt übernehmen und durchführen.“

Mir kommt es mitunter allerdings so vor, als ob meine angeborene Schüchternheit im Laufe der Zeit im parlamentarischen Umgang mit Junkern schon etwas abgenommen hätte. Freilich, das Amt des Generaldirektors der Musik würde ich doch wohl auch jetzt noch ablehnen, wenngleich ich früher einmal die Noten gekannt habe und sogar in Bonn den Versuch machte, Vorlesungen über Harmonielehre zu hören.

Aber als Regierungsreferendar von 23 Jahren war ich in meiner Schulweisheit freilich noch bedeutend schüchterner als heute. Ich fing erst eben an zu bemerken, daß auch in dem höheren Verwaltungsdienst mit Wasser gekocht wird. Erst später habe ich in dem Maße, wie ich näheren Einblick gewann in die Besetzung der höheren Staatsämter — wie viel Dutzend Minister habe ich nicht schon von meinem Platz im Abgeordnetenhause und im Reichstag aus kommen, sich spreizen und wieder verschwinden sehen, von denen heute Niemand mehr spricht — mehr und mehr begreifen lernen, mit wie wenig Verstand doch im Grunde genommen oft die Welt regiert wird.

Jedenfalls war ich damals meinerseits fest entschlossen, den Kreis Mettmann als kommissarischer Landrat so glücklich zu machen, wie ich es bei 23 Jahren in der mir knapp bemessenen Zeit [53] nur irgend vermochte. Aber etwas beklommen zu Mute war mir doch, als Abends der Postwagen mit mir in der Kreishauptstadt anlangte.

Freilich, meine Freunde vom „jüngsten Gericht“ in Düsseldorf hatten gemeint, daß ich ja meinen Namen zur Genüge schreiben könne und daß alles Uebrige schon der Kreissekretär besorgen werde.

Das mochte auch anderwärts wohl vorkommen. Habe ich doch einmal in einer Sitzung des Regierungskollegiums den Oberregierungsrat Widerspruch erheben hören gegen die Auszeichnung eines Landrats, weil derselbe, wie sich bei Gelegenheit einer Revision des Landratamts herausstellte, seit drei Jahren keine einzige Verfügung selbständig entworfen und stets nur die Entwürfe seiner Bureaubeamten unterzeichnet hatte.

Bei mir aber war eine ähnliche Praxis nicht ausführbar, denn der Kreissekretär in Mettmann war damals nicht älter in der Verwaltung als ich selber. Er war noch bis vor Kurzem Wachtmeister bei den Husaren gewesen. Später soll er sich vortrefflich herausgemacht haben. Aber damals glaubte er eine Verfügung dadurch besonders eindringlich und wirksam machen zu können, daß er in dem Anschreiben die landrätliche Anweisung dreimal hinter einander so ziemlich mir denselben Worten wiederholte. Im Style war ich ihm jedenfalls über, auch wohl in der Gesetzes-[54]-kenntnis. Nur mit meinen Gendarmen, denen gegenüber ich vielleicht damals noch einen jugendlichen Respekt besaß, wußte er besser zu verkehren, als ich.

Der Landrat, den ich zu vertreten hatte (er wurde später Kreisdirektor im Elsaß) übergab mir am Abend meiner Ankunft die Geschäfte unter Erteilung einiger guter Lehren. „Wenn Sie gar nichts wissen,“ bemerkte er, „was Sie mit einer Eingabe machen sollen, so lassen Sie dieselbe nur ruhig und ohne eine Bemerkung in das Bureau hinausgelangen. So habe ich es stets gemacht und mich dabei gut gestanden. Denn solche Büreaubeamten besitzen eine wunderbare Gabe, den casus similis aus den Akten herauszufinden, nach welchem die Bearbeitung zu geschehen hat.“

Von der Bedeutung des casus similis hatte ich freilich schon bei der Regierung eine Ahnung bekommen. Man besaß dort mitunter vor dem casus similis mehr Respekt, als vor dem Gesetze selber.

Der Landrat gab mir auch noch einige besondere Aufträge in Angelegenheiten, die er, wie ich später bemerkte, lieber durch einen Ortsfremden als persönlich durchführen wollte. Dahin gehörte in erster Linie die Einführung der Straßenbeleuchtung in der Kreishauptstadt. Ich hatte es freilich [55] schon bei meiner Ankunft sehr mißfällig bemerkt, daß die hügeligen Straßen nicht einmal durch Oellampen erleuchtet waren. Man war eben dort gewöhnt, Abends mit Laternen in der Hand in das Wirtshaus zu gehen.

Ich erfuhr nun, daß oben im Kirchturm aus einer früheren, helleren Zeit der Stadt noch alte Oellampen aufbewahrt wurden. Ich dachte es mir nun sehr einfach, diese herunterholen und anzünden zu lassen. Aber davon wollten die Stadtverordneten in Mettmann nichts wissen. Die Mehrzahl derselben wohnte nämlich nicht in der eigentlichen Stadt, sondern draußen in den Honschaften. Diese Mehrzahl hielt es nicht für berechtigt, aus den Taschen der Gesamtheit der Steuerzahler die Stadt zu erleuchten, während die Landbewohner draußen im Finstern leben oder ihr eigenes Licht leuchten lassen mußten. Die Regierung aber hielt damals unter Bezugnahme auf die Städteordnung mit Strenge darauf, daß alle Gemeindeausgaben nur von der Gesamtheit der Steuerzahler zu bestreiten seien und daß besondere Umlagen von Kosten auf einen Teil der Stadtbewohner ausgeschlossen blieben. Aus demselben Grunde fand es damals im Bergischen an mehreren Orten auch Schwierigkeiten, besondere Nachtwächter anzustellen. Man brauchte in den Landbezirken keine Nachtwächter und überließ es deshalb den Städtern, wenn sie durchaus Nacht-[56]-wächter haben wollten, im Reihedienst abwechselnd die Nachtwache als Ehrenamt zu versehen.

Leichter als die Frage der Straßenbeleuchtung lösten sich andere Aufgaben meines Amtes. Ich ließ keinerlei Reste anwachsen, erledigte sogar einige Reste des Landrats, darunter einige abgelagerte Gesuche um Wirtshauskonzessionen, bei denen ich schlankweg die Bedürfnisfrage bejahte. Einmal mußte ich die Gendarmerie besonders aufbieten, um an einer gefährlichen Wegstelle nahe einem Abgrunde, an welchem ein gewerbliches Etablissement Abladungen vornahm, die Anlegung eines Geländers zu erzwingen. Ich machte auch eine Volkszählung durch und eine Klassensteuereinschätzung, lernte dabei sogar zum Nutzen des Fiskus den Blaustift mit Sicherheit führen. Auch über Land ging ich öfter und erinnere mich einer Rede, welche ich im Gemeinderat zu Haan für Anlegung einers bürgerlichen Begräbnisplatzes an Stelle konfessioneller Kirchhöfe hielt.

Auch die Abgeordnetenwahl, aus welcher damals zuerst die Fortschrittspartei in größerer Zahl nach Berlin kam, fiel in meine Landratszeit. In den Akten ersah ich, mit welchen Kunststücken einer meiner Amtsvorgänge in der Manteuffelschen Zeit Wahlgeometrie auf dem Lande getrieben und mit welchen Mitteln er damals die Wahl eines liberalen Abgeordneten bekämpft hatte. Inzwischen war der damalige Oppositionskandidat, [57] Herr v. Auerswald, Minister geworden, und der Landrat von damals zur Disposition gestellt worden.

In Mettmann wählte man zu meiner Zeit ohne besonderen Widerspruch altliberal. Die Stelle des Wahlkommissars hatte mir die Regierung nicht übertragen, sintemalen ich ja selbst noch nicht einmal das Alter des Urwählers erlangt hatte. Aber an dem Festessen der Wahlmänner zu Ehren der Wahl beteiligte ich mich gleichfalls und ließ dem Trinkspruch des Wahlkommissars auf den König nachher ein Hoch auf die Verfassung folgen, was sonst bei den Landräten nicht gerade üblich ist.

Während meiner Landratszeit fiel mir auch die Aufgabe zu, in Beantwortung eines ministeriellen Zirkulars mich gutachtlich über die Einführung der Gewerbefreiheit vom Standpunkt des Kreises Mettmann zu äußern. Das war nun gerade mein Fall, nach allen Vorstudien, die ich über die Reform der Gewerbegesetzgebung schon früher gemacht. Natürlich forderte ich zunächst die Gutachten der sechs städtischen Bürgermeister des Kreises ein. Die Mehrzahl der Gutachten war nicht kalt und nicht warm; aber ein Bürgermeister erging sich in lebhaften Lobpreisungen der Segnungen des Prüfungswesens, wie es die Verordnung von 1849 in Preußen wieder eingeführt hatte. Das regte mich an, der Sache nachzugehen, und [58] was entdeckte ich? Die ganze schöne Verordnung von 1849 stand im Kreise Mettmann schon längst nur noch auf dem Papier. Sie war trotz aller eindringlichen Ministerialschreiben eigentlich niemals eingeführt worden und jetzt längst obsolet geworden. Prüfungskommissionen waren überhaupt im Kreise garnicht mehr vorhanden. Auch die besondere Frage der Prüfung der Bauhandwerker, für welche heutzutage sogar Nationalliberale sich erwärmen, erledigte sich im Kreise Mettmann schon dadurch, daß es schon seit einer Reihe von Jahren keinen einzigen geprüften Bauhandwerker im Kreise gab. Es fiel darum dort nicht mehr ein als an andern Orten.

In Düsseldorf setzte ich bei der Regierung solche Studien über die Gewerbeordnung von 1849 fort und faßte dieselben später in einer Denkschrift zusammen, welche der volkswirtschaftliche Verein für Rheinland-Westfalen, — aber ohne meine Autorschaft anzugeben — im September 1862 veröffentlichte. Ich hatte u. A. auch herausgefunden, daß im Regierungsbezirk Düsseldorf es trotz aller Anstrengungen niemals gelungen war, die Hauptgewerbe des Bezirks, die Weber auf dem linken Rheinufer, die Schlosser und Schmiede im Bergischen dem gesetzlichen Prüfungszwang zu unterwerfen. Die reale Macht der Dinge hatte sich hier stärker erwiesen als papierne Gesetze. Gewerbefreiheit bestand tatsächlich schon, lange [59] bevor sie durch die Reichsgesetzgebung späterhin eingeführt wurde.

So ging mir die Landratszeit rasch vorüber. Nachdem ich am Tage regiert, machte ich Abends mit den Honoratioren des Orts, dem Bürgermeister, Friedensrichter, Arzt, Gerichtsschreiber, Notar und Steuereinnehmer Whistpartien. Damit jeder Wirt des Ortes an uns etwas verdienen konnte, wechselten die Lokale regelmäßig.

Noch bevor der Landrat zurückkehrte, war es mir gelungen, den Hauptteil meines Programms, die Straßenbeleuchtung in der Kreishauptstadt, zur Ausführung zu bringen. Im Wege des Kompromisses und der gütlichen Ueberredung hatten die Stadtverordneten sich bequemt, ganze sechs Oellampen zur Beleuchtung der Kreishauptstadt zu bewilligen. Zum Dank für meine erfolgreiche Initiative ließ der Bürgermeister die erste Oellampe in Mettmann vor meinem Absteigequartier anzünden. Die Straßenjugend blickte staunend zu den ungewohnten Licht empor. Jetzt ist dort längst Gasbeleuchtung, wenn nicht gar elektrisches Licht eingeführt. So ändern sich die Zeiten.

Der Landrat kehrte mit seiner jungen Frau von der Hochzeitsreise zurück und wurde von einer Bauernkavallerie, wie es sonst nur bei Predigern im Bergischen üblich ist, festlich eingeholt. Ich kehrte nach Düsseldorf zurück. Erinnere ich mich [60] recht, so wurde ich bald darauf in dem Mettmanner Kasino zum Ehrenmitglied ernannt. Unter meinen Attesten finde ich, daß ich „die kommissarische Verwaltung des Landratsamts zu Mettmann zur Zufriedenheit der königlichen Regierung wahrgenommen habe“. Was will man mehr? [61]

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