Die Liberalen an den Scheunentoren festnageln

Dieser Artikel wurde 1934 mal gelesen.

Am 30. November 1881 versteigt sich der konservative Hans Hugo von Kleist-Retzow zu der Formulierung:

[…] ich habe es aber für wünschenswerth gehalten, hier in perpetuam rei memoriam diejenigen Herren, die Veranlassung dazu gegeben haben, die Herren Richter, Hänel, Virchow, festzunageln, wie man gewisse Thiere an Scheunenthüren annagelt.

(Großer Tumult links; Rufe: Pfui! Zur Ordnung! Glocke des Präsidenten.) 

Kleist-Retzow ist ein alter Bekannter. Wie Eugen Richter in seinen Jugenderinnerungen schreibt:

Dann [in der Reaktionszeit der 1850er] begann mit der Ernennung Kleist-Retzow’s zum Oberpräsidenten in Koblenz in der ganzen Rheinprovinz die elendeste, kleinlichste Polizeiwirtschaft, welche bald Spott, bald Entrüstung hervorrief.

Am 7. Dezember 1881 nehmen die „Berliner Wespen“ die Formulierung in einer Karikatur auf (die Fledermaus hat die Gesichtszüge von Eugen Richter):

Herr von Kleist-Retzow

will die Liberalen wie Fledermäuse am Scheunenthor festnageln.
Den Nagel hat er schon dazu.

Am 21. Dezember 1881 legt man noch einmal mit zwei Reichsmärchen nach. Der im ersten, „Der Fledermann“, vorkommende Schwarzhaarige aus Hagen ist natürlich wieder Eugen Richter.

Im zweiten Märchen macht man sich dann über Bismarck lustig, dessen offiziöse Organe selbst treue Anhänger wie bei den Nationalliberalen vergrault haben.

Für heutige Leser etwas schwieriger, für zeitgenössische offensichtlich: Auf „Winter“ reimt sich „Pindter“, der Name des Chefs der offiziösen „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“.

Persifliert wird hier zudem wieder einmal die inflationäre Verwendung der Vorsilbe „Reichs-„, um allerlei Projekte zu adeln. Bismarcks Hund Tyras wird so von den „Berliner Wespen“ auch nur der „Reichshund“ genannt.

Deutsche Reichs-Märchen.

Gut zu erzählen um Weihnachten herum.

 

Der Fledermann.

Der Schnee lag fußhoch, und die Vögel fielen erfroren aus der Luft.

Da stand irgendwo ein Scheunenthor und davor ein weißhaariger Mann, der war so alt, daß er sich ganz deutlich erinnern konnte, wie er schon vor fünfzig Jahren gewünscht hatte, die Bürger und Bauern möchten noch von den Junkern mit der Reitpeitsche durchgebläut werden. Der alte Mann hatte einen Hammer in der einen und einen Nagel in der andern Hand und sprach:

Ruprecht, bitte, hör’ mich an:
Bring’ mir einen Fledermann,
Daß ich ihn mit seinem Ohr
Nageln kann an’s Scheunenthor!

Da hörte der Greis eine Glocke, welche bimmelte, und eine Stimme ertönte, welche rief: Zur Ordnung! und dazwischen brauste ein Gelächter. Und wie das Gelächter verhallt war, da erschien ein schwarzhaariger Mann aus Hagen, der redete den Greis an und sprach:

Du bist Kleister noch als Kleist,
Doch mich schickt der böse Geist,
Den Du angerufen dreist.
Sieh, ich bin der Fledermann,
Und nun kommt es darauf an,
Wer es von uns Beiden kann.

Eins, zwei, drei, hatte der schwarze Mann aus Hagen dem weißhaarigen Mann Nagel und Hammer entrissen und nagelte den Greis an das Scheunenthor. Das that aber dem Greis sehr weh, und er schrie:

Lieber Mann, die Noth ist groß,
Bitte, kneif’ mich wieder los!
Wenn Du diese Güte hast,
Sag’ ich nur noch, was sich paßt,
Sag’ ich nie, was sich nicht schickt,
Rasch, sonst werde ich verrückt.

Da hatte der Schwarzhaarige Mitleid, holte eine Kneifzange und kniff den Greis wieder vom Scheunenthor ab. Und nun wurde der alte Mann noch ein sehr netter Mensch, und hat niemals wieder das Scheunenthor in den Mund genommen.

Der Solofürst.

Vor langen Tagen, als der Ruppel bloß einmal wöchentlich wegen Verleumdung bestraft wurde, und die Käfige der Wiedertäufer in Münster noch leer standen, obwohl Virchow und Bernstein von der Post angeklagt waren, ein Kind durch Ameisensänre getödtet und einen ehrlichen Mann, Namens Harbaum, in’s Zuchthaus gebracht zu haben: da stand in Berlin ein schönes Schloß, das Reichskanzlerpalais geheißen. In dem Schloß residirte der Fürst, ein mächtiger, gefürchteter Herr, der hatte viele Freunde, die ihm dienten, wo sie konnten, und wo sie nicht konnten,. da dienten sie ihm auch.

Da sagte er eines Tages: Wie mag es nur kommen? Meine Freunde werden immer weniger! Und so war es auch. Eine Partei nach der anderen verschwand spurlos, so daß der mächtige Mann bald ganz allein war, und als er einmal Einem ein Glas Bier über den Leib gießen wollte, da war selbst dieser Eine nicht da, und der Mächtige mußte das Bier austrinken.

Das war schier unheimlich, und eines Abends, wo der Fürst derart solo war, daß ihm bange wurde, da rief er:

Meier! Meier!
Was ist meine Meinung
Ueber diese ungeheuer
Traurige Erscheinung?
Wie kam denn gleich hinter
Dem Sommer der Winter?

Da knurrte der Hund, der aber nicht Meier, sondern Tyras hieß, und sprang auf und lief in’s Arbeitszimmer und bellte in einem fort: Was reimt sich auf Winter? So kommst Du dahinter! und der Fürst, der ihm gefolgt war, sah da eine schreckliche Reptilie in den Spalten liegen, der nach dem Vorschlag der „Germania“ ein K auf die Stirn gebrannt war und deren doppelzüngiger Rachen alle Freunde weggebissen hatte.

Da nahm der Fürst einen neuen Besen, der kehrte gut, und fegte das furchtbare Organ der öffentlichen Meinung hinaus, und wie es draußen war, da kamen durch die offene Thür die Freunde wieder herein, und der Fürst war ganz vergnügt und schenkte Tyras die Wurst, die ihm fortan seine besten Freunde nicht mehr waren.

Dieser Beitrag wurde unter 1881, Berliner Wespen, Bismarck, Deutsche Fortschrittspartei, Eugen Richter, Geschichte, Karikatur, Liberalismus, Satire veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar