Vom Kriegsschauplatze

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Provinzial-Correspondenz, 3. Januar 1878

Vom Kriegsschauplatze war in letzter Zeit wenig Thatsächliches gemeldet worden und nach Lage der Witterungsverhältnisse schienen auch erhebliche Truppenbewegungen kaum ausführbar — Vor Kurzem wurde berichtet, daß die Wege, besonders in den Bergen, in Folge von Schnee und Eis unpassirbar seien; Um so überraschender ist die soeben eingegangene Nachricht, daß die russische Westarmee unter dem General Gurko in den letzten, Dezembertagen den Balkan in den westlichen Abhängen überschritten hat. Der telegraphische Bericht lautet: „nach einem äußerst schweren Uebergange durch die mit Schnee bedeckten Berge auf überfrorenen Fußpfaden bei heftigem Frost und Wind besetzte die Vorhut die Ausgänge des Balkans zwischen Araknok und Sofia. Die Kavallerie steht bereits auf der Straße nach Sofia. Der Fund war überrascht worden, so daß der Verlust auf russischer Seite beim Heraustreten aus den Bergen nur 5 Verwundete betrug.“ Diese überraschende Thatsache giebt einen neuen Beweis für die Energie, mit welcher die russische Heeresleitung ihre Operationen fortsetzt. Die türkische Armee wirde ihre bisherige Stellung bei Sofia kaum zu halten vermögen, vielmehr ihre Kräfte in der Richtung nach Adrianopel zusammenzuziehen suchen. — Inzwischen setzt die Armee des Großfürsten Thronfolgers ihre Operationen gegen Rustschuk fort, während die rumänischen Truppen mit den Serben die Festung Widdin belagern. Die serbischen Truppen haben ihrerseits die Festung Pirot genommen.

Vom asiatischen Kriegsschauplatze ist beim Jahresschlusse die Nachricht gekommen, daß die russischen Truppen Erzerum vollständig eingeschlossen und von allen Verbindungen abgeschnitten haben. Der Fall des wichtigen Punktes scheint nahe bevorzustehen.

Der Kaiser von Rußland ist inzwischen vom Kriegsschauplatze nach St. Petersburg zurückgekehrt. Wie seine ganze Reise ein Triumphzug war, so war der Empfang in der Hauptstadt ein wahrhaft begeisterter. In der Ansprache an die Vertreter der Stadt fügte der Kaiser dem Ausdrucke des Dankes und der Freude über das Wiedersehen die Worte hinzu: „‚Vieles haben wir vollbracht, doch Vieles steht uns noch bevor. Möge uns Gott helfen, diese heilige Sache zu Ende zu bringen.“

Die türkische Regierung, welche sich über die bedenkliche Kriegslage keinen Täuschungen hingeben kann, hat England um seine Vermittelung bei Rußland behufs Einleitung von Friedensverhandlungen ersucht. Die englische Regierung hat davon in Petersburg Mitteilung gemacht, vorzugsweise wohl in dem Sinne, dort die Geneigtheit der Türkei zu Friedensanknüpfungen zur Kenntniß zu bringen. Wirkliche Verhandlungen dürften nach Lage der Dinge wohl unmittelbar zwischen den beiden kriegführenden Mächten einzuleiten sein.

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