Rückblick auf das Jahr 1878

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Berliner Wespen, 4. Januar 1878

Ein Manuscript, welches ursprünglich für die letzte Nummer dieses Jahrgangs bestimmt war.

Im Jahre 1878 haben wieder bedeutend weniger Menschen, als geboren worden sind, das Licht der Welt erblickt.

Dagegen ist die Zahl derjenigen Abgeordneten und Beamten, welche ihren Geist aufgegeben haben, viel größer, als die Zahl Derjenigen, welche gestorben sind.

Wie in früheren Jahren, so hat auch im Jahre 1878 der Papst viel häufiger das Zeitliche gesegnet, als dies umgekehrt der Fall gewesen ist. [1]

Kinder und Narren sagten auch im Jahre 1878 die Wahrheit und blieben von dem Recht, in den Reichstag gewählt zu werden, ausgeschlossen.

In den Gefängnissen war wie in früheren Jahren kein Mensch frei, aber in dem verflossenen leider noch obenein kein Platz frei. Und um den Aufenthalt in der Gefangenschaft dem in der Freiheit gleichzustellen, agitirten die Führer der Socialdemokraten gegen die Fortsetzung der Arbeit in den Gefängnissen und Zuchthäusern. [2]

Auch im Jahre 1878 wurde die Nächstenliebe so aufgefaßt, daß es stets dem Nächsten überlassen wurde, Liebe zu üben.

Die Preßfreiheit erlitt schreckliche Niederlagen. So konnte sie es nicht verhindern, daß Guido Weiß seinen Einzug in die Festung Magdeburg hielt. [3]

Die Kirche, welche nach Goethe ganze Länder aufzufressen pflegt, war auch im Jahre 1878 gezwungen, dies Mahl mit Krupp zu theilen. Dagegen wurden fast alle anderen Lebensmittel nach wie vor gefälscht und nicht selten zu Todesmitteln.

Wer Gelegenheit hatte, die Wirkungen der russischen Cultur in der Türkei zu beobachten, begriff es nicht, wie man angesichts so vieler Leichenhügel und Berge von Trümmern die Erde ein Jammerthal nennen könne. [4]

In Varzin war die Bevölkerung außer sich darüber, daß der Reichskanzler einige Tage in Berlin zugebracht hatte. [5]

Das Jahr 1878 war auch reich an Unglück aller Art. So z. B. war in den Sitzungen des Berliner Spiritisten-Vereins auch nicht ein einziger Geist zu sehen. Dagegen haben sich alle Wunderorte als überaus gesund erwiesen. Kein einziger Pilger ist daselbst gestorben. Sämmtliche Wallfahrer, welche schwer krank und mit dem Glauben hinkamen, daß sie Heilung finden, sind davon zurückgekommen.

Am Schlusse des Jahres 1878 machte man leider die Entdeckung, — daß die Ueberschrift dieses Artikels mit demselben Recht hätte lauten können: Rückblick auf das Jahr 1879.

Fußnoten

 [1] Papst Pius IX. wird tatsächlich am 7. Februar 1878 sterben

[2] Angespielt wird hierbei darauf, daß sie Sozialdemokraten gegen die Lohnarbeit agitieren und für den Sozialismus einen Zwei- bis Vierstundentag (August Bebel) oder die Rente mit 28 (Johann Most) in Aussicht stellen, bzw. die Organisationsformen des Gefängnisses auf die gesamte Gesellschaft ausdehnen würden

[3] Guido Weiß, Mitarbeiter der demokratischen „Frankfurter Zeitung“ wurde wiederholt zu Gefängnisstrafen verurteilt

[4] Rußland interveniert 1877-1878 auf dem Balkan gegen die Türkei. Offiziell dient dies dem Schutz der Christen und der Verbreitung der Kultur. Tatsächlich war es z. B. beim bulgarischen Aprilaufstand von 1876 zu Greueltaten durch türkische Truppen gekommen. Allerdings geht es mehr um Machtpolitik, und die russischen Truppen führen sich gegen Moslems und Juden durchaus ähnlich barbarisch auf. Die Liberalen in Deutschland sind meist antirussisch eingestellt, da man Rußland als das rückständigste Land Europas ansieht. Entsprechend neigt man dazu eher die Partei der Türkei zu ergreifen.

[5] In Varzin ist der Landsitz Bismarcks, der sich dort meist aufhält, angeblich aus gesundheitlichen Rücksichten, aber auch, damit seine Gesprächspartner zu ihm wallfahren müssen. In Berlin witzelt man darüber, daß der Reichskanzler selten zugegen ist.

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