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Kladderadatsch, 6. Januar 1878

Die besessene Jungfrau.

(Ein verteufeltes Wintermärchen für artige Kinder der Kirche, nach bekannter Melodei zu singen.)

Hört, ihr Frommen, staunend die Geschichte
Von dem Wunder, welches jüngst geschah;
Schwarz auf Weiß erschienen die Berichte
In dem frommen Blatt „Germania“ *)

Eine Jungfrau — wenig thut der Name
Und der wahrhaft Fromme glaubt uns schon,
Aber die Adresse dieser Dame
Liegt auf der besagten Redaction —

Diese Jungfrau, brav und nicht von schlechten
Aeltern. später Kammerfrau von Stand,
Ging schon früh im Glauben stets den rechten
Weg, das Böse blieb ihr unbekannt.

Aber, ach! als sie geworden achtzehn
Jahr, begann das Unheil seinen Lauf:
Satanas ließ wieder seine Macht sehn,
Und ein „Dämon“ that in ihr sich auf!

Dieser Dämon trat ihr oft entgegen
Als ein wohlgebauter junger Mann.
Und er heischte sündlich und verwegen
Was man wirklich gar nicht sagen kann.

Ungebührlich wollt‘ er mit ihr schalten;
Denkt das Aergste, und der Wahrheit nah
Kommt ihr! Mehr in ihren keuschen Spalten
Sagt euch nimmer die „Germania“.

Also trieb’s der schlimme Dämon; Schweigen
Ist, wie leider meist, auch hier der Rest.
Kurz und gut: sie gab sich ihm zu eigen,
Aber stets mit förmlichem Protest.

So vergingen der besagten Armen
Zwölf der Jahre; doch nach dieser Frist
Nahte ihr das himmlische Erbarmen:
Rettung brachte ihr ein Exorcist.

Dieser Mann, „gebildet, fromm und edel“,
Ging zum Beichtstuhl mit dem Mägdelein;
Mit dem Kreuz und dem geweihten Wedel
Drang er auf die „Burg des Teufels“ ein.

Nun begann gar bald sich zu ereignen
In der Jungfrau Lärmen und Geschrei;
Drinnen saßen — ’s war nicht mehr zu leugnen —
Jetzo gar der argen Teufel zwei.

Und in gutem Deutsch und trotz’gem Grimme
Rief der Eine laut: „Ich bin der Herr
Asmodäus! —“ Und die andre Stimme
Grollte dumpf: „Ich heiße Lucifer!“

Als sich also vorgestellt die Geister,
Bannte sie der fromme Gottesmann;
Asmodäus merkte bald den Meister,
Nahm den nächsten Ausweg und entrann.

Lucifer saß ganz unglaublich feste,
Weichen wollt‘ er nicht aus seinem Haus;
Gräulich schimpft‘ er, und: „J’y suis, j’y reste“
Macmahöhnt‘ er aus dem Weib heraus.

Aber als am dritten Tag das Bannen
Noch nicht nachließ, wandt‘ er sich zum Gehn;
Mit Gestank fuhr heulend er von dannen
Und ließ nimmer dort sich wieder sehn.

Doch gebenedeit im Mund der Leute
Lebt in sel’gem Frieden nun dahin
Als Besess’ne a. D. noch heute
Jene gotterwählte Dulderin.

Gern erzählt sie Alles auf Verlangen,
Ohne daß ein Trinkgeld sie verstimmt;
Freudenthränen rinnen von den Wangen
Eines Jeden, welcher dies vernimmt.

Thränen hingen auch an Windthorsts Brille,
Als er in der Sofa-Ecke saß
Und in heil’ger Weihnachsmorgenstille
Alles dies durch jene Brille las.

*) No. 296-298 des Jahrgangs 1877

Berliner Wespen, 4. Januar 1878

Dämonisches.

Wie die „Germania“ in drei Artikeln versichert, weiß sie von einer
30jährigen Kammerfrau, daß der Teufel wieder einmal ausgefahren ist.

Siehe auch: Gehört der Katholizismus zu Deutschland? 

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