Spiritisten-Unfug

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Neue Freie Presse, Wien, 8. Januar 1878

[Spiritisten-Unfug in Wien.] Mr. Slade, der amerikanische Wundermensch, der, nachdem er den Boden in London und Berlin zu heiß fand, sich nach Wien wendete, weilt noch immer hier, wo es ihm, trotzdem man rechtzeitig das Wesen seiner „Wunder“ aufgedeckt hat, unglaublicherweise gelingt, doch noch Personen zu finden, die eine so rührende Naivetät besitzen, daß sie geduldig in das spiritistische Netz gehen. In dem Hotel, in welchem der fremde Taschenspieler wohnt, finden sich in den letzten Tagen häufig ganze Cirkel von „eingeweihten Gläubigen“ zusammen, und bei fest verschlossenen Thüren, damit ja kein verständiger Ungläubiger sich einschleiche und dem Humbug ein Ende mache, gaukelt Mr. Slade dem Publicum seine Wunder vor. Erst gestern fand, wie uns mitgetheilt wird, eine derartige Production statt, welcher auch Mitglieder der Aristokratie beiwohnten, die man sonst nur regelmäßig bei den Predigten des P. Klinkowström zu finden pflegt. Mr. Slade soll mit den Erfolgen, die ihm sein „Medium“ hier verschafft, äußerst zufrieden sein und von der Gläubigkeit seiner Bewunderer mit dem möglichsten Respect sprechen. Bis jetzt hat es Mr. Slade nicht gewagt, öffentlich aufzutreten und seine Taschenspielerstückchen für Geistererscheinungen auszugeben. Sollte dies geschehen, so würden wir fortfahren, dem Vorhaben des Mannes, der den für alle Fälle schädlichen Aberglauben um theures Geld in große Kreise tragen will, entgegenzutreten. Wir halten uns auch überzeugt, daß die Behörde den spiritistischen Conventikeln einige Sorgfalt erweisen wird. Trotz der wunderlichen Dinge, die wir täglich sehen, glauben wir doch nicht in der Zeit der Wunder zu leben, und es wäre sehr erwünscht, wenn das angeblich in Mr. Slade wohnende geisterbeschwörende Medium auch hier, wie in anderen Städten, mit vollem Eclat entlarvt wird.

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