Mehr Waffen = mehr Tote?

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Es ist üblich, in internationalen Vergleichen die USA europäischen Ländern oder Japan gegenüberzustellen, wenn es um Waffenbesitz geht. Dann erscheinen die USA als sehr bewaffnet mit der höchsten Rate an legalen Schußwaffen weltweit (88,8 pro 100 Einwohner) und laxen Waffengesetzen sowie gleichzeitig als besonders gewalttätig. Beispielsweise kommt es in den Vereinigten Staaten auf 100.000 Einwohner zu 4,2 Tötungsdelikten (homicides) pro Jahr, während in Deutschland nur 0,8 zu verzeichnen sind.

Bei einem unbefangenen Leser entsteht auf diese Weise der Eindruck, als wenn die USA geradezu das gewalttätigste Land seien. Hat man von vornherein die Intuition, daß Waffen zu Gewalt führen, ist das ja auch schlüssig.

Zunächst sollte einen stutzig machen, daß auf 100.000 Einwohner in den USA nach diesen Zahlen 88.800 Waffen kommen, damit aber bloß die geringe Zahl von 4,2 Tötungsdelikte verübt wurden, in Deutschland auf 30.300 Waffen hingegen weniger als ein solches Verbrechen. Oder mit anderen Worten, nur ein verschwindender Teil der Waffen werden in beiden Ländern für Verbrechen eingesetzt (zumal viele Tötungsdelikte gar nicht mit Schußwaffen begangen werden).

Homicide Rates weltweit, Quelle Wikipedia

Der Vergleich funktioniert aber auch nur so gut, einen vermeintlichen Zusammenhang herzustellen, wenn man weite Teile der Welt aus der Betrachtung läßt. Schaut man herum, so ändert sich das Bild massiv. Die USA haben nämlich im Weltvergleich eine deutlich unterdurchschnittliche Rate an Homicides: Weltdurchschnitt 6,9 pro 100.000, USA, wie gesagt, 4,2.

Quer durch Süd- und Mittelamerika, im subsaharischen Afrika oder Rußland liegen die Raten weit höher. Spitzenplätze nehmen dabei Länder ein wie Honduras mit 91,6 Tötungsdelikten per 100.000, El Salvador mit 69,2, die Elfenbeinküste mit 56,9 oder das entspannte Jamaica mit 52,2. Sonderbarerweise haben wir noch nie davon gehört, daß jemand mit Beklemmung nach Jamaica gereist wäre, während einem nach deutscher Berichterstattung ja die Kugeln in den Vereinigten Staaten fast von der Landung an um die Ohren fliegen sollten.

Bei Reason Hit & Run nimmt sich Jacob Sullum einen Teil dieses Argumentes vor und bespricht einen Artikel in der New York Times, der mit den Zahlen zu süd- und mittelamerikanischen Tötungsraten herumhubert: NYT Science Reporter Sees Armed Guards in Violent Countries, Concludes More Guns = More Killing.

Im Artikel der New York Times wird so aus dem offensichtlichen Widerspruch zur gängigen These: weniger Waffen als in den USA und weit mehr Tötungsdelikte folgender Schluß gezogen:

I recently visited some Latin American countries that mesh with the N.R.A.’s vision of the promised land, where guards with guns grace every office lobby, storefront, A.T.M., restaurant and gas station. It has not made those countries safer or saner.

Despite the ubiquitous presence of „good guys“ with guns, countries like Guatemala, Honduras, El Salvador, Colombia and Venezuela have some of the highest homicide rates in the world.

Wie Jacob Sullum aufzeigt, kann es an strikten Waffengesetzen nicht liegen. Viele illegale Waffen in den Ländern sind nicht ein Indiz für schlaffe Umsetzung, sondern umgekehrt für eine straffe Durchführung (genauso wie in Deutschland, wo die Mehrzahl der Waffen illegal sind). Und die Waffengesetze etwa in Jamaica oder Venezuela (mit 45,1 Tötungsdelikten auf 100.000 gleich hinter Jamaica) sind nicht von schlechten Eltern:

In Venezuela, where Rosenthal says the homicide rate „is expected to be close to to 80 this year,“ civilians are not allowed to possess pistols, revolvers, or carbines; they are limited to .22-caliber rifles and shotguns. Rosenthal also mentions Jamaica, where the homicide rate in 2011 was 40.9 per 100,000, more than eight times the U.S. rate. In Jamaica, according to GunPolicy.org, „the right to private gun ownership is not guaranteed by law,“ „the private sale and transfer of firearms is prohibited,“ and licensed gun owners may purchase no more than 50 rounds of ammunition a year.

Eigentlich zeigt das genau das Gegenteil von dem, was die New York Times zu zeigen beabsichtigt, daß nämlich striktere Waffengesetze sogar mit höheren Raten an Tötungsdelikten einhergehen. Aber auch von daher weiterzuschließen, wäre natürlich ein Schnellschuß, da viele andere Aspekte ins Spiel kommen, die derartige internationale Vergleiche egal in welcher Richtung unterminieren, z. B. Länder wie die Schweiz oder Israel mit verbreitetem Waffenbesitz, aber niedrigen Raten an Tötungsdelikten.

In den Vereinigten Staaten gibt es ja immerhin wenigstens Gegenstimmen, die solche schwachen Schlußfolgerungen wieder aus dem Verkehr ziehen können, während sie in Deutschland unmittelbar von der Behauptung zur Akzeptanz als Binsenwahrheit durchstarten können. Nunja, wir wollten das nur mal auch für Deutschland erledigen, auch wenn wir nur eine kleine Stimme haben.

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