Ist Brot Mord? Antwort auf Kritik

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Der hiesige Artikel „Brot ist Mord“ ist auf wenigstens für unser Verhältnisse große Resonanz gestoßen (danke auch an die Achse des Guten für die Veröffentlichung). Dabei gab es einiges an Zustimmung, aber auch an Kritik. Wir würden uns gerne letzterer annehmen. Leider fanden wir die Kritik nicht wirklich überzeugend. Zumeist hatten wir den Eindruck, als wenn man so in Eile gewesen wäre, irgendetwas auszusetzen, daß man sich darüber gespart hat, den Artikel zu lesen und das Argument zu verstehen.

Beginnen wir kurz mit einer Zusammenfassung des Artikels. Wir referierten dabei ja im Wesentlichen nur die Argumente eines Artikels von Mike Archer. Insofern könnten wir uns einfach darauf zurückziehen, daß wir nur als Boten fungierten. Doch möchten wir hier nicht ausweichen und selbst argumentieren. Wie Tyler Cowen in seinem Post nicht zu unrecht meinte, über den wir auf Mike Archer aufmerksam wurden, ist dessen Artikel „under-argued“. Was unseres Erachtens aber nicht bedeutet, daß man ihn einfach mit ein paar Redewendungen abtun kann. Fehlende Betrachtungen lassen sich nachliefern, was wir hiermit angehen möchten. Und wenigstens gegenüber der Kritik, die wir bislang vernommen haben, steht das Argument von Archer weiterhin gut da.

Mike Archer nimmt als ethische Grundlage zur Beurteilung die Maxime des in einer utilitaristischen Tradition stehenden Philosophen Peter Singer, der für Tierrechte argumentiert, eine Maxime, die wohl auch für viele ethisch argumentierende Vegetarier naheliegend sein dürfte:

Renowned ethicist Peter Singer says if there is a range of ways of feeding ourselves, we should choose the way that causes the least unnecessary harm to animals.

Mike Archer zeigt dann, daß der Anbau von Getreide bei vergleichbarem Ergebnis, wesentlich mehr Tiere in Mitleidenschaft zieht, als die Produktion von Fleisch (wenigstens vom Rind oder Känguruh):

Published figures suggest that, in Australia, producing wheat and other grains results in:

  • at least 25 times more sentient animals being killed per kilogram of useable protein
  • more environmental damage, and
  • a great deal more animal cruelty than does farming red meat.

Die untere Abschätzung für die Anzahl getöteter „fühlender“ (sentient) Tiere ergibt sich aus der Anzahl der Mäuse allein, die zur Verhinderung von Mäuseplagen vertilgt werden, die Aussage zur Grausamkeit daraus, daß die Mäuse vergiftet werden, d. h. langsam an inneren Blutungen verenden.

Gehen wir durch, welche Kritik man üben kann und welche nicht.

1. Ethische Grundlage

Selbstverständlich muß man der Maxime von Peter Singer nicht zustimmen. Wir tun dies nicht und sind auch in anderen Dingen alles andere als Fans von Peter Singers Philosophie. Als alternative Standpunkte sind auch denkbar:

a. Tiere haben keine Rechte, die mit irgendwelchen Rechten von Menschen konkurrieren können.

b. Tiere haben gleiche Rechte mit Menschen, die genauso wenig verletzt werden dürfen wie die von Menschen.

Im ersten Fall, dem wir zuneigen, ist sowohl der Verzehr von Fleisch als auch von Getreide, bei dessen Produktion Tiere getötet werden, ethisch völlig in Ordnung, womit auch die Aufrechnung belanglos ist. (Wir könnten uns dabei eine schwache Einschränkung vorstellen, daß Tiere gewisse Rechte haben, die nur begründet, z. B. zu menschlichem Nutzen übergangen werden können, sodaß etwa reine Quälerei ausgeschlossen wäre, was aber hier nicht viel zur Sache tut).

Im zweiten Fall ergibt sich ebenfalls dasselbe Resultat für Fleisch und Getreide, bei dessen Produktion Tiere getötet werden: beides ist ethisch nicht zulässig. Eine Aufrechnung ist wiederum belanglos, allerdings mit dem umgekehrten moralischen Vorzeichen, weil beides verworfen werden muß.

Zwar hat die zweite Variante den Charme, keine schwierigen Abwägungen hervorzurufen, dafür die in der Wirklichkeit recht weitreichende Konsequenz, daß damit nicht nur Fleisch, sondern wohl auch der größte Teil jeglicher pflanzlicher Nahrungsmittelproduktion ethisch nicht zulässig wäre. Damit bleibt die recht brutale Folgerung, daß aus ethischen Gründen gefordert werden muß, daß große Teile der Menschheit zu verhungern haben (es müßte ja ohne Fleischproduktion sogar noch ein Ersatz an weiterer pflanzlicher Produktion hinzukommen).

Keiner unserer Kritiker scheint diese Konsequenz ziehen zu wollen, womit der einzige Weg eine Art von Abwägung zwischen verschiedenen Möglichkeiten ist, etwa im Sinne von Peter Singer.

Sicherlich lassen sich die einzelnen Bestandteile seiner Maxime sehr unterschiedlich auslegen. Aber egal, welche Auslegung man wählt, sollte doch gelten: eine Alternative ist weniger schlimm, wenn weniger Tiere für ein Ergebnis sterben müssen und das gleichzeitig mit weniger Qualen. (Wenn es eine Abwägung geben müßte zwischen „weniger Tiere“ und „weniger Qualen“, wird es natürlich schwieriger, aber das liegt hier nicht vor.)

Auch eine solche Mindestanforderung scheint keiner unserer Kritiker bestreiten zu wollen: wenn beispielswise 100 Tiere qualvoll verenden, sollte das schlimmer sein, als wenn ein einziges Tier weniger qualvoll stirbt.

Doch wenn man dies einmal angenommen hat, ist die ethische Diskussion schon beendet. Es geht nur um die faktische Frage, ob der Fall so liegt, und in einem geringeren Ausmaß, was denn vergleichbare Ergebnisse sind.

2. Vergleichbarkeit

Mike Archer nimmt an, daß zwei Produkte vergleichbar sind, wenn sie gleich viel Eiweiß enthalten. Man kann natürlich diskutieren, ob das die richtige Gleichsetzung ist. Nur zu bemerken, daß man diese nicht haben will, reicht noch nicht, wenn man keinen anderen Vorschlag macht.

Weizenmehl enthält: etwa 14% Eiweiß, 2% Fett, 73% Kohlenhydrate, 12% Ballaststoffe

Rindfleisch enthält (als Hackfleisch): etwa 26% Eiweiß, 15% Fett,  58% Wasser

Wenn man meint, daß es unsinnig ist, sich den Bestandteil Eiweiß herauszupicken, was wir durchaus für berechtigt halten, dann muß man allerdings auch darauf verzichten, einen anderen zu nehmen (oder man müßte das gut begründen, was niemand gemacht hat).

Sinnvolle Alternativen scheinen uns das Gewicht oder die Kalorienanzahl zu sein. Im ersten Fall verschiebt sich zwar der Vergleich etwas zugunsten von Getreide, aber nicht wesentlich. Zu beachten ist dabei, daß ein Verhältnis von 25:1 und mehr wegargumentiert werden muß, hier aber bloß ein Faktor von etwa 2 abfällt.

Im zweiten Fall sieht es so aus: 100 Gramm Rinderhack entspricht etwa 1000 Kalorien, 100 Gramm Weizenmehl etwa 1400 Kalorien, was wiederum das Verhältnis nicht wesentlich verschiebt, wenn man Kalorien als Kriterium für Vergleichbarkeit heranzieht.

Soweit wir sehen können, bleibt bei allen sinnvollen Arten, Getreide und Fleisch miteinander zu vergleichen, sei es über das Gewicht oder die Kalorienanzahl, das Ergebnis von Archer intakt, daß für die Produktion von Getreide wesentlich mehr Tiere sterben als für die Produktion von Fleisch (immer unter der Annahme, das die Rechnung stimmt und australische Verhältnisse). Der Unterschied ist höchstens zwischen einem Verhältnis von 25:1 oder höher und einem von vielleicht 10:1 oder höher, was aber die Richtung der Abwägung nicht ändert.

3. Berechnung des Verhältnisses

Vielfach wurde von Kritikern behauptet, daß es sich um eine „Milchmädchenrechnung“ handle. Wir konnten das nicht nachvollziehen. Die einzelnen Teile werden im Artikel von Archer belegt, die Berechnung ist wirklich einfach, und wir sehen keinen Fehler. Wenn es einen gibt und dieser auch noch sehr simpel wäre, dann sollte man das einfach einmal aufzeigen. Niemand hat das getan. Und solange man das nicht tut — nach eigener Aussage sollte das sogar sehr einfach sein —, nehmen wir uns heraus, das für einen leeren Bluff zu halten.

Zusammenfassend können wir, bislang von Kritik nicht widersprochen, feststellen:

Bei der Produktion von Getreide werden in Australien weit mehr Tiere getötet als bei der Produktion von Fleisch (wenigstens von Rindfleisch oder Känguruhfleisch). Der Vergleich stimmt auch dann noch, wenn man eine Gleichsetzung nicht über Eiweiß, sondern über Gewicht oder Kalorien vornimmt.

Damit ist die Produktion von Getreide nach der Maxime von Peter Singer ethisch schlechter als die von Fleisch, weil mehr Tiere getötet werden.

Eine Vergiftung mit Rattengift, die zu langsamen inneren Verblutungen führt, erscheint uns zudem grausamer als das Schlachten eines Rindes. Also ist die Produktion von Getreide auch in dieser Dimension ethisch schlechter. Man kann dazu vielleicht einwenden, daß beide Tötungsarten gleich schlimm sind, aber dann greift die erste Dimension immer noch.

Ein konsistenter Kritiker müßte mehr behaupten, nämlich daß eine Vergiftung mit Rattengift weniger grausam als eine Schlachtung ist. Das hat aber bislang keiner zu argumentieren versucht. Wir halten es auch für schwierig: Selbstmörder greifen praktisch nie zu Rattengift, dafür doch häufiger zu einer Pistole, was man als ein erstes Indiz ansehen könnte, wie die meisten Menschen das Verhältnis einschätzen.

5. Diverse Thema-Verfehlts

Eigentlich die meisten Kritiken befaßten sich mit Aussagen, die nicht im Artikel gemacht wurden. Wir gehen die wichtigsten durch:

a. Zufütterung mit Getreide

Natürlich könnte eine solche die Bilanz verschieben, aber Mike Archer begründet, warum das für Australien nicht relevant ist. Rinder grasen auf Weiden, wo es genug Futter gibt. Eine Zufütterung ist meist überhaupt nicht nötig.

Von daher käme selbst bei einer Zufütterung in anderen Ländern höchstens diese moralische Rangfolge heraus:

Känguruhfleisch > australisches Rindfleisch > australisches Getreide > Rindfleisch aus anderen Ländern.

Wir bezweifeln allerdings die Relevanz des Argumentes. Die australischen Verhältnisse sind durchaus nicht untypisch für viele andere Länder mit starker Rinderproduktion, z. B. in Süd- und Nordamerika. Und selbst wenn, sollten Vegetarier dann auf australische Steaks umsteigen.

b. Schweine statt Rinder

Dieser Austausch führt zu demselben belanglosen Einwand. Es mag ja sogar sein (was nicht nachgewiesen wurde), daß durch Zufütterung bei der Produktion von Schweinefleisch mehr Tiere getötet werden als bei der Getreideproduktion. Das ändert aber nichts an dem Argument für australische Rindersteaks als ethisch bessere Alternative zu Produkten aus australischem Getreide.

c. Mangelnde Übertragbarkeit von Australien auf andere Länder

Wie oben schon bezweifeln wir, daß bei der Rindfleischproduktion die Übertragbarkeit von Australien beispielsweise auf die USA, Argentinien oder Brasilien wirklich so abwegig ist. Das müßte nicht nur behauptet, sondern belegt werden. Und dann sollte man sich der Härte des Arguments stellen. Es geht nicht darum, ob es kleine Unterschiede gibt: man muß einen Faktor von mindestens 10, ja vielleicht 25 herausrechnen. Dasselbe gilt auch, wenn man die Produktion von Getreide in verschiedenen Ländern miteinander vergleicht, die vermutlich sogar noch weniger variiert. Auch hier haben wir keine stichhaltigen Argumente gesehen.

d. Mäuse wurden doch erst von den Europäern nach Australien gebracht, womit man die Tötung der Mäuse nicht der Getreideproduktion anlasten könne

Das fanden wir unter allen Argumenten das allerschwächste Argument. Die Mäuse werden doch in jedem Fall vergiftet, egal woher sie ursprünglich mal kamen. Und es sind mehr als bei der Fleischproduktion Rinder und mit einer grausameren Methode.

Und dann: Getreide und Rinder wurden ja auch von anderswoher nach Australien geholt. Wenn das allein schon jede moralische Betrachtung ausschaltet, dann sehen wir nicht, wieso man etwas gegen das Töten von australischen Rindern vorbringen kann.

Fazit

Wir haben bislang noch keine überzeugenden Argumente gesehen und würden uns freuen, wenn die Kritiker es noch etwas ernsthafter versuchen könnten.

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2 Antworten auf Ist Brot Mord? Antwort auf Kritik

  1. loew sagt:

    Die selbe Zeitschrift die Mike Archer’s Artikel veröffentlicht hat, schob später „Vegetarians cause environmental damage, but meat eaters aren’t off the hook“ von Patrick Moriarty nach. Was hältst Du von dem?

    • eugen sagt:

      Wir würden uns gerne auf das ethische Argument für vegetarische Ernährung konzentrieren. Wenn sich Rindfleisch mit weniger toten Tieren herstellen läßt als Getreide, sollten diejenigen, die ein Prinzip wie das von Singer vertreten auf Rindfleisch umsteigen, nach ihrem eigenen Argument.

      Im Artikel wird nicht bestritten, daß Känguruh-, Rind- und Schaffleisch ohne wesentliche Zufütterung produziert werden (wenigstens in Australien). Es werden dann pauschale Zahlen inklusive Schweinen angeführt, wie viel zugefüttert wird. Maximal fällt damit ein Argument ab, daß die ethische Reihenfolge so ist:

      Känguruh > Rindfleisch/Schaffleisch > Getreide > Schweinefleisch > Geflügel

      Es wäre von daher konsistent, aus Singers Prinzip gegen Schweinefleisch und Geflügel im Vergleich mit Getreide zu folgern, während eine Bevorzugung von Getreide gegenüber den Fleischarten links nicht gerechtfertigt wäre.

      Wir vertreten das Prinzip nicht, sodaß wir uns auch nicht an die Schlußfolgerungen gebunden fühlen und alles essen würden. Känguruh schmeckte aber irgendwie komisch, müßten wir noch mal probieren.

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