Der kranke Mann

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Berliner Gerichtszeitung, 8. Januar 1878

Der kranke Mann. — Kaiser Nikolaus l. ist, wie Büchmann in seinem Werte „Geflügelte Worte“ mittheilt, Urbeber des Vergleiches der Türkei mit einem „todtkranken Manne“. Ein im Jahre 1854 im englischen Parlamente vertheiltes Blaubuch theilt die vertraulichen Unterredungen mit, die der Czar mit dem britischen Gesandten, Sir George Hamilton Seymour, in Petersburg zu den Monaten Januar die April 1853 hatte. Schon am 14. Januar hatte der Kaiser der Pforte als einer an Altersschwäche ranken, der plötzlich unter den Händen sterben könnte. Seymour hatte über das Gespräch nach London an Lord Russel berichtet. Auf des Letzteren Rückäußerung, die Auflösung des Patienten würde doch vielleicht noch länger, vielleicht noch 100 Jahre dauern, sagte der Kaiser dann zum Gesandten am 20. Februar 1853: „Ich wiederhole Ihnen, daß der Kranke im Sterben liegt.“ Das letzte Wort. wurde von der Tagespresse aufgenommen, und seitdem ist — die Türkei der kranke Mann. — Aber sie ist es, wie unsere Leser wissen, nicht immer, sie ist es namentlich darnals nicht gewesen, als sie mit Hilfe der westmächtlichen Doctoren gerettet und wieder „auf feste Beine gestellt“ worden war. Damals hatten sich Frankreich und England beeilt. ihre Dienste als Heilkünstler anzubieten und auch den Piemontesen als Assistenzarzt engagirt, um die Diagnose des Dr. Nikolaus I. Lügen zu strafen. Heut zeigt sich, daß alle Doctoren eine falsche Diagnose gestellt haben; denn die „Auflösung“ des Patienten ist zwar nicht sofort eingetreten, scheint aber in diesem Jahre, d. h. genau 22 Jahre nach Abschluß des Pariser Friedens, unabwendbar. Die damaligen Helfer haben den Schwerkranken seinem Schicksal und den Händen seiner eigenen Aerzte überlassen. Erst als er schier unrettbar verloren dalag und in jenem Stadium angelangt war, wo die Doctoren die letzten Anstengungen, die schärfsten Reizmittel aufzuwenden pflegen, um noch einmal die Lebensgeister zu wecken, als bereits trotz des Moschusgeruches der Leichengeruch im Krankenzimmer zu verspüren war, erst dann kam England und bot seine „guten Dienste“ an. Aber noch heut weiß Niemand, ob es als Doctor, um dem Kranken beizustehen, oder ob es nicht vielmehr nur als — — Erbschleicher gekommen ist, um sich für seine Hilfsleistung dies und das testamentarisch verschreiben zu lassen.

Ueber die Haltung des englischen Cabinets und die Stimmung des Volles lauten die Nachrichten durchaus widersprechend. Wir können diesen Widerspruch nicht besser charakterisiren als durch wörtliche Wiedergabe der gestern eingetroffenen Telegramme. Das erste meldet aus London: „Dre kriegerische Agitation ist in England seit einigen Tagen stark im Wachsen begriffen. In Uebereinstimmung mit Lord Beaconsfield verlangen die Königin und der Prinz von Wales eine energische Action. Der Botschafter Layard in Constantinopel sucht von dort nun in gleichem Sinne auf Lord Derby einzuwirken. Die andern Minister sind weniger kriegerisch entschlossen. Indessen ist alle Hoffnung auf eine friedliche Verständigung mit Rußland noch nicht aufgegeben. Die wichtigste Frage bleibt die wegen der Dardanellen.“ — Dagegen meldet eine ebenfalls durch die Montagsblätter veröffentlichte Depesche: „Das dem britischen Parlamente bei seinem Zusammentreten vorzulegende Blaubuch wird Actenstücke enthalten, welche jeden Gedanken an ein Zurückweichen Englands ausschließen. Die neueste Antwort Russlands lautet dahin, daß es die Waffenstillstand-Bedingungen für die Türkei an England nicht mittheilen könne; jede Mediation sei unzulässig; die Pforte möge sich direct an die russischen Herrführer wenden. In England ist die liberale Agitation gegen eine kriegerische Einmischung im Wachsen begriffen.“ — Das Wahre an diesen widersprechenden Mittheilungen wird wohl sein, daß die Agitation sowohl der Kriegspartei als der Friedenspartei in stetigem Zunehmen ist und sich vermuthlich mit jedem Tage bis zur Eröffnung des Parlaments noch steigern wird. Mittlerweile aber, — denn General Gurko und „das Unglück schreitet schnell“, — kann der kranke Mann von neuem Blut- und Säfteverlust heimgesucht und gezwungen werden, auf Englands Beistand zu verzichten und sich willenlos der Operation des grausamen, russischen Chirurgen zu unterziehen.

Die türkischen Doctoren, d. h. die hohen Räthe der  Pforte, sind, nachdem sie hin- und hergepfuscht und endlich Alles verpfuscht haben, mit ihrer Weisheit zu Ende. — Das Parlament, das eine gründliche Heilung aller Uebelstände und Gebresten bringen sollte, hat, durch den Krieg behindert, Nichts für die Besserung der inneren Zustände, geschweige denn für die auswärtige Politik gethan; es hat nicht einmal erreichen können, daß die unglückseelige Macht des kopflosen Kriegsrathes und die noch unglückseeligere des Großveziers Edhem und des hochmüthigen Mahmud Damath Pascha gebrochen werde. Jetzt hat es sich von der in schwersten Nöthen befindlichen Regierung losgesagt, ihr mit einer Mehrheit von Zweidrittheilstimmen in aller Form ein Mißtrauensvotum ertheilt. — Die gesetzliche Gleichstellung der türkischen und christlichen Bevölkerung ward zwar als Radicalcur zur Herstellung des inneren Friedens auf dem Papier verordnet, ist aber nicht durchgeführt. Die Einreihung der Christen in die osmanische Armee ließ lich nicht bewerkstelligen; man beschloß deshalb, ihnen die Stellung einer Bürgergarde zu geben. Der armenische und griechische Patriarch waren auch damit einverstanden  und forderten in ihnen Encycliken, d. h. in.  Hirtenbriefen, die Christen auf, der Pforte zu willfahren. Als aber, — so wird der Wiener „Presse“ geschrieben, — die betreffenden Rundschreiben in den Kirchen verlesen wurden, hatten sie eine förmliche Revolution zur Folge. Die Weiber schrieen und weinten, die Männer pfiffen und fliegen auf die Kanzeln, um den Popen das verhängnißvolle Actenstück zu entreißen; in Gallipoli zwang man einen griechischen Geistlichen, niederzuknien und für die Seelenruhe des im Aufstandsjahre 1821 von den Türken gehenkten Patriarchen Gregos VI. ein Gebet zu verrichten. Der Rest war, daß Alle, die konnten, auszuwandern versuchten, und daß die Regierung Gewaltmaßregeln ergriff, die Flüchtlinge zurückzuhalten.

Dem Falle von Plewna ist Schlag auf Schlag neues Unheil gefolgt. War die Stimmung des türkischen Volks schon vor vierzehn Tagen eine verzweifelte, sind schon hier und da Zeichen offener Empörung hervorgetreten, wie man es mit der Volksstimmung bestellt sein heut, da Sofia in die Hände des Feindes gefallen, die russische Armee trotz Kälte und Schnee unaufhaltsam im Vordringen, und Erzerum vollständig cernirt ist! Wie leicht kann es geschehen, daß zu all dern Elende auch noch die Schrecknisse einer Revolution kommen, und daß die Blätter Recht behalten, welche, auf den jammerhaften Zustand des „kranken Mannes“ hinweisend, schreiben: „In Constantinopel mehren sich die Anzeichen des Niederganges und der allgemeinen Auflösung.“

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