Hofprediger Stöcker betritt die Bühne

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Berliner Gerichtszeitung, 10. Januar 1878

Bekehrungs-Versuche — Zur Gründnung einer christlich-socialen Arbeiterpartei hat sich in Berlin ein Häuflein kirchlich gesinnter Männer zusammengethan und mit anerkennenswerthm Muthe es gewagt, Vol[k]sversammlungen auszuschreiben und dem großen Haufen der Socialdemokraten gegenüber zu treten Zu zweien Malen, am 3. und am 5. d.M., ist es bereits zwischen den christlich und den demokratisch Socialen zu heftigem Kampfe, scharfen Reden und Gegenreden gekommen. Die ganze Sache wäre bedeutungslos, wenn nicht gleich in der ersten Versammlung eine Resolution angenommen worden wäre, welche, — falls uns unsere Vermuthung nicht täuscht, —  für die gesammte socialdemokratische Partei sehr verhängnißvoll werden wird. — Ob sich die Agitatoren der neuen Partei aus eigenem, inneren Triebe zum Bekehrungswerke entschlossen und „in die Höhle des Löwen“ begeben, ob sie auf höheren Antrieb gehandelt, ob sie vielleicht gar, — beabsichtigt haben, die Socialdemokratie zu provociren, ist gleichgiltig; Thatsache ist, daß sie eine Erklärung hervorgerufen haben, die an höherer Stelle als eine offene Kriegserklärung an den „christlichen Staat“ betrachtet werden wird. Die neuen Sendboten werden sich überzeugt haben, daß es leichter sei, Kaffern und Hottentotten zu bekehren als Diejenigen, welche, ob sie sich gleich religionslos nennen, doch an ihrem „Ideale“ und an ihren Götzen fanatisch festhalten. Die Resolution lautet: „In Erwägung, daß ein fast 1900 Jahre währendes Christenthum nicht im Stande gewesen ist, das Elend, die äußerste Noth der überwiegenden Mehrheit der Menschheit zu lindern, geschweige denn ihnen ein Ende zu machen; in fernerer Erwägung, daß die heutigen Priester und Diener der Kirche keine Miene machen, das seither von ihnen beobachtete Verfahren zu ändern; in schließlicher Erwägung, daß selbst jede wirthschaftliche Errungenschaft, sei sie groß oder klein, ohne den gleichzeitigen, unbeschränkten Besitz politischer Freiheit völlig werthlos ist, und selbst bei Erfüllung des christlich-socialen Programms die Sache beim Alten bleibt; — decretirt die Versammlung, daß sie ledigklich und allein von der socialdemokratischen Partei eine gründliche Beseitigung aller herrschenden politischen und wirthschaftlichen Unfreiheiten hofft, und daß es ihre Pflicht ist, mit allen Kräften für die Lehren der Partei einzutreten und dafür zu wirken.“

Dem Hofprediger Stöcker, welcher in der ersten Versammlung gesprochen und auseinandergesetzt hatte, daß die Lösung der socialen Frage nur möglich sei, wenn sich die Arbeiter organisiren im Geiste des bestehenden Staates und im Geiste des Christenthums, als der Religion der Liebe, erwiderte der bekannte Arbeiterführer Most. Er führte mit flammenden und — leider auch zündenden Worten aus, daß wohl die Urchristen brave Leute gewesen seien, daß aber die Kirche später entartet sei und mit Feuer und Schwert das Volk tyrannisirt habe. Am besten manifestire sich die christliche Liebe in den lodernden Scheiterhaufen, auf denen man die Ketzer geschmort habe. Die größten Blut- und Schandthaten seien im Namen des Christenthums verübt worden. Von einer solchen Religion wolle der Arbeiter Nichts mehr wissen. Und nicht allein die katholische Kirche habe solche Schand- und Mordthaten begangen, — auch die Protestanten. Calvin habe 50 Ketzer schmoren lassen, und in England sei des Mordens und Würgens zur Reformationszeit kein Ende gewesen. „Ich erinnere, — sagte Most, — nur noch an Luther, welcher einst empfahl, man möge die aufständischen Bauern hängen, hauen und stechen wie tolle Hunde. Heute freilich schmort man keinen Ketzer mehr; heute müssen die Hofprediger liebevoll mit dem Volke umgehen; denn das ist ja ihr letzter Strohhalm. Diese Herren wollen sich nach oben „zum lieben Kinde“ machen, indem sie den Staatssocialismus empfehlen und den Arbeitern Patriotismus predigen.“ — Es wird uns nicht wundern, wenn die Regierung, auf jene Resolution und diese Worte Most’s hinweisend, scharfe Maaßregeln gegen die Socialdemokraten und eine Beschränkung des Vereins- und Versammlungsrechtes und der freien Presse beantragt.

Der Boden für eine christlich-sociale Partei ist nur da vorhanden, wo die große Masse des Volks, wie dies z. B. am Rhein und in Westphalen der Fall ist, noch festhält an dern positiven Glauben. Dort konnte sich ein Mann wie Bischof Ketteler mit Erfolg zum Volksführer aufwerfen, dort können die Priester noch die Leidenschaften des Volkes nicht bloß enlflammen, sondern auch zügeln. — Die Socialdemokratie aber, und speciell die Berlins, hat sich losgesagt nicht allein von der Kirche und dern positiven Glauben, sondern von der Religion überhaupt. Sie kennt keinen Gott außer Lassalle, und diesen, — es ist das keine Uebertreibung, und wenn es eine Blasphemie ist, so wird sie täglich und stündlich von den Blättern der Socialdemokraten verübt, — feiern sie als den Heiland und Welterlöser, der allein das wahre Evangelium der Armen und Bedrückten gepredigt habe. Seine Schriften, — ob sie dieselben auch weder gelesen haben, noch verstehen, — gelten ihnen als oberste Offenbarungen, und ihre Apostel lehren, daß in keinem Andern Heil sei, und daß es keinen anderen Weg gebe zur Glückseeligkeit als allein in dem Glauben an die Lassalle’sche Bibel. Ihre Priester, — obgleich sie weder Talare noch Böffchen tragen, — wetteifern an Zelotismus mit den Orthodoxen, haben gleich diesen Dogmen aufgestellt, an deren Unfehlbarkeit zu zweifeln, bei Strafe der Ausstoßung aus der Gemeinde und der einigen Verdammniß verboten ist. — Was wollen, was können die chriftlich-socialen Missionare ausrichten gegen solche „Heiden“, zumal wenn sie ihnen nichts Besseres zu bieten vermögen als ihr sogenanntes „Programm“? -— In der zweiten Versammlung gab über dasselbe einer der Gründer der neuen Partei folgenden Aufschluß:

„Die christlich-sociale Partei hat sich zur Aufgabe gemacht, unter Beibehaltung der christlichen Kirche und der Gottesverehrung das Loos der Arbeiter zu verbessern und deshalb zunächst folgende Forderung auf ihr Programm geschrieben: Aufhebung, resp. möglichste Beschränkung der Frauen- und Kinderarbeit, Abschaffung der nicht unumgänglichen Sonntagsarbeit, Einführung des Normalarbeitstages und ein in jeder Beziehung gerechtes Haftpflichtgesetz. Um weitere Forderungen durchzuführen, soll jeden Montag Versammlung abgehalten und in denselben die Arbeiterkreise für das Programm gewonnen werden.“ entschlossen und „in die Höhle des Löwen“ begeben, ob sie auf höheren Antrieb gehandelt, ob sie vielleicht gar, — beabsichtigt haben, die Socialdemokratie zu provociren, ist gleichgiltig; Thatsache ist, daß sie eine Erklärung hervorgerufen haben, die an höherer Stelle als eine offene Kriegserklärung an den „christlichen Staat“ betrachtet werden wird. Die neuen Sendboten werden sich überzeugt haben, daß es leichter sei, Kaffern und Hottentotten zu bekehren als Diejenigen, welche, ob sie sich gleich religionslos nennen, doch an ihrem „Ideale“ und an ihren Götzen fanatisch festhalten. Die Resolution lautet: „In Erwägung, daß ein fast 1900 Jahre währendes Christenthum nicht im Stande gewesen ist, das Elend, die äußerste Noth der überwiegenden Mehrheit der Menschheit zu lindern, geschweige denn ihnen ein Ende zu machen; in fernerer Erwägung, daß die heutigen Priester und Diener der Kirche keine Miene machen, das seither von ihnen beobachtete Verfahren zu ändern; in schließlicher Erwägung, daß selbst jede wirthschaftliche Errungenschaft, sei sie groß oder klein, ohne den gleichzeitigen, unbeschränkten Besitz politischer Freiheit völlig werthlos ist, und selbst bei Erfüllung des christlich-socialen Programms die Sache beim Alten bleibt; — decretirt die Versammlung, daß sie ledigklich und allein von der socialdemokratischen Partei eine gründliche Beseitigung aller herrschenden politischen und wirthschaftlichen Unfreiheiten hofft, und daß es ihre Pflicht ist, mit allen Kräften für die Lehren der Partei einzutreten und dafür zu wirken.“ —

Anstatt für die Zwecke zu arbeiten, die sich ja auch ohen Hilfe der Christlich-Socialen erreichen lassen, sollten sich die kirchlichen Herren lieber mit den Grundwahrheiten, resp. den Grundirrthümern der Socialdemokraten beschäftigen; anstatt tauben Ohren zu predigen, sollten sie sich zunächst an jene Partei wenden, welche durch starres Festhalten an einer nicht mehr lebensfähigen Orthodoxie den Sinn des Volkes mehr und mehr der Kirche entfremdet und damit den Boden zu erfolgreicher „christlich-socialer“ Wirksamkeit selbst unterwühlt. — Wenn die christlich-socialen Missionare keine besseren Vorkämpfer als die bisher auf dem Kampfplatz erschienenen, keine schärfere Handhabe als das Stöcker’sche Redeschwert und kein höheres Ideal als ihr — „Programm“ aufzuweisen haben, dann mögen sie von ihren Bekehrungs-Versuchen abstehen. Denn ihre Stimmen werden verhallen wie die des Predigers Stöcker im Eiskeller, d. h. wie die des Predigers in der Wüste.

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Eine ausführliche Einleitung und zahlreiche Fußnoten zu Personen, Sachverhalten und ungewöhnlichen Wörtern helfen dem heutigen Leser beim Verständnis.

Siehe auch:

Darstellung der Verkommnisse aus Sicht von Hofprediger Stöcker und aus Sicht der Sozialdemokraten:

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