Parlaments-Feuilleton der Berliner Wespen – 11. Januar 1878

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Sitzung des Abgeordnetenhauses. Die Weihnachtsferien hatten am 8. kaum ihr Ende erreicht, als sie auch bereits von sehr vielen Abgeordneten verlängert wurden. Das Haus weist daher Lücken auf, als sei es aus lauter Ministerbänken zusammengesetzt.

Die Tribünen sind gleichfalls leer, da die Debatten für das Publikum weder etwas Anziehendes, noch auch, da keine neuen Steuerprojecte auf der Tagesordnung stehen, etwas Ausziehendes hatten.

Bis zur Eröffnung der Sitzung statten sich die Anwesenden Gratulationsvisiten ab, um einander ihr Bedauern, daß sie nicht auch noch fortgeblieben, auszusprechen.

Der Präsident von Bennigsen hat den Präsidentensitz eingenommen. Derselbe hat sich in den jüngsten Wochen derart an das Fahren zwischen Berlin und Varzin gewöhnt, daß er dann und wann ein Mitglied des Bureaus fragt: „Geht’s nicht bald weiter, Schaffner?“ oder den Vicepräsidenten: „Es genirt Sie doch nicht, gnädige Frau, wenn ich rauche?“ Am Ministertisch erscheinen einige der älteren Minister, um anzudeuten, daß nicht jeder Nationalliberale, wenn er eine Reise thut, was erzählen kann.

Viel Aufsehen macht im Centrum eine Photographie, die Teufelsaustreibung darstellend. Es ist eine leere weiße Karte. Der Teufel ist nämlich eben verschwunden, und die Kammerfrau hat sich gleichfalls entfernt, um dem Bannpriester eine Visite in seinem Beichtstuhl zu machen.   Es wird in diesen Kreisen ein Antrag vorbereitet: Das Haus wolle beschließen, die Regierung aufzufordern, ein königlich preußisches Teufelsexorcirhaus zu errichten, in welchem von jetzt an alle vom Teufel besessenen hysterischen Frauenzimmer bis zur erfolgten Austreibung Unterkommen und Verpflegung finden.

Die Versammlung erledigt dann verschiedene Gesetzentwürfe mit großer Eilfertigkeit, woraus hervorgeht, daß der Culturkampf nicht einmal bei der Berathung über den Bau einer von Kiel über Eckernförde nach Flensburg zu bauenden Eisenbahn in die Debatte gezogen worden ist.

Es folgt die erste Berathung des Gesetzentwurfs, betr. Maßregeln gegen die Verbreitung der Reblaus, welcher an die Agrarkommission verwiesen wird. Nach dem Antrag des Abg. Petri wird diese ad hoc um 7 „reblausverständige“ Mitglieder verstärkt. Diese böse Sieben wird dem , Centrum entnommen, da reblausverständig doch nur heißen kann, daß man versteht, so verständig wie die Reblaus zu sein und dem Staate allerlei Schaden zuzufügen.

Die Versammlung beschäftigt sich alsdann mit Petitionen, welche in Massen eingegangen sind. In keinem dieser Schriftstücke wird das Abgeordnetenhaus gebeten, zur Tagesordnung überzugehen, trotzdem wird diese Bitte häufiger erfüllt, als irgend eine andere, welche in den betreffenden Petitionen vorgetragen wird.

Nächste Sitzung: Nr. 3 der Berliner Wespen.

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