11. Neue Vergehen (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

Dieser Artikel wurde 2816 mal gelesen.

11. Neue Vergehen.

Im März 1862 erreichte die „neue Aera“ in Preußen ihr Ende. Eigene Schwäche und die Unterwühlung durch Herrn von Roon brachten das Ministerium zu Fall. Zuerst löste das Ministerium das Abgeordnetenhaus und dann sich selbst auf. Ein sogenanntes Geschäftsministerium wurde gebildet, welches den Uebergang darstellte zu dem späterhin, im Oktober 1862, eingesetzten Ministerium Bismarck.

In einem so straff centralisirten Staate wie Preußen spürt man den Umschlag des Wetters und die Temperaturveränderungen in den höchsten Regionen bis in die letzte Kanzleistube und bis zum jüngsten Referendar herunter. Ich war ohnehin schon seit der Broschüre über „Die Freiheit des Schankgewerbes“ in den Augen Mancher mit einer levis macula behaftet; die Dezernate waren für mich nicht mehr so rasch zu absolviren wie vordem. Der vom Elberfelder Waisenhaus den [71] geneigten Leser bekannte Polizei- und Militärdepartementsrat entließ mich aus seinem Dezernat erst, nachdem er mich einer mündlichen Prüfung über den Inhalt der Militärersatzinstruktion unterworfen hatte, wobei er mich das erste Mal glänzend durchfallen ließ. Späterhin war er Ministerialrat und ich Abgeordneter geworden. Ich hätte nun, z. B. in der Budgetkommission, den Spieß umkehren können, aber ich hatte ihm längst verziehen, nachdem mir das damals aufgezwungene Memoriren der Ersatzinstruktion in den Militärkommissionen des Reichstags zu Gute gekommen war.

Im August 1862 war ich, soweit die Düsseldorfer Regierung in Frage kam, mit dem Vorbereitungsdienst fertig und hatte inzwischen auch noch Zeit gewonnen, freiwillig — jetzt ist solche Beschäftigung obligatorisch — auf dem Oberbürgermeisteramt und bei der Polizeiverwaltung in Düsseldorf zu arbeiten. Ich wollte sehen, wie die Dinge in der Lokalverwaltung sich ausnahmen.

Nun fehlte mir für die Präsentation zum Assessorexamen nur noch der Befähigungsnachweis zum Domänendepartementsrat. Es geht eben nichts über die Vielseitigkeit des preußischen Regierungsrats; er soll alles kennen gelernt oder doch, was freilich nicht immer gleichbedeutend ist, Akten über alles gesehen haben. Sintemalen nun im Bereich des Regierungsbezirks Düsseldorf frü-[72]-here Regierungen so klug gewesen waren, alle Domänen zu veräußern, so waren die Referendarien gehalten, sich jenen Befähigungsnachweis noch besonders bei einer altländischen, mit einer Domänenverwaltung ausgestatteten Regierung zu erwerben.

So wurde ich denn im August 1862 der Finanzverwaltung in Magdeburg überwiesen. Magdeburg war damals noch in seinen alten Festungsgürtel eingeschnürt und ein wenig vergnüglicher Ort. Das erste, was mir bei meiner Ankunft in Magdeburg erzählt wurde, war die bekannte Geschichte von dem Reisenden, welcher als verdächtig zur Polizei sistirt worden war, weil er im Fremdenbuch als Zweck seines Magdeburger Aufenthalts angegeben hatte „Vergnügens halber“.

Nun kann man auf Vergnügen zur Not verzichten, wenn man zu arbeiten hat. Aber die Generalakten über die Domänenverwaltung hatte ich bald durchgelesen. Im Speziellen aber lassen sich Domänen wohl kaum verwalten, wenn man dieselben niemals gesehen hat. So hatte ich an den meisten Tagen in Magdeburg ganz und gar nichts zu thun und nur mitunter beispielsweise eine Verfügung aufzusetzen, welche einen Pächter von irgend einer Pachtbedingung dispensirte und ihm erlaubte, Kartoffeln und dergleichen von der Domäne zu verkaufen. [73]

Um mich etwas aufzufrischen, besuchte ich um Mitte September den volkswirtschaftlichen Kongreß in Weimar und traf dort nicht blos die alten Bekannten von den Kongressen in Köln und Frankfurt a. M. wieder, sondern machte auch manche interessante neue Bekanntschaften. Unter Anderm unternahm ich von Weimar aus mit Fritz Kapp, sowie mit dem späteren Gerichtspräsidenten in Darmstadt Görz, meinem jetzigen Reichstagskollegen Schenk, Dr. J. und Professor D. eine mehrtägige Fußtour durch den Thüringer Wald. Fritz Kapp, der damals aus Amerika zum ersten Male wieder besuchsweise nach Deutschland gekommen war, machte in seiner welterfahrenen und doch so überaus frischen und herzlichen Weise auf mich einen besonderen Eindruck. Professor D. war das Stichblatt bei unserer Fußreise. Er hatte sich zu derselben erst kurzer Hand in Weimar entschlossen und machte die Reise ohne jegliches Gepäck mit, noch dazu im Frack.

In sehr gehobener Stimmung kam ich also nach Magdeburg zurück, fand aber auch jetzt wieder keinerlei Akten zur Bearbeitung für mich vor. Müßiggang ist aber bekanntlich aller Laster Anfang. Da geriet ich denn — ich weiß selbst nicht wie — in Begleitung eines Kollegen in eine Sitzung des konservativen Vereins in Magdeburg, welcher im Wiener Hof tagte, in dem-[74]-selben Gasthof, wo wir Mittags speisten. Einen konservativen Verein hatte ich noch niemals gesehen, denn dergleichen gab es am Rhein überhaupt nicht.

Der konservative Verein beschäftigte sich eben mit der Absendung einer Adresse an den Kriegsminister zum Dank für die Armeeorganisation. Damals standen im Abgeordnetenhause zu Berlin die Dinge gerade auf des Messers Schneide. Es mußte sich jetzt in der Militärfrage entscheiden, ob Verständigung mit der Mehrheit oder Konflikt und Verfassungsbruch. Heute wissen wir aus den Veröffentlichungen Hegels, des damaligen Protokollführers im Staatsministerium, daß gerade am 18. September 1862 das gesamte Ministerium einschließlich des Kriegsministers v. Roon bereit war nachzugeben, und nur durch die Erklärung des Königs im Kronrat, alsdann die Krone niederlegen zu wollen, ein friedlicher Ausgleich auf der Grundlage der zweijährigen Dienstzeit, zu welcher das Abgeordnetenhaus sich bereit gezeigt hatte, verhindert worden ist. Heute wird auch selbst von amtlicher Seite die Entbehrlichkeit des dritten Dienstjahres trotz der größeren Anforderungen, welche gegenwärtig im Verhältnis zu früher an die Ausbildung des einzelnen Mannes gestellt werden, in der Hauptsache zugegeben. Es kann daher jetzt auch niemand mehr im Ernste behaupten, [75] daß im Falle des Zustandekommens jener Verständigung damals Preußen in seiner Wehrkraft geschwächt, und die Kriegserfolge der nächsten Jahre unmöglich gemacht worden wären.

Der Magdeburger konservative Verein, in dessen Versammlung ich geraten war, ging gerade darauf aus, den Kriegsminister durch eine Adresse aufzustacheln, keinerlei Zugeständnisse zu machen. Ueberaus schwer wurde es freilich dem Verein, für seine Adressen Unterschriften zu erhalten. Der Jammer über diese Schwierigkeiten war der Hauptinhalt der Verhandlung an dem Abend während meiner Anwesenheit. Zu guter Letzt wurde in der Versammlung beschlossen, durch bezahlte Kolporteure Unterschriften zu sammeln und das Augenmerk hierbei zu richten insbesondere auf die Gewinnung eines pensionirten Briefträgers, dem außer dem sonntäglichen Besuch der Heiligengeistkirche — die Leiter der Versammlung und der Adreßbewegung waren Pastoren — auch ein für solche Zwecke der Unterschriftensammlung besonders geeigneter Grad persönlicher Unverschämtheit nachgerühmt wurde. Man müsse die Leute, so hieß es in der Versammlung, am Arm fassen und ihnen die Feder zur Unterschrift gewaltsam in die Hand drücken.

Als hier der vorsitzende Pastor frug, wer von den Anwesenden die Adresse noch nicht unter-[76]-schrieben habe, hielt ich’s für geraten, das Lokal zu verlassen.

Aber dieser erste Einblick meines Lebens in das Treiben eines konservativen Vereins hatte mich derart ergötzlich angeregt, daß es mich drängte, meine Eindrücke in einem politischen Feuilleton niederzuschreiben, welches ich an die mir befreundete „Niederrheinische Volkszeitung“ in Köln (dem früheren „Düsseldorfer Journal“) sandte. Leiter des Blattes war der „rote Becker“, der damalige Abgeordnete der Fortschrittspartei und spätere Oberbürgermeister von Köln. Ich ließ in dem Feuilleton einen Kölner Handlungsreisenden auftreten, der von der Leißziger Messe zurückkehrend die Magdeburger Herbstmesse besucht, die Schaubuden am Dom in Augenschein nimmt und in seinem Drange, Magdeburger Merkwürdigkeiten zu sehen, auch im benachbarten Wiener Hof in den konservativen Verein gerät. Unter den Eindrücken der Versammlung aber verfolgt meinen Handlungsreisenden ein böser Traum, in welchem ein toller Spuk von Geistern aller Art an ihm herumzerrt, um seine Unterschrift zu der Adresse an den Kriegsminister zu erhalten. Ich gab dementsprechend meinem Feuilleton die Ueberschrift „Eine Magdeburger Spukgeschichte aus dem Jahre 1862.“

Kaum waren zwei Tage vergangen, da druckte die „Magdeburger Zeitung“, was ich nicht [77] vorausgesehen hatte, mein ganzes Feuilleton unter derselben Ueberschrift der Magdeburger Spukgeschichte aus der „Niederrheinischen Volkszeitung“ ab, indem sie hinzufügte, daß sie über den sonst wenig bekannten konservativen Verein diese Schilderung um so lieber bringe, weil sie offenbar von einem unbefangenen Fremden herrühre.

Man lachte in Magdeburg nicht wenig über meine Federzeichnungen von dort bekannten Persönlichkeiten in der Spukgeschichte, insbesondere über einen „dicken Propst“, dem die Konservativen nach meiner Schilderung das Reden verboten hatten, weil er ihnen dabei mehr schade, als nütze, und der deshalb verstimmt dem Verein den Rücken gekehrt hatte.
Sofort war ich auch trotz der Maske des Kölner Handlungsreisenden als Verfasser erkannt, da ich aus dem Besuch des konservativen Vereins gegen niemand ein Hehl gemacht hatte. Sogleich ließ mich Oberpräsident von Witzleben wegen der Spukgeschichte zur verantwortlichen Vernehmung vor den Dirigenten der Finanzverwaltung laden behufs Einleitung des Disziplinarverfahrens. [78]

Dieser Beitrag wurde unter 1892, Eugen Richter, Geschichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar