Ideale Ziele Rußlands

Dieser Artikel wurde 4187 mal gelesen.

Berliner Gerichtszeitung, 15. Januar 1878

Ideale Ziele Rußlands. — Die Nachricht vom bereits erfolgten Abschlusse des Waffenstillstandes, welche am Freitage die Börse in freudigste Stimmung versetzte, hat sich, obgleich sie von dem stets gut unterrichteten Specialcorrespondenten der „Voss. Ztg.“ am Morgen gemeldet und durch eine Hirsch’sche Abenddepesche wiederholt wurde, nicht bestätigt; dagegen ist es unzweifelhaft, daß die Unterhandlungen zwischen den Kriegsführenden in lebhaftem Zuge sind. Auf die Bitte des türkischen Oberfeldherrn hat Großfürst Nicolaus erwidert, er werde nur dann über einen Waffenstillstand unterhandeln, wenn gleichzeitig die Grundlagen des Friedens festgestellt werden. Die Pforte hat sich diesem Verlangen gefügt mit dem Ersuchen, Rußland möge ihr sagen, welche Bedingungen es stelle. — Was heut für uns noch in ein undurchdringliches, durch keine offtcielle Kundgebung gelichtetes Geheimniß gehüllt ist, das ist also dem Sultan offenbar; er muß die Hauptforderungen des Feindes gekannt und gebilligt haben, bevor er seinen Generalen befahl, den schweren Gang in das russische Hauptquartier anzutreten. Außer ihm missen vielleicht noch die beiden Kaisermächte, was Rußland unter „idealen Zielen“ versteht; die übrige Welt wird es erst im Laufe dieser Woche erfahren und vermuthlich erkennen, daß Rußland nicht gesonnen ist, dem Besiegten goldene Brücken zu bauen. „Vae victis!“ Wehe den Bestegten — tönt es von einem Ende des Czarenreiches zum andern.

Bedingungslos haben sich Plewna, Nisch, u. s. w. und die Vertheidiger des Schipkapasses ergeben; bedingungslos — auf Gnade oder Ungnade — muß sich die Türkei ihrem Schicksale, d. h. dern Sieger unterwerfen und den Frieden annehmen, den ihr der Czar dictirt. Sie muß sich nach obenein beeilen, damit dieser Friede nicht etwa gar in Adrianopel, wie es der Sieger ursprünglich beabsichtigt, dictirt werde. Schon sind die russischen Heeresmassen im Marsche auf diese Stadt, schon flüchten aus ihr die geängstigten Bewohner und tragen ihre Angst und Entmuthigung überall hin, wo sie Zuflucht suchen; schon zittert Konstantinopel vor der Nähe der russischen Feuerschlünde.

Das bei Sedan niedergeschmetterte Frankreich hatte noch eine ansehnliche Streitmacht, noch Mittel, den Krieg aufs Aeußerste zu wagen, und vor Allem noch einen Mann, der es verstand, „Armeen aus der Erde zu stampfen“. — Die bei Plewna und Schipka besiegte Türkei ist heut schon in derselben Lage, in der sich Frankreich nach dem Falle von Metz und Paris befand. Die alte, kriegserfahrene Armee ist theils ve[r]nichtet, theils desorganisirt und, was noch schlimmer ist, demoralisirt, weil sie kein Vertrauen mehr hat weder auf ihre eigene Kraft, noch auf ihre Führer. Die neugeschaffene und zum Theil noch in Bildung begriffene Armee aber besteht aus kriegsunlustigen, des Waffenhandwerks noch nicht kundigen, also kriegsuntüchtigwn Mannschaften, und die aus den verschiedensten Berufs- und Altersclassen zusammengetrommelten Milizen wissen Nichts und wollen Nichts wissen von den Kämpfen der offenen Feldschlacht. Die Mittel sind erschöpft, die letzte Hoffnung auf den Beistand einer auswärtigen Macht ist geschwunden, der Glaube an die Versetzung erschüttert. Selbst die Fahne des Propheten würde heut keine Wunder mehr thun. Wo, fragen wir, wäre ein Mann, der gleich Gambetta vermöchte, den erlöschenden Lebensmuth der Nation zu neuen Opfern und Kämpfen zu entflammen? Der Großvezier Edhem Pascha ist seines Postens enthoben und durch eine neue unbekannte Größe (?) ersetzt worden; aber Midhat Pascha irrt, ein Verbannter, noch immer in der Fremde. Und wenn dieser Liebling des Volks heut zurückkäme, — es käme duch viel, viel zu spät. — Was bleibt da dem Besiegten übrig, als den Sieger zu bitten: Nimm. was du willst, aber schenke mir das Leben, lasse mir nur so viel, daß ich im Stunde bleibe. nothdürftig meine Existenz unter den andern Mächten zu fristen! Der einzige Trost, der ihm geblieben, ist der, daß die ehemaligen Freunde sich seiner erbarrnen, und, wenn auch nur um ihres eigenen Vortheils Willen, nicht zugeben werben, daß ihm Alles genommen werde. Sie werden den — idealen Zielen Rußlands ein Ziel setzen.

Trotz aller Zweifler und Spötter bleibt die russische Presse dabei, daß Rußland in durchaus reinster, uneigennütziger Absicht, nur um des heiligen Glaubens wegen den Krieg begonnen habe. Was der Czar in feierlicher Rede zu Moskau versichert und eine auf allerhöchsten Befehl veröffentlichten Staatsschrift später bestätigt hat, das wiederholt jetzt wieder und noch jetzt ein russisches Blatt, indem es u. A. schreibt: „Die Grundlage unseres Krieges bildet eine ideale Aufgabe, — die Befreiung rechtloser Sklaven.“ Und, — so fährt es dann fort, — „diese moralische Grundlage ist, die orientalische Willkür zu vernichten und an deren Stelle Gesetzmäßigkeit und Gleichberechtigung einzuführen. Die türkische Willkür stützte sich auf halbwilde Armeen und auf corrumpirte, käufliche, fast unabhängige Beamte . . . Diese Armeen und Beamten müssen beseitigt, die gesammte Administration muß nach den Grundsätzen der Selbstverwaltung umgestaltet werden. Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung verlangt Gleichheit in der Besteuerung, so das ein Jeder für die öffentlichen Bedürfnisse, entsprechend seinem Einkommen, zu zahlen hat. Nur bei solchen Grundbedingungen des Friedens kann man eine schnelle Entwickelung der Völker — die geistige, politische und sittliche Entwickelung — erwarten; nur bei solchen Bedingungen nimmt die Production schnell zu, dringt Aufklärung in die Masse des Volkes, wird der Boden für das Aufblühen der Wissenschaften und Künste, alles Schönen und Guten geschaffen.“ — Das ist, wie Jedermann zugestehen wird, eine ideale Sprache, das sind in Wahrizeit ideale Ziele, und, falls Rußland keine anderen erstrebte, könnte man nur wünschen, daß es diese Ziele zum Heile so wohl der Türkei als namentlich der christlichen Bevölkerung erreichen, und daß es diese Sprache auch zum Segen seines, des russischen Volkes, beberzigen möge. Es sollen nämlich, wie Böswillige behaupten, auch in der russischen Armee noch einige „halbwilde“ Völkerschaften eingereiht sein; auch in Rußland, — es ist das gewiß nur eine Lüge, — soll es corrumpirte und bestechliche Beamte geben, und das demokratische Princip der Selbstverwaltung, der Gleichheit vor dem Gesetz und der Freiheit des Glaubens und der Lehre soll noch nicht ganz durchgeführt sein. Auch mit der Aufklärung soll es, — doch auch das ist wahrscheinlich erlogen, — noch hier und dort recht traurig bestellt, und Stumpfsinn, Unbildung und Aberglauben vielfach bemerkbar sein. — Dank dem russischen Blatte, der „Nowoje Wremja“, für die schönen Worte, Dank auch für bie Aufklärung, die es uns darüber giebt, wie Rußland seine Ideale zu verwirklichen gedenke! „Rußland, — so schreibt dies Blatt. — strebt nicht nach ausgedehntem Ländererwerb, sondern nach gesicherten und festen Grenzen. Von der Wiederherausgabe der kleinasiatischen Festungen kann nicht die Rede sein! In unseren Händen werden diese Festungen. vertheidigt durch russische Soldaten, zu einer großen Sicherstellung gegen türkische oder andere Einfälle so wie auch zu einer Drohung für die Türkei. Um deren Bedeutung zu verstärken, muß die Pforte auf das Recht verzichten, neue Festungen in Kleinasien zu errichten. Sodann ist noch unsere Küste des schwarzen Meeres sicher zu stellen. Batum kann uns als Schlüssel zur Vertheidigung der kleinastatischen und kaukasischen Küsten dienen, jedoch der Süden des europäischen Rußlands ist nur in dem Falle gesichert, wenn die Pforte keine Kriegsflotte hat, und eine russische Wacht am Eingang ins schwarze Meer steht.

Möge Gott uns solch einen Frieden verleihen.“

Wir können mit Recht annehmen, daß in diesem Artikel des russischen Blattes die Wünsche des Volkes und der Regierung enthalten sind, und wenn wird nicht schon längst gewußt und wiederholt gesagt hätten. so würden wir heut durch eine russische Stimme darüber belehrt sein, daß Rußland bei dem Streben nach seinen „Idealen“ recht reale, greifbare Zielpuncte ins Auge gefaßt hat.

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1878, Geschichte, Krieg, Rußland, Türkei veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar