Thronrede im englischen Parlament

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Neue Freie Presse Wien, 16. Januar 1878

Morgen wird das englische Parlament eröffnet. Es ist einer jener Tage, welche von einem deutschen Poeten „Kommata der Weltgeschichte“ genannt wurden. Die Königin gilt nach wie vor als in vollem Einverständnisse mit ihrem Minister Beaconsfield, welcher fühlt, daß in diesem Momente alles Zaudern und Zagen das Prestige Englands für Generationen begraben würde, nicht nur in Europa, sondern auch in Asien, wo die britische Krone ihre werthvollsten Juwelen besitzt. Ob die Thronrede schon über die Forderungen des Czars eine Erklärung wird geben können, ist sehr zweifelhaft. Es entsprach ganz der Feinspurigkeit russischer Diplomatie, den Waffenstillstand und damit die definitive Aufstellung seiner Friedensbedingungen so lange in der Schwebe zu erhalten, bis man Kenntniß von dem Inhalte der englischen Thronrede erhalten habe. Es dürfte letztere also von großem Einflusse auf das Plus und Minus des russischen Siegestrotzes sein. Deßhalb ist das, was der Lord Kanzler morgen den versammelten Lords und Gemeinen als den Wunsch und Willen der Königin kundgeben wird, von so weittragender und welthistorischer Bedeutung. Es ist charakteristisch für die Degeneration der [konservative] Times, daß sie nicht genug des Lobes finden kann für die Reden [John] Bright’s und anderer Parlaments-Mitglieder für Birmingham, welche eine Weltfrage auf einen Schacher mit Pfunden, Schillingen und Pence reduciren und Gevatter Schneider und Handschuhmacher zu einem Veto gegen jeden Krieg begeistert haben. Die Republique Française beklagt deßbalb solche Aeußerungen als bar jedes höheren Pflichtgefühls und als verderbliche Sophismen, und die Morning Past redet ernstlich ihren Landsleuten ins Gewissen mit den Worten: „Wir wiederholen, was wir schon hundertmal gesagt haben, daß nur in Folge der Unthätigkeit Englands in dieser Krise eine Gefahr überhaupt existirt. Jene imponirende Kraft der Tripel-Alllianz zum Beispiel, mit welcher wir jetzt bedroht werden, müßte sich sofort in ihre Theile voll gegenseitigen Mißtrauens auflösen, sobald es ganz außer Frage stünde, daß wir eine Politik haben und entschlossen sind, sie geltend zu machen.“

Erläuterung

John Bright ist der Führer der Radikalen im Parlament. Wegen seiner Ablehnung des Krimkriegs zusammen mit Richard Cobden war er in Manchester abgewählt worden und ist seit 1858 Vertreter für Birmingham. Es wäre von daher eigentlich korrekter von Birmingham-Liberalismus und nicht Manchester-Liberalismus zu sprechen.

Auch dieses Mal widersetzt er sich der kriegerischen Stimmung in Großbritannien, auf Seiten der Türkei in den russisch-türkischen Krieg einzusteigen. Grundlage dafür ist nicht, wie die Neue Freie Presse meint, der „Schacher mit Pfunden, Schillingen und Pence“, sondern die manchesterliberale Kritik der britischen Außenpolitik unter der Maxime der „Balance of Power“, d. h. Unterstützung der jeweils schwächeren Seite in einem Konflikt auf dem Kontinent, wobei diese machtpolitische Ausrichtung meist mit wechselnden humanitären Gründen verbrämt wird. Die Manchesterliberalen vertreten demgegenüber das Prinzip der „Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten“ sowie eine Beschränkung von Kriegen auf Verteidigungskriege. Dies wird von ihren Gegnern als „Little-Englandism“ abgetan.

Hinweis

Bei Libera Media ist das Buch „Richard Cobden“ von Franz von Holtzendorff neu aufgelegt worden. Ursprünglich handelte es sich um eine Rede im Berliner Handwerkerverein, die Holtzendorff, einer der führenden Juristen seiner Zeit, im Jahre 1866 hielt. Sie erschien dann auch im Druck.

Das Buch enthält eine ausführliche Einleitung zu Franz von Holtzendorff und Richard Cobden sowie zahlreiche Fußnoten, die Hintergründe, Personen und ungewöhnliche Wörter erläutern. Es ist über Amazon erhältlich (einfach auf das Bild klicken):

Cobden klein 4

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