Gibt es eine große Stagnation?

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Neue Freie Presse, Wien, 17. Januar 1878

Der Charakter der herrschenden Krise. *)

Wien, 16. Januar.  Die Wissenschaft hat ein unbarmherziges Amt. Es ist nicht ihre Sache, einem gedankenlosen Optimismus zu huldigen, in Rosenfarben die beste aller Welten zu schildern, sie muß, wenn sie ihrer inneren Natur entsprechen will, auf Grund der gegebenen Thatsachen rücksichtslos die Folgerungen ziehen, wenn auch dieselben alle aufkeimenden Hoffnungen zerstören, einen liebgewordenen Glauben vernichten und gewohnte Anschauungen entkräften sollten. Seit Jahren seufzt fast die ganze civilisirte Welt unter den Wirkungen einer beispiellosen, an Intensität und Dauer ganz unerhörten Krise. Die bisherigen Geleise der Erwerbsthätigieit sind unwegsam geworden, die Speculation hat nie so geringe Dimensionen besessen, das Vertrauen ist geschwunden, alle Symptome, welche sonst als unzweifelhafte Zeichen einer Wendung hingestellt wurden, wie billiges Kapital und niedrige Preise, sind eingetreten, und dennoch bietet sich dem aufrichtigen, objectiven Forscher kein Zeichen, welches für eine entschiedene Besserung, für eine Heilung des kranken ökonomischen Organismus sprechen wurde. Kein Wunder, wenn sich die Wissenschaft aufs neue und immer wieder der Untersuchung dieses seltsamen Zustandes zuwendet, alle Kriterien prüft, so wenn selbst die Frage auftaucht, ob die herrschenden Verhältnisse etwas Vorübergehendes, wirklich Krisenhaftes oder ob sie etwas Dauerndes, Definitives, für die nächste Zeit Unabänderliches darstellen. George Laveleye, einer der ausgezeichnetsten Oekonomen Belgiens, dessen Broschüre über den Charakter der gegenwärtigen Krise allenthalben großes Aussehen erregt hat, beantwortet diese Frage mit einem entschiedenen Ja! „La crise actuelle“ sagt er, „est uns crise definitive.“ In diesen wenigen Worten, mit welchen der formgewandte Franzose schlagend seine Ansicht bezeichnet, liegt eine große Enttäuschung und eine düstere Perspective, aber um so dringender wird die Pflicht, sich mit dem höchst interessanten Gedankengange des Autors zu befassen und die Discussion über dessen weittragende Thesis zu eröffnen.

Die gegenwärtige Krise unterscheidet sich, wie der Autor mit Recht hervorhebt, durch sehr wichtige Merkmale von allen vorausgegangenen. Während sonst das Kapital in einem Mißverhältnisse stand zu der großen Anzahl von Unternehinungen und Verpflichtungen, hat sich die Situation im Lause der gegenwärtigen Krise so gestaltet, daß wir unter einer wahren Plethora des Kapitals leiden, während es an Unternehmungen und Engagements fast vollständig fehlt. Früher genügte es, daß die schlechten Unternehmungen zu Grunde gingen, die schwindelhaften Associationen beseitigt wurden, um das richtige Verhältnis zwischen Angebot und Bedarf an Kapital wiederherzustellen und normale Verhältnisse zurückzubringen. Diese Erscheinung, welche bei fast allen der mit periooischer Regelmäßigkeit innerhalb jedes Decenniums eintretenden Krisen beobachtet wurde, ist jetzt in viel höherem Maße eingetreten als je. Niemals hat eine solche Restriction stattgefunden, kaum jemals Arbeitslöhne und Preise so reducirt worden, aber die gewohnte Wirkung ist ausgeblieben, und es handelt sich nun darum, zu untersuchen, ob wir nicht mit einer ganz neuen wirthschaftlichen Thatsache und Phase zu rechnen haben werden Die Ursachen der letzten Krise sind hinlänglich bekannt und brauchen hier nicht nochmals ausführlich dargestellt zu werden. Die Ueberspeculation auf allen Gebieten, insbesondere auf dem des Eisenbahnbaues, die Deplacirung großer Kapitalien durch die französische Kriegsentschädigung und endlich die mächtige Steigerung der Edelmetall-Production, deren Wirkung, die Entwerthung des weißen Metalle, noch heute die Geldsysteme aller Länder beeinflußt, sind die hervorragendsten Vorläufer derselben. Die markanteste Erscheinung der Krise ist, daß das Kapital vollständig aufgehört hat zu functioniren. Der Strom der Befruchtung, welcher sich seit fast vierzig Jahren von den reichen Ländern zu den armen, von den ausleihenden zu den borgenden ergossen hatte, ist unterbrochen. Die Folge davon ist eine ungeheure Ansammlung der Barfonds in den Kassen der Banken, ein Sinken des Depositen-Zinsfußes auf ein Viertelpercent und ein Steigen der sichersten Rentenpapiere aller Länder. So groß ist die Unternehmungsscheu des Kapitals und so mächtig die Tendenz, die Credite zu künden, die Barschfst an sich zu ziehen oder, wie man sich auszudrücken pflegt, „wieder zu seinem Gelde zu kommen“, daß nur die allersichersten Anlagen noch Käufer finden und daß nur Geschäfte, welche in der kürzesten Zeit abzwickeln sind, Anwerth erlangen. Daher erklärt es sich, daß auf den Hauptmärkten Europas Wechsel ersten Ranges mit drei Viertelpercent escomptiet werden und Reportsätze von 1 1/2 oder 2 Percent nicht selten sind. Alles will thesauriren, Niemand unternehmen, und es ist fast kein Scherz mehr, wenn man behauptet, daß selbst die reichsten Männer unter dem Mangel an Einkommen leiden oder, wie Laveleye sich drastisch ausdrückt, daß man selbst zwischen den Milliarden der Bank von Frankreich an Erschöpfung sterben könne.

Diese starre Zurückhaltung des Kapitals ist das größte Uebel, unter welchem die wirthschaftliche Welt zu leiden hat. Sie bewirkt, daß die armen Länder nun vollständig der Mittel beraubt sind, sich zu entwickeln, Comsumtionskraft zu stärken, und sie wird schließlich dazu führen, daß das Kapital, welches seiner inneren Natur nach nicht ewig müßig sein kann, sich mit allzu großer Intensität auf das heimische Territorium werfen und aus Mißtrauen gegen jede fremde Anlage die Industrie durch Atrophie ruiniren wird. So sind die armen Länder zu einem Stillstand verurtheilt, während die reichen durch den Rückgang ihres Einkommens und durch die Unlust, dasselbe an die Orte des Bedarfes zu dirigiren, sich ebenfalls schwächen und ihre eigenen Handelsbeziehungen vernichten. Das ist aber, wie Laneleye meint, keinesfalls eine vorübergehende Erscheinung. Wir haben es hier mit einer dauernden Umwälzung zu thun. Die großen Motoren, welche die Kapitalsbildung der früheren Jahrzehnte veranlaßt haben, haben aufgehört zu wirken, Europa hat seine wichtigsten Eisenbahnwege vollendet, die Vereinigten Staaten sind ,it einem intensiven Schienennetze bedeckt, die schwierigsten Tunnels sind gebohrt, die colossalsten Häfen erweitert und angelegt, der Suez-Canal geschaffen und die fast märchenhaften Probleme der Technik gelöst. Was noch zu thun ist, ist im Vergleiche zu dem bereits Geschaffenen nebensächlich, wie die Erfahrung überdies lehrt, kaum rentabel, und wird daher das Kapital kaum aus seiner Reserve hervorlocken. Auch die städtischen Industrien, wie etwa die Straßenbahnen, functioniren überall, das Besserner-Verfahren hat bereits seither die meisten Eisenhütten zu einer Umgestaltung ihrer Arbeitsweise veranlaßt, und nirgends zeigen sich Speculations-Objecte, welche auch nur einen annähernden Vergleich mit jenen aushielten, die seit vierzig Jahren das Kapital beschäftigten. Die englische Enquete für die auswärtigen Anlehen hat jedes Vertrauen in solche Anlagen vernichtet, kurz vergebens blickt man aus, um irgendwo den Anlaß zu finden, welcher zu der Hoffnung berechtigen würde, daß die normale Entwicklung und der Bedarf an Kapital so bald wieder den Umfang erreichen werden, welchen sie bisher, auch abgesehen von der Ueberspeculation, gehabt haben. Man könne wol den Blick auf China und Japan richten, den Isthmus von Darien öffnen, Indien mit Europa durch Bahnen verbinden, Afrika erschließen, Australien mit Eisenbahnen versorgen, aber das Alles seien ja nur Ausnahmen, Tropfen in einem Meere. Man könne sich nicht darüber täuschen, daß die regelmäßige Nachfrage nach Kapital in einem Maße, an welches wir bis jetzt gewöhnt waren, nicht wiederkehren wird, daß der Apparat, welchen die reichen Nationen in ihren aufgehäufteun Ersparnissen besitzen, zu groß ist, daß er ein langsameres Wachsthum, eine minder sprunghafte Vermehrung erfahren werde. Das Genie des Ingenieurs wird noch immer würdige Objecte seiner Thätigkeit finden, der Scharfsinn des Unternehmers wird nicht stets in gezwungener Unthätigkeit verharren müssen, aber Laveleye bezweifelt entschieden, daß das Mißverhältniß zwischen Bedarf und Vorrath an Kapital sich so bald wieder ändern werde. Was wird die Folge dieser Thatsache sein? Sie ließe sich in wenigen Ziffern ausdrücken. Bisher galt als normaler Zinsfuß für die Anlage von Kapitalien für Sicherheiten ersten Ranges 3 bis 4 1/2 Percent, für Sicherheiten zweiten Ranges 4 1/2 bis 6 Percent, für Darlehen und Betheiligungen an Industrie-Unternehmungen 6 bis 8 Percent, und für Kapitalien, welche der Speculation gewidmet waren, 8 bis 10 Percent. Wenn das Mißverhaltniß zwischen Kapital und Verwendung andauert, so wird man sich bei Sicherheiten ersten Ranges mit 3 Pereent, bei solchen zweiten Ranges mit 4 1/2 Percent begnügen müssen. Man wird zufrieden sein, aus einer Industrie-Unternehmung 6 Percent zu beziehen, und die Speculation wird ihre Mittel mit 8 Pereent erhalten. Es wird also ein Umsturz in den Einkommensverhältnissen des Kapitals eintreten, welcher aber nicht etwa der Ausdruck außergewöhnlicher Verhältnisse, sondern ganz einfach das bleibende Zeichen einer mangelnden Verwendung bilden wird.

Dies ist, in möglichste Kürze zusammengedrängt, der Gedankengang in der jedenfalls hochinteressanten Broschüre. Die Einwendungen ergeben sich sozusagen von selbst. Niemand kann heute voraus wissen, welch kühne Bahnen dem Unternehmungsgeiste in nächster Zukunft eröffnet werden. Als die Eisenbahnen in Frankreich eingeführt wurden, glaubte es Thiers als die höchste Leistung bezeichnen zu müssen, wenn man einmal jährlich 20 bis 30 Kilometer bauen werde. Und heute legt der Minister für die öffentlichen Arbeiten dem Parlamente ein Project vor, nach welchem binnen wenigen Jahren 16,000 Kilometer Eisenbahnen und 6000 Kilometer Canäle mit einem Gesammt-Erfordernisse von 4 Milliarden Francs zum Ausbaue gelangen werden. Es ist möglich, daß einmal ein Zeitpunkt komme, wo eine Sterilität der Speculation den Ertrag der Kapitalien für eine längere Periode schädigt; daß er jetzt schon gekommen, beweist weder der Stand der Entwicklung Europas noch jener der anderen Welttheile. Selbst eine vierjährige Dauer der Krise zwingt nicht zu dem grausamen Schlusse Laveleye’s, daß wir es nicht mit einer Krankheit, sondern mit einem dauernden Verderben zu thun haben.

*) Du charactère de la crise économique actuelle par G. de Lavayere. Bruxelles (1877, E. Guyot)

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