Der Krieg der Fuselmänner gegen die Muselmänner

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Berliner Wespen, 18. Januar 1878

Der orientalische Krieg.

(Originalberichte vom Kriegsschauplatz.)

Herrn Wippchen in Bernau.

Zu unserm großen Bedauern und nach reiflicher Ueberlegung haben wir Ihren jüngsten Bericht wieder aus der Druckerei zurückgezogen. Sie wissen, daß wir stets mit Vergnügen bereit waren, der Geduld des Publikums, wie es ja auch von den meisten anderen Blättern erschöpfend geschieht, das Gewagteste auf dem Gebiete des sogenannten Originalberichts zuzumuthen. Aber mit dem Abdruck Ihres jüngsten Kapitels würde auch das geduldigste Publikum entrüstet erklärt haben, daß wir zu weit gehen, und dies mußte um jeden Preis verhindert werden. Kaum hatten Sie nämlich gelesen, daß zwischen den Kriegführenden ein Waffenstillstand abgeschlossen sei, so schildern Sie den Bruch desselben Seitens der Türken und eine daraus sich entwickelnde blutige Schlacht, die damit endet, daß, wie Sie sich ausdrücken, der Krieg der Fuselmänner gegen die Muselmänner mit einem Frieden abschließt, den der Sultan dem Zaren dictirt.

Wir geben ja zu, daß Sie diesen Schluß mit Vielen von Herzen wünschen, aber wir finden es, unter uns gesagt, kindisch, aus diesem Wunsch eine Thatsache zu gestalten und uns zuzumuthen, zu deren Veröffentlichung unser Blatt herzugeben.

Ferner können wir auch die Art und Weise, wie Sie den Sultan dem Zaren den Frieden dictiren lassen, nur als einen kindischen Einfall bezeichnen. Sie setzen den Zaren an einen Tisch mitten auf dem Schlachtfeld, stellen den Sultan vor ihn hin und lassen diesen ihm den Frieden dictiren, wie ein Lehrer seinen Schülern in der Octava etwa eine Fabel dictirt. Dabei unterbricht sich der Sultan immer mit den Worten: „Haben Sie, Alexander?“ oder: „Also weiter, Väterchen!“ oder: „So sperren Sie doch die Ohren auf, Selbstbeherrscher aller Reußen!“ und dergleichen. Das, bester Herr Wippchen, geht nicht.

Wir sehen einem anderen Bericht entgegen und grüßen Sie

ergebenst

Die Redaktion.

XVII.

Bernau, 17. Januar 1878.

Kindisch! Ich schwöre hundert Thaler gegen drei Hundert Mark, daß Ihnen dies Wort bald leid thut. Mir wenigstens. Kindisch! So weit mein Auge reichte, blieb es nicht trocken, als es auf dieses Wort in Ihren geschätzten Zeilen stieß. Warum kindisch? Weil ich endlich den langersehnten Frieden herbeführte? Auch Carlos sagt im zweiten Auftritt: „O, der Einfall war kindisch, aber“ — setzt er hinzu —— „göttlich schön!“ Posa ist mein Ohrenzeuge. Kindisch mag mein Einfall gewesen sein, aber ich halte ihn für göttlich schön, denn er bezweckte den Frieden. Ich wollte dem furchtbaren Menschenvergießen ein Ende machen, wollte dem unersättlichen Leichenhügel Halt gebieten, wollte die unschuldigen Männer ihren Wittwen erhalten, wollte, daß man nicht dauernd sage: Das Ausrotten mit Stumpf und Stiel c’est l’homme! Ich konnte es nicht länger mit ansehen. War doch das Handgernenge oft derart, daß sich die Russen und die Türken über den eigenen Haufen schossen. Meine Wenigkeit und kindisch, weil sie den Frieden will! Kennen Sie den Krieg? Nein, Sie kennen ihn nicht. Sie stecken wie der Vogel Strauß Ihren Kopf hinter den warmen Ofen und schreien sich Ihren Stentor nach interessanten Berichten heiser, um Ihren Lesern ein beifälliges Entsetzen zu entlocken. Krieg! Krieg! rufen Sie vom frühen Alpha bis zum späten Omega, ohne auch nur zu ahnen, was es heißt, wenn an Sonn- und Feiertagen die Völker nichts Besseres wissen, als hinten, weit, in der Türkei sich die Köpfe zu spalten, wahrend Sie höchstens als neuer Burgemeister täglich dreister werden.

Es soll also nicht sein! Ich tröste mich mit dem Wort, daß Moses und Propheten nichts in ihrem Vaterlande gelten, und schlage mir den gespannten Fuß auf dem Kopf. Was kann auch aus einem Wortwechsel entstehen? Nichts, als eine kreisende Maus. Partariunt montes et nos rnutamur in illis. Sie wollen Krieg? Sie sollen ihn in seiner ganzen Nacktheit haben, sollen sehen, daß ich nicht eigensinnig bin, am allerwenigsten in Geldsachen, und wenn Sie mir mehr als 30 Mark Vorschuß senden wollen, so soll es wahrlich nicht an mir liegen.

Schwarzes Meer, 13. Januar.

W. Neptun erglänzte weit hinaus, die Sonne war heute aus dem Schwarzen Meerschaum glühend emporgestiegen. Ich war bereits wach. Das Wasser rauschte und schwoll, ich saß auf dem Deck und sah nach der Angel voll Ruhe, obwohl es mehr als frisch, ja kühl bis ans Herz hinan war. Der kleine Zeiger des Thermometers wies auf 19 Grad. Ich liebe die Scholle, aber nicht, an sie gebunden zu sein, und schon fing ich an, mich von dem dreimastigen Monitor wieder zurück auf das Feld der Ehre zu sehnen, als der Capitain erschien, den Befehl ertheilte, Feodosia zu bombardiren, und sofort zu Pferde stieg. Wie froh war ich! Ich sprang wie eine Knospe nach langem Winter auf. Das Meer war unruhig geworden, die Nixen gingen hoch, die Nasaden schlugen über Bord. Da fiel der erste Schuß. Die russischen Batterien in Feodosia antworteten. Eine Kugel riß unserem Capitain den Federbusch vom Fez, aber voll Humor rief er sächsisch: „Eiherrmahomed!“ und setzte sich einen anderen Pickelfez aus. Schon nach zehn Minuten fragte er mich: „Hören Sie? wimmern hoch vom Thurm?“ Nein, Herr Capitain, antwortete ich, die Augen spitzend. „Das ist Sturm!“ sagte er. „Sehen Sie nur, welch Getümmel, Straßen auf! Dampf wallt auf! Balken krachen, Pfosten stürzen, Fenster klirren!“ Ich überzeugte mich selbst, indem ich meinen  Krimstecher auf die Stadt warf. Und da sah ich nun auch, wie ein Mensch auf der leergebrannten Stätte einen Blick nach dem Grabe seiner Habe zurücksendete und die Häupter seiner Lieben zählte, während er fröhlich zum Wanderstabe griff. Traurig blickte ich den Capitain an, der, selbst tief erschüttert, zu nur sagte: „Ja, ja, wohtthätig ist des Feuers Macht, wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht, aber wehe, wenn sie losgelassen. Jedoch ich mußte!“ Dann gab er Befehl, das Bombardement einzustellen, und fügte hinzu: „Holder Friede, süße Eintracht, weilet freundlich über dieser Stadt!“ Feodosia liegt in Sack und Asche. Unser Verlust ist dagegen nur gering. Freilich, freilich, die Bomben, die wir in die Stadt schossen, sind für immer verloren.

Morgen bombardiren wir Anapa, wohin wir heute noch in den Neptun stechen.

Wippchen ist seit 1877 der „ownste“ Berichterstatter der „Berliner Wespen“ und schreibt von den Kriegsschauplätzen der Welt. Immer um Geld verlegen, saugt er sich aber in Wirklichkeit seine Zeilen in Bernau bei Berlin aus seinem Pfeifchen und Bierseidel.

Die „Berliner Wespen“ parodieren damit nicht allein die aufgeblasenen Berichte der Qualitätsjournalisten, sie machen sich auch aus ihrer fortschrittlichen Perspektive über die wachsende Neigung in Deutschland lustig, als neue Großmacht nun säbelrasselnd in Weltpolitik machen zu wollen.

Mit der Figur des Wippchens haben die „Berliner Wespen“ ungemeinen Erfolg. Die Berichte werden in eigenen Bänden herausgegeben und gehen durch zahlreiche Auflagen. Hinzu kommen Gedichtbände in nämlichem Stil. Bis heute hat sich der Begriff „Wippchen machen“ in Berlin für durchsichtiges Aufschneiden erhalten.

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