Die Reaktion der Börse auf die englische Thronrede

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Berliner Gerichtszeitung, 19. Januar 1878

Fondsbörse. Wochenbericht. Wie gewöhnlich, so trug auch diesmal die Börse den Ereignissen vorher Rechnung. Der jüngste Verlauf des orientalischen Krieges hatte die Speculation zu energischer Thätigkeit animirt, so daß die günstige Gesammtdisposition der Vorwoche ungeschwächt fortdauerte. Die rapide gestiegenen Course gingen noch weiter in die Höhe, wozu die Angesichts der politischen Situation vorgenommenen Deckungen nicht wenig beitrugen. Da wurde vorgestern die englische Thronrede bekannt, welche die zuversichtliche Stimmung sofort beseitigte. Dank den aus London gemeldeten, festen Notirungen wurde zwar auch hier einer rapiden Abwärtsbewegung vorgebeugt; bei dem plötzlichen Schwinden jeglicher Nachfrage wurden indessen Coursrückgänge unvermeidlich. Im Verlaufe der gestrigen Börse vollzog sich abermals ein völliger Stimmungsumschwung, wozu die von den andern Plätzen eingegangenen Berichte nicht wenig beitrugen. Waren auch die Umsätze nicht bedeutend, so hielt dem andererseits das sehr vorsichtige Angebot die Waage. Der Inhalt der englischen Thronrede wurde nunmehr viel kühler angesehen, zumal Großbritannien seither nur mit drohenden Worten gegen Rußland operirt hat. In Folge dieser Erwägung gewann die Ueberzeugung die Oberhand, daß Rußland auch nunmehr unbeirrt handeln und hierdurch einen baldigen Friedensschluß herbeiführen werde. Die Einzelheiten des Verkehrs anlangend, so kamen auch diesmal, wie immer in bewegten Zeiten, vornehmlich nur die Speculationseffecten in Betracht, während die übrigen Papiere kaum irgend welcher nennenswerthen Nachfrage begegneten. Und den ersteren fanden in den letzten Tagen besonders Lombarden Beachtung. Recht vernachlässigt blieben die Bahnen, wozu theils die unbefriedigenden Ergebnisse der Stettiner Bahn Veranlassung gaben. Ganz still lagen die Industrien mit fast alleiniger Ausnahme von Laurahütte, ohne aber, daß auch hier nennenswerthe Umsätze zu verzeichnen wären. Eine Coursvergleichung ergiebt gegen die Vorwoche folgende Aenderungen: Lombarden und österr. Credit-Anstalt 8,50 und 4,00 Mk. höher, während Franz. Staatsbahn 4,00 nachgeben mußte. Von den Banken Disconto und Darmstädter um 5,50 und 0,75 pCt. gestiegen. Bahnen durchweg niedriger und zwar Cöln-Mindener, Berg.-Märkische, Rheinische und Oberschlesische 2,25-2,00-1,35 und 0,50 pCt.

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