Thronwechsel in Italien

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Neue Freie Presse, Wien, 21. Januar 1878

File:Neurdein - Umberto I di Savoia come principe ereditario.jpg

König Umberto I. als Kronprinz

König Humbert [I.] von Italien hat gestern den Eid auf die Verfassung geleistet. In der Thronrede, welche er sodann verlas, gelobte er, die freien Institutionen seines Landes gewissenhaft zu achten und sich seines verstorbenen Vaters [König Victor Emmanuels II., gestorben am 9. Januar 1878] würdig zu machen. Gleichzeitig gewährte ein königliches Decret allen bis jetzt wegen politischer oder Preßvergehen Verurtheilten vollständige Amnestie. Daß unterdessen, wie die Pariser Défense mittheilt, der Vatican alle seine Nuntien beauftragt hätte, gegen die Thronbesteigung des Königs Humbert zu protestiren, ist keineswegs unwahrscheinlich, dafür aber um so unerheblicher. Man hat sich eben in dee Umgebung des Papstes [Pius IX.] von der Theilnahme an Victor Emanuel’s jähem Tode erholt und ist nun um so verdrießlicher über dessen Erben, als einer von dessen Gästen, der deutsche Kronprinz [Friedrich Wilhelm und spätere Kaiser Friedrich], sich den Besuch des Heiligen Vaters, den man im Vatican bestimmt erwartet haben soll, versagte.

An dem Tage, an welchem die Leiche Victor Emanuel’s in das Pantheon übertragen ward, herrschte in ganz Italien öffentliche Trauer. Alle Geschäfte waren geschlossen, in keiner Werkstätte wurde gearbeitet, in den meisten Städten hielt man einen Trauergottesdienst, der Süden that es in jeder Beziehung dem Norden gleich. Die einzige Ausnahme bildete der Geineindernth von Rimini, dessen Mehrheit den Beschluß faßte, keinerlei Kundgebung aus Anlaß des Todes Victor Emanuel’s zu veranstalten. Die Bevölkerung, darübe entrüstet, sendete sofort eine mit achthundert Unterschriften der angesehensten Bürger bedeckte Beileids-Adresse an König Humbert ab. In Bologna kam es am 16. zu einem ernsthaften Krawall gegen den Erzbischof und das Priester-Seminar. In letzterem, sowie in einigen Palais ultramontaner Aristokraten und im katholischen Leseverein warf man die Fenster ein. Die Carabinieri wurden mit dem donnernden Rufe: „Es lebe Italien! Es lebe König Humbert I.“ empfangen, so daß ihnen nichts Anderes übrig blieb, als die tumultuirende Menge sehr höflich zum Auseinandergehen aufzufordern, was endlich nach gehöriger Vorsorge für Glaserarbeit auch geschah. Dagegen hat der Erzbischof von Genua alle Liberalen für sich gewonnen, weil er bei dem Todtenamt, welches er persönlich für den verstorbenen König abhielt, Thränen vergoß.

File:Bundesarchiv Bild 146-2004-0099, Kaiser Friedrich III..jpg

Kaiser Friedrich als Kronprinz

File:Queen Margherita with Vittorio Emanuele.jpg

Kronprinz Victor Emmanuel (III.) mit seiner Mutter

[Auf dem Balcon des Quirinals.] Aus Rom, 19. Januar, wird telegraphirt: Um 2 Uhr 45 Minuten verließ König Humbert unter frenetischen Acclamationen und allgemeinem Glockengeläute das Parlament. Eine jubelnde Volksmenge folgte ihm bis zum Quirinal und hörte mit ihren Zurufen nicht auf, bis der König mit der Königin auf dem Balcon erschien. Unter Jubelrufen verlangte das Volk das Königspaar ein zweitesmal zu sehen. Da trat dasselbe abermals vor, an seiner Seite der deutsche Kronprinz und der kleine Kronprinz Italiens. Der deutsche Kronprinz hob den Knaben empor, küßte ihn und zeigte ihn der Menge. Da erscholl ein tausendstimmiger Jubelruf: „Evviva Italia! Evviva Germania!“ Um den überwältigenden Eindruck dieser Scene zu verstehen, müßten Sie fühlen, wie die Römer, daß der deutsche Kronprinz, der den künftigen italienischen König dem Volke zeigte, mit den italienischen Majestäten auf eben demselben Balcon stand, auf dem im Jahre 1847 Pio Nono zum Papste proclamirt wurde.

Siehe auch: Das Befinden des Kaisers – Freisinnige Zeitung, 5. Juni 1888

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