12. Kritische Tage (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

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12. Kritische Tage.

Von Stufe zu Stufe war es mit mir abwärts gegangen. Gar harmlos hatte ich zuerst in Heidelberg den sündhaften Weg der Publizistik beschritten, als die ebenso unschuldige „Illustrirte Zeitung“ mein erstes anonymes Manuskript zum Abdruck brachte. Nun war ich in Magdeburg sogar schon bis „unter den Strich“ geraten, gesunken bis zum politischen Feuilleton herab, noch dazu in dem Organ des „roten“ Becker.

Damit hatte ich mich denn freilich bei der Magdeburger Regierung geradezu in des Teufels feudalste Küche geliefert. Bei dieser Regierung hatte das Manteuffel-Westphalen’sche Regiment unversehrt die neue Aera überdauert. Oberpräsident v. Witzleben und Vizepräsident v. Münchhausen in Magdeburg waren Seitenstücke zu Kleist-Retzow in Koblenz. Von der Magdeburger Regierung hatte sich Herr v. Roon den Assessor [79] v. Hülsen kommen lassen, um für seinen militärischen Gebrauch eine eigene Staatrechtslehre zurecht zu machen. Hülsen war der Stifter des in meiner Spukgeschichte so respektwidrig behandelten konservativen Vereins gewesen.

Der gekränkte Verein mußte an mir gerächt werden. Meine Herren Präsidenten befanden sich zudem gerade jetzt in der gehobensten Stimmung. In Berlin war in diesen Tagen jede Brücke der Verständigung mit dem Abgeordnetenhause abgebrochen worden. Das budgetlose Regiment und der Verfassungskonflikt nahmen ihren Anfang. Herr von Bismarck trat an die Spitze des Ministeriums. An Stelle des zurückgetretenen Finanzministers v. d. Heydt war der frühere Finanzminister unter Manteuffel, der ebenso feudale wie unfähige Herr von Bodelschwingh wieder am Kastanienwäldchen eingezogen.

Mit meiner Person waren natürlich auch meine Personalakten der Regierung zu Magdeburg überwiesen worden. Darin befand sich die Broschüre über die „Freiheit des Schankgewerbes“ mit ihrer Kritik des früheren Ministeriums Manteuffel-Westphalen. Man hatte also in mir einen unverbesserlichen Sünder im Wiederholungsfalle vor sich. Wozu da viel Federlesens machen!

Nicht weniger als drei Vergehen sollten in idealer Konkurrenz in meiner Spukgeschichte enthalten sein. Bei meiner verantwortlichen Ver-[80]-nehmung wurde ich angeklagt : 1) wegen Mißbrauchs des Gastrechts des konservativen Vereins; 2) wegen Beleidigung des Kriegsministers v. Roon; 3) wegen Verhöhnung der Armeeorganisation. — Was sollte ich viel dazu sagen? Der konservative Verein und dessen Gastrecht gingen im Grunde genommen die Regierung garnichts an, und eine Beleidigung des Herrn von Roon war in der Spukgeschichte, welche sich nur mit dem konservativen Verein befaßte, ebensowenig enthalten wie eine Verhöhnung der Armeeorganisation.

Meine Verteidigung war natürlich fruchtlos. Mit einer Schnelligkeit, wie ich sie noch bis dahin bei einer Bezirksregierung gar nicht für möglich gehalten hatte, ging von Magdeburg der Antrag an die beiden Disziplinarminister, die Minister des Innern und der Finanzen, ab, mich aus der Liste der Referendarien zu streichen, d. h. aus dem Staatsdienst kurzerhand zu entlassen.

Das paßte mir nun zu jener Zeit ganz und garnicht. Denn nachdem ich bereits 3 Jahre auf den Vorbereitungsdienst verwendet hatte und nahe vor der Assessorprüfung stand, wollte ich diese Laufbahn zum mindesten durch die Prüfung zum Abschluß bringen.

Es wird auch nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Zunächst gelangte der Antrag auf meine Entlassung in Berlin zuerst in die Hände nicht des Herrn v. Bodelschwingh, sondern des [81] Ministers des Innern, des Herrn v. Jagow, welcher als der ältere Minister von beiden die Priorität der Entscheidung hatte. Herr v. Jagow aber war kein Parteifanatiker. Das Ministerportefeuille, welches er erst seit einigen Monaten inne hatte, soll ihm überhaupt wenig behagt haben, und machte er denn auch bald darauf im Amte dem Grafen Fritz zu Eulenburg Platz. Jagow hatte viele Jahre in Kreuznach als Landrat amtirt und war dabei auch mit meinem Vater näher bekannt geworden. Freunde meines Vaters und auch mir befreundete fortschrittliche Abgeordnete machten ihren Einfluß im Ministerium des Innern geltend, Herr v. Jagow entschied nicht auf Dienstentlassung, sondern auf Versetzung. Ich sei in Magdeburg unmöglich geworden und müsse suchen, bei einer andern Regierung das Zeugnis für die Domänenverwaltung zu erlangen.

Ich wandte mich nach Potsdam. Der dortige Präsident von Wintzigerode, ein früherer nassauischer Minister, ein etwas ängstlicher Herr, erklärte mir bei der persönlichen Meldung, daß sich in Potsdam allerdings Gelegenheit zu meiner Beschäftigung finden würde, aber er müsse zuvor meine Spukgeschichte lesen. Kaum aber hatte ich dieselbe ihm zugestellt und war nach Magdeburg zurückgekehrt, um meine Uebersiedelung nach Potsdam einzuleiten, als ich von ihm ein Citissime [82] erhielt des Inhalts, daß „die Anzüglichkeiten gegen den königlichen Generallieutnant von Roon in der Spukgeschichte Potsdam zum amtlichen Aufenthalt nicht geeignet erscheinen lassen.“ Da Herr v. Roon mit der Potsdamer Regierung nicht mehr und nicht weniger zu thun hatte, als mit jeder anderen Regierung, so blieb mir diese Begründung unklar. Was nun beginnen? Meine Spukgeschichte spukte weiter in der Presse umher, und der Potsdamer Abweisung konnten Abweisungen auch von anderen Regierungen folgen. Kurz entschlossen richtete ich mehr dreist als gottesfürchtig an den Minister v. Jagow das Gesuch, mich nach Potsdam zu versetzen, da der Präsident daselbst mir mündlich erklärt habe, es sei dort Gelegenheit zu meiner Beschäftigung vorhanden. Und richtig! Was ich vorausgesetzt hatte, trat ein. Der Minister versetzte mich ohne vorherige Rückfrage bei Herrn v. Wintzigerode kurzer Hand nach Potsdam.

In Potsdam machte nun der Herr Präsident bei meinem Empfang, wie man sich leicht denken kann, gerade kein besonders freundliches Gesicht. Aber er war ein viel zu gut gezogener Beamter, um gegen eine Ministerialverfügung zu murren. Auch gab es bei der dortigen Regierung zu jener Zeit Beamte alter liberaler Art. Eben jetzt begannen die Maßregelungen liberaler Beamten durch Versetzungen. Ich wurde deshalb als eine [83] Art von Leidensgefährte in kleinerem Maßstabe angesehen. Ein Mitglied der Potsdamer Regierung, welches als Abgeordneter der Fortschrittspartei angehörte und späterhin selbst eine Strafversetzung erfuhr, nahm mich unter seinen besonderen Schutz.

Ich bekam freilich auch in Potsdam keine Domäne zu sehen. Aber ich erhielt, da ich nun keine weiteren Spukgeschichten anstiftete, schon nach einigen Wochen das Zeugnis der Befähigung zum Domänendepartementsrat.

Mein Geld reichte gerade noch aus, um mit dem langsamsten Bummelzuge 3. Klasse von Potsdam nach Düsseldorf zu fahren. Hier traf ich von meinen Irrfahrten zur Ueberraschung meiner Eltern am Weihnachtsabend ein. Nunmehr kam ich zunächst wieder unter die Fittiche der Düsseldorfer Regierung. Trotz meiner in den letzten Monaten beträchtlich angeschwollenen Personalakten wurde ich von dem Regierungskollegium ohne Weiteres zum dritten Examen präsentirt. Denn die Regierung fühlte keinen Beruf, ministerieller zu sein, als die Minister. [84]

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