Verhandlung über einen Waffenstillstand

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Neue Freie Presse Wien, 22. Januar 1878

Wien, 21. Januar. (Zur Tagesgeschichte.) Nach einer und zugehenden Version sollen die Verhandlungen zwischen dem Großfürsten Nikolaus und den türkischen Bevollmächtigten nicht mehr in Kazanlik stattfinden, sondern mit dem russischen Hauptquartier weiter südwärts, wahrscheinlich nach Adrianopel selbst, verlegt werden oder bereits verlegt worden sein. Die Berichte über den muthmaßlichen Verlauf der Verhandlungen lauten widerspruchsvoll. Was die Russen eigentlich verlangen, ist. bis heute Mittags wenigstens, weder der Pforte noch den Mächten bekanntgegeben worden. Vielleicht hat Herr o. Novikow, der sich für heute bei dem Grafen Andrassy ansagen ließ, Letzterem im Laufe des Tages offieielle Mitlheilungen über die russischen Forderungen gebracht. Durch die Blätter geht seit einigen Tagen die Meldung, daß Rußland in einer Note neuesten Datums erklärt habe, es werde die Rechte der Vertragsmächte respectiren und nichts thun, wodurch diesen präjudicirt werden könnte. Wir glauben recht gern, daß Rußland auf die identischen Verwahrungen Englands und Oesterreichs eine Erklärung in diesem Sinne abgegeben. Welche Erklärung hatte Rußland, dem es ja auf eine Versicherung mehr nicht ankommt, denn geben sollen? Allein nicht darum handelt es sich. was Rußland noch verspricht, sondern darum, ob Versprechungen überhaupt noch genügen. Selbst den ausbündigsten Optimisten scheint es endlich bange zu werden, denn ob Waffenstillstund oder nicht, ob Präliminarfriede oder nicht, das Gefühl wird bereits allerwarts getheilt, daß ein unter den obwaltenden Verhältnissen der Türkei abgepreßter Friede nur der Beginn unabsehbarer Beunruhigungen sein könne.

Wie die Pol. Corr. als authentisch bezeichneten Konstantinopeler Mittheilungen entnimmt, welche ihr auf indirectem Wege unter dem Gestrigen (20. Januar) zugingen, sind die türkischen Bevollmächtigten für die Waffenstillstands-Verhandlungen am 18. Januar in Hermanli von dem russischen General Graf Stroganow empfangen und in das russische Hauptquartier geleitet worden. Für den als Bevollmächtigten im russischen Hauptquartier weilenden Server Pascha hat Safvet Pascha interimistisch das Portefeuille des Aeußern übernommen. „Die von den Bevollmächtigten mitgenommenen Instructionen kommen den weitreichendsten Vollmachten gleich; nichtsdestoweniger ist der Fall vorgesehen, daß bei unerwarteter Härte der russischen Bedingungen die Bevollmächtigten vor einem entscheidenden Schritte an die Pforte telegraphisch zu referiren haben. Da keine directe telegraphische Verbindung zwischen den von den Russen besetzten Eisenbahn-Stationen und Konstantinopel besteht, ist vereinbart worden, daß die türkischen Bevollmächtigten sich für ihre eventuelle Correspondenz der über Bulgarien, Rumänien und Oesterreich führenden Linien bedienen werden.“ Die Flucht der Bevölkerung in Rumelien noch Konstantinopel hat innerhalb der letzten drei Tage ungeahnte Dimensionen angenommen. Es ist keine Uebertreibnng, wenn man von 300,000 Seelen spricht, welche in der Flucht nach Konstantinopel begriffen sind.

Um angeblich der chauvinistischen Agitation einen Dämpfer aufzusetzen, versammelte einem Petersburger Briefe desselben Blattes zufolge, der Minister des Innern, General Timaschew, auf Befehl des Kaisers vor ungefähr zwei Wochen die Redacteure der politischen Journale der Hauptstadt bei sich, um ihnen zunächst eine Amnestie für Preßdelicte anläßlich der Rückkehr des Kaisers bekanntzugeben, sodann aber, um ihnen in freundschaftlicher Weise begreiflich zu machen, daß der Chauvinismus nicht immer der beste Patriotismus sei. Er hob hervor, daß die unaufhörlichen Angriffe gegen England die Geschäfte der russenfeindlichen Partei im britischen Reiche besorgen; er betonte weiter die inneren Schwierigkeiten, „gegen welche das Wiener Cabinet anzukämpfen habe, welches trotzdem stets eine correcte Haltung gegenüber Rußland beobachte“.

In Paris wollte man wissen, daß, falls es zu einem Congresse kommen sollte, für denselben Berlin in Vorschlag gebracht werden würde.

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