Aus Spanien, Italien, Deutschland, Österreich-Ungarn und Griechenland

Dieser Artikel wurde 2043 mal gelesen.

Berliner Gerichtszeitung, 26. Januar 1878

König Alfons und Donna Mercedes

Große Leiden und kleine Freuden. — Der Pflicht getreu, die Leser „auf dem Laufenden“ zu erhalten, läßt der Rundschauer heut, auf politische Betrachtungen verzichtend, die zahlreichen, in den letzten Tagen eingetroffenen Nachrichten „Revue passiren“. Es ist just kein heiteres Bild, das sich ihm darbietet; aber es läßt doch erkennen, daß einige Nationen trotz ihrer großen Leiden und Sorgen den Sinn für kleine Freuden noch nicht ganz verloren haben. Während „hinten weit in der Türkei die Völker auf einander schlagen,“ unbekümmert um die Friedensverhandlungen, welche zu Kasanlik gepflogen werden, weidet sich „fern im Süd das schöne Spanien“ am Genusse von blutigen Stiergefechten, die zu Ehren der Vermählungsfeier des jugendlichen Königs Alfonso mit seiner Cousine Donna Mercedes abgehalten werden. Vergessen scheint das Unheil, das der Bürgerkrieg über das Land gebracht, vergessen auch der zwischen dem König und seiner tugendrosigen Mutter entbrannte Zwist und die Gefahr, welche von dieser mit Don Carlos und dem ränkesüchtigen Klerus verschworenen Frau dem Reiche droht. Madrid schwimmt in Jubel darüber, daß zu den Stierturnieren diesmal nicht die gewöhnlichen Stierkämpfer, sonder echte blaublütige Adlige, königliche Cavallerie-Officiere, berufen sind, ihre Fechterkünste zu entfalten. — Während in den Hallen der Hofburg zu Wien die Frage erörtert wird, ob und wie lange noch das Ministerium Auersperg am Leben zu erhalten sei, rüstet sich das leichtlebige Volk an der blauen Donau zu den Freuden des Carnevals. — Während auf dem Quirinale zu Rom der neue König Humbert von seinen Ministern den Eid der Treue entgegennimmt und sich anschickt, durch ein gerechtes, friedlichen Regiment dem Ernst der Zeiten gerecht zu werden, macht sich der Herr im Vatican das Vergnügen, dagegen zu protestiren, daß Humbert als König von Italien ausgerufen worden. — Während endlich der Landtag noch in Berlin verhandelt und von schweren Culturkampf-Debatten heimgesucht, und mit dem Reichstage eine Reihe finstrer Sorgen „in Sicht“ ist, während Alles noch ängstlich darauf harrt, welchen Ausgang die ministerielle Krisis, welche Entscheidung der Reichstag in der Frage Betreffs der Tabaksteuer-Erhöhung treffen werde, sind auch hier tausend und aber tausend Hände bereits geschäftig, um für die nahenden Hoffestlichkeiten und Volksbelustigungen zu sorgen, dreht sich auch hier allerorten das Gespräch um die großen Tagesfragen wie nicht minder um die kleinen Etiquette-Streitigkeiten und Vorzüge bei Hofe, um die neuen Ordensverleihungen, um die prinzlichen Trousseaux und andere weibliche „Staats“-Angelegenheiten.

Graf Andrassy

Was sie großen Tagesfragen betrifft, so hat die Welt trotz einwöchigen Harrens noch immer nichts Genaues über den Fortgang der Waffenstillstands-Unterhandlungen erfahren. Selbst Schatzkanzler Northcote mußte dem Parlamente bekennen, daß er sich noch immer in vollständigen Unkenntniß über die russischen Friedensbedingungen befinde und deshalb gezwungen sehe, den für gewisse Fälle in Aussicht genommenen Extracredit zur Wehrbarmachung des Landes und Ausrüstung der Armee zu fordern. Zwar ward gerüchteweis gemeldet und von russischen Zeitungen officiös versichert, daß Rußland kein Gelüst habe weder auf Constantinopel, noch auf Gallipoli; aber die englische Regierung glaubt nachgerade, daß die Zeitungen im Rechte sind, welche da aus Wien schreiben: „Daß die Verhandlungen in Kasanlik nur ein Deckmantel sind, hinter dem sich der Marsch auf Constantinopel und Gallipoli vollzieht, daran kann heute bloß noch ein absichtliche BIinder zweifeln.“ Die Ungewißheit der Lage wird recht treffend bezeichnet durch die Erklärung der „Nat. Ztg.“, welche die Friedenshoffnungen abspeist mit der sorglich gedrehten Phrasenpille: „Es ist durch keine positive Meldung ausgeschlossen, daß die Friedensverhandlungen einen günstigen Fortgang haben. — Die russischen Heere können und — werden vielleicht in Gallipoli stehen, ehe Lord Beaconsfield es ahnt, und bevor Graf Andrassy mit Fürst Auersperg darüber schlüssig geworden ist, ob durch diesen Fall die Politik „von Fall zu Fall“ als erschüttert zu betrachten sei.“

Fürst Auersperg

Ueber die Vorgängen innerhalb des österreichischen Cabinetts meldet ein Correspondent der „Br. Ztg.“ aus Wien: Wir sind diesmal, genau so wie vor einem Jahre Tisza bei einer Cabinetskrisis angelangt. Das Ministerium Auersperg hat seine Entlassung eingereicht, weil es sich außer Stande sehe, im Reichrathe den Petroleum- und Kaffeezoll in der enormen Höhe von 8 auf 24 Gulden durchzusetzen, während die ungarische Regierung erklärte, nicht weiter nachgeben zu können, da ihre Majorität ohnehin schon in Folge der Ausgleichs-Campagne auf 60 Stimmen zusammegeschrumpft sei.

Auch Griechenland hat eine Ministerkrisis gehabt, die nunmehr durch Berufung des kriegslüsternen Comonduros glücklich beseitigt ist. Die Einsetzung des neuen Ministeriums hat laut telegraphischer Meldung vom 24. d. Mts. im ganzen Lande zu neuen kriegerischen Kundgebungen Anlaß gegeben. Dem Einflusse derselben wird sich das zahlreiche Actions-Elemente enthaltende Cabinet um so schwerer entziehen können, als der König immer mehr sich als den Anhänger einer activen Politik kundgiebt. Und diese Ansicht ward bestätigt durch das an demselben Tage eingetroffene Telegramm, welches meldet: In der heutigen Sitzung der Deputirtenkammer entwickelte Minister-Präsident Comonduros das Programm des neuen Cabinets. Derselbe hob dabei hervor, daß die Verhältnisse zwar kritisch seien, daß das Ministerium indeß sich für eine Politik der Action und der activen Vertheidigung der Rechte Griechenlands zu Lande und zu Wasser und für die Befreiung der in türkischer Knechtschaft befindlichen Brüder entschieden habe.

Daß jetzt, nachdem die Türkei niedergeworfen war, und das Ende des blutigen Dramas gekommen zu sein schien, noch das kleine Griechenland „in Action tritt“, ist keineswegs so bedeutungslos, als manche Politiker annehmen. Das kleine Königreich ist ja gewissermaaßen eine Schöpfung Englands: dem britischen Reiche hat es seine Existenz und gegenwärtige Gestalt mitzuverdanken, englische Blut ist reichlich geflossen für die Befreiung der Hellenen. Durch den Eintritt Griechenlands werden die ohnehin stockenden Friedensunterhandlungen eine neue Stockung erleiden, wird dem ohnehin schon stark verlegenen, britischen Cabinet eine neue, peinliche Verlegenheit bereitet, wird die Zeit immer ferner gerückt, da es uns vergönnt sein wird, über die kleinen Zerstreuungen der Gegenwart die großen Sorgen der Zukunft zu vergessen.

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1878, Deutschland, Geschichte, Griechenland, Italien, Österreich, Spanien veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar