Griechischer Kriegsrath

Dieser Artikel wurde 4109 mal gelesen.

Berliner Wespen, 25. Januar 1878

im Lokale des Revolutionscomités.

Lumpokles. Also, Brüder Hellenen, über die Sache selbst wären wir uns nunmehr klar. Wir schlagen los! Es wird gelten, ruhmvolle Thaten, würdig unserer Vorfahren, eines Ephialtes und Herostratos, zu vollbringen. Bleibt noch der zweite Punkt zu erledigen, die Zeit, der Chronos.

Hasipus. Ich für meine Person bin für möglichste Beschleunigung der Sache und möchte daher darauf dringen, spätestens drei Tage nach dem Einzuge der Russen in Constantinopel den Anfang der Einleitung der strategischen Vorbereitungen in’s Auge zu fassen.

Lauphdaphon. Lieben Brüder, laßt Euch warnen. Vorredner geht, wie alle jungen Leute, mit dem Kopf durch die dickste Luft. Die Begeisterung giebt dem Hitzkopfe wahnwitzige Tollkühnheiten ein; wär’s nach ihm gegangen, so hätten wir gleich nach Plevna rebellirt. Es fällt mir nicht entfernt ein, unsere Wehrkraft oder Tapferkeit in Zweifel zu ziehn, aber wir dürfen uns anderseits auch keinen Illnsionen hingeben. Kerle wie die Serben sind wir einmal nicht!

Ausreisstides. Ich meinerseits fürchte die Parallele mit keinem Volke, selbst die mit den Serben nicht; anderseits aber meine ich, wenn die Russen erst Constantinopel haben, können uns die Türken eigentlich nicht mehr viel thun. Verkennen mir die Wichtigkeit dieses Umstandes nicht! Als echte Griechen dürfen wir uns füglich in keine Affaire einlassen, welche nicht den Ruhm unseres Vaterlandes zu erhöhen geeignet ist. Allein, wenn wir bedenken, daß Nichts dem Ruhm mehr im Wege steht als Niederlagen im Felde, und Niederlagen wiederum einzig dadurch hervorgerufen werden, daß man es mit einem Feinde zu thun hat, so folgt mit Nothwendigkeit der Schluß, daß wir Alles zu vermeiden haben, was uns mit feindlichen Massen in Berührung bringen kann, und daß wir daher für unsern Freiheitskampf einen Zeitpunkt wählen müssen, der uns die Siegerschaft im Voraus sicherstellt.

Hasipus. Aber mit wem willst Du denn dann kämpfen, Ausreisstides? Nenne mir den Mann, Andra moi ennepe, der besiegt werden kann, ohne zu existiren!

Ausreisstides. Als ob es Männer sein müßten! Als ob man nicht mit Weibern, Kindern, Greisen, Windmühlen, Schatten und Aehnlichem kämpfen könnte! Die Hauptsache ist, daß wir die Sache mitmachen, ein Hauptquartier haben, möglichst viel Generäle ernennen, Manifeste erlassen, ein Paar neue Orden stiften, lange Telegramme in die Welt schicken und uns ab und zu Salz und Brod reichen lassen. Das Uebrige findet sich.

Asinopulos. Aber das könnten wir doch eigentlich schon jetzt thun; da ja Philippopel, Adrianopel und andere Nopel und Popel bereits gefallen sind, so wäre es ja ein Leichtes ….

(Er wird aus dem Lokal geworfen.)

Hundsphotiades. Der Zwischenfall wäre erledigt. Zur Sache bemerke ich, daß ich mich im Wesentlichen mit den Ausführungen unseres tapfern Ausreisstides einverstanden erkläre und folgenden Antrag zur Abstimmung stelle: „Das Revolutionscomité beschließt die Unabhängigkeit Griechenlands. Wer die Uebermacht des Feindes und die hieraus entspringenden Gefahren und Menschenopfer in Berücksichtigung zieht, wird aufgehängt; die Waffen werden ergriffen in dem Moment, wo der letzte türkische Soldat von den Russen gefangen, getödtet oder verwundet ist.“

Hinterrückles. Ich füge diesem Antrage das Amendement bei „und der letzte türkische Monitor in die Lust gesprengt ist.“

Lumpokles. Und ich ein zweites, nämlich in Anbetracht, daß ein verwundeter türkischer Soldat unter Umständen unsern Unternehmungen Hindernisse in den Weg legen könnte, im Hauptantrage zu sagen: „Die Waffen werden in dem Moment ergriffen, wo der letzte türkische Soldat gefangen oder getödtet ist.“

(Nachdem der Antrag nebst den beiden Amendements durch Hammelsprung zum Beschluß erhoben worden, das nöthige Fersengeld bewilligt und das Hasenpanier entrollt worden ist, trennen sich die Kampfgenossen unter Absingung der Iliade.)

Erläuterung

Nach den Siegen Rußlands im Krieg gegen die Türkei, wird in Griechenland überlegt, nun auch in den Krieg einzusteigen. Es gibt aber zwei Gesichtspunkte, die dagegensprechen: die eher schwache Haushaltslage und die Tatsache, das Griechenland bislang unter dem Schutz Großbritanniens stand, das den Erfolg Rußlands wegen seiner eigenen Interessen im Mittelmeer begrenzen möchte. Die „Berliner Wespen“ machen sich über die zaudernde Haltung mit gleichzeitig großen Ankündigungen lustig. Von der Kampfeskraft der griechischen Armee scheint man auch nicht ganz überzeugt zu sein.

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1878, Berliner Wespen, Geschichte, Griechenland, Krieg, Rußland, Satire, Türkei veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar