13. Im großen Examen (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

Dieser Artikel wurde 2477 mal gelesen.

13. Im großen Examen.

Auf ein Examen rigorosum in des Wortes vollster Bedeutung konnte ich nach Maßgabe meiner Personalakten von vornherein gefaßt sein. Schon an sich war damals das Regierungsassessorexamen sehr weitschichtig, voll Klippen und Untiefen, in welche man auch ohne jedes Verschulden geraten konnte. Das Assessorexamen kostete mich einschließlich des Abwartens der Termine 1 ½ Jahre meines Lebens, von Weihnachten 1862 bis Mai 1864.

Als ich nachher ein freier Mann geworden war, habe ich mich und andere Leidensgenossen für alle Plackereien und Scherereien im Vorbereitungsdienst sattsam entschädigt durch eine genaue Schilderung, welche ich über Mißstände bei der Vorbereitung zum höheren Verwaltungsfach in den „Preußischen Jahrbüchern“ unter meinem Namen veröffentlichte („Preußische Jahrbücher“, Jahrgang 1866, I. Heft). [85]

Die Anregung dazu gaben mir der damalige Direktor des statistischen Bureaus, Dr. Engel, und Dr. Wehrenpfennig, der spätere vortragende Rat im Kultusministerium, welcher zu jener Zeit die „Preußischen Jahrbücher“ redigirte.

Meine Veröffentlichung ist der nachfolgenden Generation zum Nutzen gewesen, denn sie hat, wie ich erfahren, wesentlich mit dazu beigetragen[,] daß die Regierung zunächst 1868 die besondere Ausbildung von höheren Verwaltungsbeamten in der bisherigen Weise einstellte und späterhin im Jahre 1879 durch ein neues Gesetz von Grund aus umgestaltete.

Das Ministerialreskript vom 30. Mai 1868, welches den Regierungspräsidenten untersagte, fernerhin noch Regierungs-Referendarien auszubilden, nahm Bezug teils auf „die Uebelstände, die bei den bisherigen Einrichtungen hervorgetreten waren“, teils auf die Ueberzahl vorhandener unbesoldeter Regierungsassessoren.

An dem neuen Gesetz über die Vorbildung der höheren Verwaltungsbeamten, welche nach mehrjährigen Verhandlungen 1879 zu Stande kam, konnte ich im Abgeordnetenhausse um so lieber mitarbeiten, als dasselbe in vielen Stücken alle jene Vorschläge verwirklichte, welche ich auf Grund meiner eigenen persönlichen Erfahrungen 1866 in den „Preußischen Jahrbüchern“ veröffentlicht hatte. Nur ist meiner Ansicht nach die [86] Beschäftigung der künftigen Verwaltungsbeamten bei den Gerichten noch eine zu lange, dagegen die Beschäftigung auf dem Landratsamt und Bürgermeisteramt viel zu kurz. Die im Domänendezernat beibehaltene Beschäftigung ist nach wie vor zwecklos.

Minister Bosse hat bekanntlich 1867 in einem Vortrage in der staatswissenschaftlichen Gesellschaft zu Berlin lebhafte Klage geführt über die Abnahme des positiven Wissens und eine Zunahme oberflächlichen Aburteilens unter den höheren Verwaltungsbeamten. Gediegene, tiefgründige, auf lebendigem Interesse und Verständnis beruhende wirtschaftliche Arbeit sei so selten, daß jede einigermaßen wertvolle Arbeitsleistung auf diesem Gebiet sofort auffalle.

Auch ich vermag den Rückgang in der Bildung bei den höheren Verwaltungsbeamten nicht zu bestreiten. Nach meinen Wahrnehmungen stehen die höheren Verwaltungsbeamten Preußens nicht entfernt mehr auf derselben Höhe in der Civilverwaltung wie die Offiziere im Militärwesen. Und doch ist für die angehenden Beamten die Gelegenheit zur Ausbildung heutzutage viel reichhaltiger, als es zu meiner Zeit der Fall war. Die Universitäten bieten Gelegenheit, staatswissenschaftliche Vorlesungen aller Art zu hören und an Konservatorien über politische Wissenschaften teilzunehmen. Auch werden die [87] Studenten nicht mehr durch juristische Zwangskollegien am Besuch solcher Vorlesungen behindert. Bei der praktischen Ausbildung ist die Gelegenheit geboten, die Lokalverwaltung und die Kreisverwaltung näher kennen zu lernen.

Wenn trotzdem sich ein Rückgang bemerkbar macht, derart, daß, wie Herr Bosse klagt, es selbst schwer fällt, geeignete Kräfte zur Besetzung der Ratsstellen in den Ministerien zu finden, so müssen die Ursachen tiefer liegen. Der demoralisirende Einfluß, welchen das Regierungssystem des Fürsten Bismarck während einer langen Zeit auf das gesammte innere politische Leben in Deutschland ausübte, konnte auch seine Wirkung auf das Beamtentum nicht verfehlen. Die Art, wie Fürst Bismarck alle selbstständigen Existenzen niederzutreten suchte, mußte den höheren Verwaltungsdienst in erster Reihe nur anziehend erscheinen lassen für oberflächliches Strebertum und schmiegsame Naturen, die ohne eigene selbstständige Ueberzeugung sich jedem höheren Willen und jeder Drehung in der Politik anzupassen im Stande waren. Wer aber eine tiefere politische Bildung und lebendiges Interesse und Verständnis für politische Zeit- und Streitfragen besitzt, kommt auch zu selbstständigen Ueberzeugungen. Solche aber waren im Dienst des Fürsten Bismarck nur ein lästiges Gepäck, welches das Vorwärtskommen erschwerte. [88]

Es wird einer langen Zeit bedürfen, bis die Schädigungen des Bismarckschen Regierungssystems für das höhere Beamtentum überwunden sind. Jedenfalls irrt Minister Bosse, wenn er meint, durch Vermehrung oder Verschärfung der Examen oder durch eine Verlängerung des Universitätsstudiums eine Besserung erzielen zu können. Eine dreijährige Universitätszeit ist lange genug, wenn sie entsprechend benutzt wird. Freilich, wenn man höheren Ortes, allerdings im Widerspruch mit Minister Bosse, der Ueberzeugung Ausdruck giebt, daß ein Studentenkorps der heutigen Art die beste Erziehung gewährt, die ein Mann für sein späteres Leben bekommt, so wird man sich nicht wundern dürfen, wenn sich demnächst noch weniger als bisher für den höheren Verwaltungsdienst leistungsfähigere Kräfte ergeben. Doch ich höre den geneigten Leser bei dieser Abschweifung schon „zur Sache“ rufen.

Heute begnügt man sich bei dem schriftlichen Regierungsassessorexamen mit zwei Aufgaben, für welche man die Zeit von je sechs Wochen für ausreichend erachtet. Zu meiner Zeit dagegen wurden drei schriftliche Abhandlungen verlangt. Entsprechend den Erwartungen, welche man an den Umfang dieser Ausarbeitungen stellte, wurde von vornherein dafür ein ganzes Jahr Zeit eingeräumt. [89]

Die erste Bekanntschaft, welche ich unter meinen Examinatoren damals machte, war diejenige des nachherigen Konsistorialpräsidenten Hegel. Dieser ungleiche Sohn seines berühmten Vaters war zu jener Zeit vortragender Rat im Bureau des Staatsministeriums. Herr Hegel, obwohl konservativer Fanatiker vom Scheitel bis zur Zehe, hat es von 1848 bis 1865 fertig gebracht, in besonderer Vertrauensstellung nacheinander sich zwölf Ministerpräsidenten verschiedener politischer Richtung, von dem Liberalen von Auerswald bis zu Herrn von Bismarck, anzuschmiegen. Hegel war damals Examinator über Volkswirtschaft, obwohl er selbst weder praktisch noch theoretisch jemals eine besondere Kenntnis in volkswirtschaftlichen Dingen verraten hatte.

Als ich während meiner Magdeburger Spukgeschichte zeitweilig auf dem Trockenen saß und der weiteren Entwickelung der Dinge harrte, schrieb ich, teils zu meiner Zerstreuung, teils um die verlorene Zeit durch eine freiwillige Examenarbeit wieder einzuholen, einen kritischen Aufsatz über das preußische Gewerbesteuergesetz, ein politisch gewiß recht unverfängliches Thema. Studien dazu hatte ich schon in Düsseldorf im Anschluß an die Verhandlungen des dortigen Handels- und Gewerbevereins über Gewerbesteuerreform gemacht. Herr Hegel aber lehnte die Anrechnung dieser Arbeit als volkswirtschaftliche [90] Examenarbeit ab, weil er sie für eine gründliche und befriedigende nicht ansehen könne. Otto Michaelis aber, einer der schärfsten und strengsten volkswirtschaftlichen Schriftsteller, der spätere Direktor im Reichsschatzamt, urteilte besser über meine Ausarbeitung und ließ sie in seiner „Volkswirtschaftlichen Vierteljahresschrift“ im dritten Bande des Jahrgangs 1863 unter meinem Namen abdrucken. Das Honorar, welches ich dafür empfing, ließ mich die Zurückweisung Hegels verschmerzen.

Hegel gab mir nun ein anderes volkswirtschaftliches Thema auf, das er allerdings nicht entlegener und entfernter von dem Gesichtskreis eines Regierungsreferendarius hätte aufsuchen können. Das Thema verlangte eine Vergleichung der landschaftlichen Kreditvereine Preußens mit den Hypothekenbanken Frankreichs und Belgiens. Aus eigener Wissenschaft kann ich, namentlich als Rheinpreuße, nicht das mindeste von diesen Instituten, und eine Literatur gab es darüber damals überhaupt noch nicht. Da blieb mir denn nichts anderes übrig, als an die einzelnen Direktoren der Landschaften sowie der Hypothekenbanken im Inland und Ausland Briefe zu schreiben mit der Bitte um Auskunft über ihre Einrichtungen und Verwaltungsergebnisse. Da aber von diesen hochmögenden Direktoren nicht zu erwarten war, daß sie aus gutem [91] Herzen mit dem bedrängten Examinanden in Briefwechsel treten würden, so fingirte ich einen wichtigen Auftrag der Staatsregierung als Anlaß meines Gesuches. Darauf fiel denn auch die Mehrzahl der Direktoren glücklich hinein, insbesondere die Direktoren der französischen und belgischen Banken, die sich unter dem Titel eine Regierungsreferendarius vielleicht etwas vorstellten, was nicht entfernt der bescheidenen Wirklichkeit entsprach.

Herr Hegel war auch mit dieser meiner Arbeit nicht recht zufrieden, erklärte sie aber formell als „immerhin genügend“. Auch diese Arbeit ist nachher in der „Volkswirtschaftlichen Vierteljahrsschrift“ im zweiten Bande des Jahrgangs 1864 unter meinem Namen abgedruckt worden.

Damals wurde auch eine schriftliche Arbeit verlangt zur Darlegung der „allgemeinen wissenschaftlichen Bildung“, was heute nicht mehr der Fall ist. Examinator war der vortragende Rat im Kultusministerium Herr Brüggemann, derselbe, welcher als konservativ-klerikaler Abgeordneter seinerzeit die Verfassungsparagraphen zu Gunsten der konfessionellen Volksschulen redigirt hatte.

Herr Brüggemann brachte die Referendarien damals durch allgemein wissenschaftliche Themata zur Verzweiflung, wie über „die Trunksucht der Schullehrer“ oder über „die Nützlichkeit des Stu-[92]-diums der Musik oder „der Religionswissenschaft auf Universitäten.“ Ich erhielt als Thema „die Entwicklung der politischen Verhältnisse Deutschlands unter dem Kaiser Maximilian I. und deren Bedeutung.“ Ueber Kaiser Maximilian aber wußte ich bis dahin nicht mehr, als ich auf dem Gymnasium in Koblenz seiner Zeit hierüber erfahren hatte. Und dies war wenig genug. Mittels der Bonner Universitätsbibliothek gelang es mir aber, Herrn Brüggemann zu „befriedigen“, obwohl er meiner Arbeit den Vorwurf machte, daß sie die dynastischen Bestrebungen Maximilians zur Vergrößerung der Hausmacht zu sehr hervorgehoben habe im Verhältnis zum Reformeifer des Kaisers in Betreff der deutschen Verfassung.

Das verfänglichste Thema wurde mir aus dem Ministerium des Innern gestellt: „Woran ist die Durchführung der Gemeindeordnung vom 11. März 1850 gescheitert?“ Der Examinator erwartete von mir in Bestätigung der Manteuffel-Westphalenschen Regierungsauffassung die Antwort zu erhalten: Dieses liberale Gestz ist gescheitert, weil eine einheitliche Gemeindeordnung für Stadt und Land und für alle Provinzen Preußens den thatsächlichen Verschiedenheiten nicht Rechnung trägt.

Je mehr ich mich aber in das Studium der Materie vertiefte, desto mehr verstärkte sich bei mir die Ueberzeugung, daß bei gutem Willen [93] das Gesetz in Folge seiner ebenso knappen wie elastischen Bestimmungen auch auf dem platten Lande in den östlichen Provinzen hätte zur Ausführung gelangen können, und daß es deshalb nicht an seinem Inhalt, sondern an dem bösen Willen der ausführenden Organe gescheitert ist, dadurch daß man die politischen Gegner des Gesetzes als Oberpräsidenten und Landräte mit der Ausführung betraute, mit einem Wort, den Bock zum Gärtner bestellte.

Dieser meiner Ueberzeugung gab ich in der Abhandlung einen unverblümten Ausdruck, selbst auf die Gefahr hin der Zurückweisung der Arbeit.

Ich wäre denn auch richtig gepurzelt, wenn nicht der Zensor Geheimrat Wenzel, ein liberaler Herr, dessen Bekanntschaft ich schon aus Anlaß der Spukgeschichte gemacht, seine schützende Hand über mich gehalten hätte. Auf einer bogenlangen Zensur — auf unterirdischem Wege erhielten wir damals Abschriften aller solchen Zensuren — verteidigte Herr Wenzel mich gewissermaßen gegenüber den übrigen Examinatoren. Meine Ansicht sei ja allerdings durchaus unrichtig. Der Gegenstand sei aber durchdacht und fleißig behandelt, auch die Ansichten seien klar und faßlich vorgetragen. In Anbetracht dessen und des mildernden Umstandes, daß ich als Rheinländer die Verhältnisse der östlichen [94] Provinzen aus eigener Anschauung nicht kenne, müsse man die Arbeit doch als ein genügendes Probestück ansehen.

So war ich denn binnen Jahresfrist haarscharf an den Klippen zunächst des schriftlichen Examens vorbeigekommen. Nun erübrigte noch die Ablegung des weitschichtigen mündlichen Examens.

Ich war aber auch im Jahre 1863 weit entfernt gewesen, ganz in diesen Examenarbeiten aufzugehen. Viel lebhafter interessirte mich das damalige Auftreten von Ferdinand Lassalle. Die Opposition dagegen brachte mich zuerst in Verbindung mit Arbeitervereinen. [95]

Dieser Beitrag wurde unter 1892, Bürokratie, Eugen Richter, Geschichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar