Egyptische Finanzen

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Neue Freie Presse, Wien, 25. Januar 1878

[Egyptische Finanzen.] Unser Pariser Börsen-Berichterstatter hat in seinem heutigen Referate erwähnt, das die egyptischen Fonds in Folge einer Correspondenz aus Kairo, die von dem Journal des Débas veröffentlicht wurde, sehr gedrückt waren. Der Tenor dieses offenbar von einer sachkundigen Feder geschriebenen Situations-Berichtes geht dahin. nachzuweisen, daß die Ebbe, welche gegenwärtig in den egyptischen Staatskassen herrscht, nur mit einer neuen, spätestens binnen einem Halbjahre eintretenden Finanzkatastrophe endigen könne. es wird nämlich auf Grund der veröffentlichten amtlichen Ausweise der Staatsschuldenkasse der Nachweis geführt, daß das bedenkliche System der Virements von der egyptischen Finanzverwaltung in ausgedehntestem Maße betrieben worden ist. So hat man, nun den Coupon der privilegirten Obligationen vom 15. October 1877 bezahlen zu können, von den Eingängen für die unificirte 4.250,000 Franrcs wegnehmen müssen. Dieser Vorgang ist zwar ganz correct und in den bestehenden Vorschriften begründet; gänzlich illegal und ungerecht war aber die weitere Operation, welche darin bestand, daß man zur Einlösung des am 15. November fälligen Intercalar-Coupons der unificirten Obligationen nicht weniger als 6.890,000 Francs and den für die Anlehen von 1864, 1865 und 1867 bestimmten Kassenbeständen entnahm, so daß letzlere sich gegenwärtig nur auf 225,000 Francs belaufen. Für die Coupons dieser Anlehen sind aber bis 1. April, 22. Mai und 7. Juli ungefähr 15 Millionen Francs nothwendig; außerdem benöthigt man für die privilegirten Obligationen bis 15. April mehr als 11 Millionen und besitzt für dieselben bis jetzt nur 5 Millionen Francs, und die unificirte Schuld, deren Bedarf am 1. Mai nahezu 54 Millionen Francs beträgt, hatte am 1. Januar absolut gar kein Guthaben, so daß die egyptische Regierung in einem Zeitraume von durchschnittlich vier Monaten mehr als 74 Millionen Francs aufzubringen haben wird. Mit Rücksicht auf den continuirlich weichenden Baumwollenpreis, die quantitativ und qualitativ schlechtere Ernte dieses Jahres und die Aussicht auf eine fast vollständige Mißernte in Ober-Egypten in Folge des niedrigen Standes des Nil, glaubt der Verfasser, der, nebenbei gesagt, früher ein in der egyptischen Finanz-Administration angestellter Beamter ist, nicht, daß die egyptische Regierung in der Lage sein wird, so große Geldmittel aufzubringen, und läßt zwischen den Zeilen durchblicken, daß man schließlich zu dem Mittel einer neuen Zinsen-Reduction seine Zuflucht werde nehmen müssen.

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