Deutsche Gastarbeiterinnen in Frankreich

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Neue Freie Presse, Wien, 26. Januar 1878

[Deutsche Erzieherinnen.] Zur Warnung für deutsche Erzieherinnen ist der Schlesischen Zeitung aus Paris Folgendes geschrieben worden: Es befinden sich gegenwärtig wiederum so viele deutsche Erzieherinnen in Paris, daß nur der kleinere Theil Stellen erhält, so bescheiden dieselben auch ihre Ansprüche stellen mögen. Die meisten Familien schränken jetzt ihre Ausgaben ein, behelfen sich ganz ohne eine solche oder mnit einer Bonne. Erzieherinnen sind hier so gut wie alles Andere ein Gegenstand der Mode und des Luxus. Daher diese Einschränkung selbst bei gutgestellten Familien. Manche Erzieherinnen sind schon sechs bis acht Monate hier, ohne eine Stelle zu finden, leben seither fortwährend in Elend und Noth, oder haben alle Hilfsquellen erschöpft und enorme Schulden angehäuft, müssen schließlich, um nicht zu verhungern, Stellen als Dienstboten annehmen. Eine Lehrerin, die das höhere Examen in Preußen bestanden und dort schon einige Jahre gewirkt, mußte eine Stelle als Kinder- und Aufwartemädchen annehmen. Andere sind gezwungen, „trockene“ Stellen zu 90 bis 100 Francs anzunehmen, während Kost und Wohnung kaum mit 120 Francs zu bestreiten sind. Für die geringste solcher Stellen melden sich dabei noch regelmäßig 30 bis 40 Bewerberinnen mit allen möglichen Empfehlungen. Möchte diese Warnung doch in den betreffenden Kreisen beachtet werden, denn es kommen immer noch mehr dieser armen Geschöpfe hier an, um unabwendbar dem Elend zu verfallen.

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Anmerkung

Der Umtauschkurs liegt bei 0,80 Mark zu 1 Franc. Eine Mark hat (sehr ungefähr) eine Kaufkraft von 10 Euro heute. Es ist nicht angegeben, für welchen Zeitraum die Löhne gelten. Es sollte sich aber um jährliche handeln.

Würde es sich um monatliche Löhne handeln, dann wären das aufs Jahr gerechnet etwa 1000 Mark (100 Franc * 12 = 960 Mark). Dies würde einem deutlich überdurchschnittlichen Einkommen in Deutschland entsprechen, wie es z. B. Industriearbeiter in den großen Städten erreichen können, was aber nicht mit der Behauptung einer Verelendung zusammenpassen würde. Andererseits wären Löhne von 80 und weniger Mark im Jahr extrem niedrig. Vermutlich kommt hier noch Kost und Logis frei hinzu.

Die Grenzen sind für Einwanderer im allgemeinen offen. Auswanderung aus Deutschland ist für Wehrpflichtige beschränkt. Nur Rußland macht die Auswanderung allgemein von einer Genehmigung des Zaren abhängig, was sich aber bei der langen Grenze kaum durchsetzen läßt.

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