Über Victor Emmanuel II.

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Allgemeine Zeitung des Judenthums, 29. Januar 1878

Rom, 17. Januar. (Privatmitth.) An dem Tage, an welchem die sterbliche Hülle des ersten Königs von Italien zur Erde bestattet wird, geziemt es sich wohl, auch an dieser Stelle, ihm ein Wort der Anerkennung und des Dankes aus dem Munde des Judenthums nachzurufen. Es werden für uns auf die Tafeln der Geschichte die Namen der Herrscher mit unvergänglicher Schrift verzeichnet werden, unter deren Regierung der Grundsatz der Glaubens- und Gewissensfreiheit seine Verwirklichung fand durch die Gleichstellung der Juden und des jüdischen Cultus. Die Namen Ludwig Philipp, Leopold I., Victoria, Friedrich Wilhelm IV., Franz Joseph, Victor Emanuel u. A.  werden in unseren Annalen unverlöschlich sein. Aber diese Zusammenstellung zeigt schon, daß das Verdienst dieser Regenten nach der Richtung, von welcher wir hier sprechen, ein nicht ganz gleiches ist. Es geht daraus hervor, daß es immer nur — wenn wir England ausnehmen — het Anfang eines wahren constitutionellen Regimes war, mit welchem auch die wesentliche Gleichstellung ohne Berücksichtigung der Confession eintrat. Wir wollen hier das Verdienst auch des Absolutismus für uns nicht ganz verleugnen. Mit dem absolutistischen Staate trat für die Juden überall wenigstens der Zustand der Sicherheit ein, sowie mildere Verhältnisse, da die geeinigte Centralgewalt viel mehr aus dem Gesichtspunkte des allgemeinen Wohls als aus dem beschränkten des Localinteresses, das noch dazu häufig vom persönlichen Vortheil aus beeinflußt wird, urtheilt. Allein es lag in der Natur dieser Staatsverfassung selbst, zu einer Erfüllung höherer Principien nicht gelangen zu können. Es kam also von vornherein schon darauf an, wie weit ein jeder dieser Fürsten, unter oder mit denen die Umwandlung in eine constitutionelle Verfassung vor sich ging, mit ganzem oder getheiltem Herzen sich derselben unterzog. Noch verschiedener mußten sie aber in dem Punkte der Gleichberechtigung der Juden sein, und es unterscheiden sich daher unter den oben genannten solche, welche im Bereiche der Verwaltung und durch die dieser zustehenden Mittel die Verwirklichung der Gleichberechtigung möglichst beschränkten, von denen, welche den Grundsatz der Religionsfreiheit sofort im ganzen und vollen Umfange angenommen haben. Zu den letzteren gehört der so unerwartet abberufene erste König des geeinten Italiens, Victor Emanuel, und wir haben ihm dies um so höher anzurechnen, als er im Grunde seiner Seele ein sehr aufrichtiger Katholik war, und man doch nicht sagen könnte, daß gerade das italienische Volk von allen Vorurtheilen gegen die Juden frei sei. Unter der Regierung Victor Emanuel’s wurden Juden, nicht bloß vom Volke in das Parlament, in städtische und andere Ehrenämter gewählt, sondern auch zu Staatsämtern jeden Ranges und jeden Zweiges berufen, und vom Könige nicht wenige, auch Rabbiner, durch Ehrenzeichen und Würden ausgezeichnet. Wir hätten eine lange Reihe solcher Männer aus unserem Stamme aufzuzählen, und zwar so viele Beispiele, daß sie mit der Größe der jüdischen Bevölkerung in Italien gar nicht im Verhältniß stehen. Es bezeugt dies von der einen Seite, wie verbreitet jener Umschwung der Dinge die italienischen Juden, in Bildung, Wissen und Befähigung fand; aber auch wie sehr König, Staatsregierung und Volk mit ganzem Herzen in die neuen Zustände eintraten und jede Beschränkung wie jeden heimlichen Vorbehalt von sich wiesen. So können wir auch von unserem mehr persönlichen Standpunkte aus den König Victor Emanuel segnen, und sein Andenken heilig halten. Nach solchem Vorgang ist ein Rückschritt nicht möglich, so lange nicht ein gewaltsamer Umsturz eintrete, und der ist nach menschlichem Ermessen für eine lange Zukunft zur Unmöglichkeit geworden.

Hintergrund

Woran hier unter anderem gedacht ist:

Il 20 settembre 1870 toccò ad un ufficiale ebreo piemontese l’onore di comandare la batteria dei cannoni che aprì una breccia nelle mura di Roma a Porta Pia, con l’annessione della città al Regno d’Italia, terminò il potere temporale dei papi, il ghetto fu definitivamente abolito e gli ebrei equiparati agli altri cittadini italiani.

[Am 20. September 1870 fiel einem piemontesischen jüdischen Offizier die Ehre zu, eine Batterie Kanonen zu befehligen, die eine Bresche in den Mauern von Rom an der Porta Pia eröffnete, mit der Einverleibung der Stadt in das Königreich Italien endete die weltliche Macht der Päpste, das Ghetto wurde endgültig beseitigt und die Juden den anderen italienischen Bürgern gleichgestellt.]

Das Ghetto im Kirchenstaat war das letzte Ghetto in Westeuropa.

Siehe auch:

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