Zwei Träume

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Alexander Moszkowski, 1922

Es ist mir im hohen Grade belehrend,
Ich lese und höre von Träumen fortwährend
Vergnügen bereitend, ja Wonne gewährend.
Was träumen Poeten in glühenden Nächten
Von biegsamen Leibern und goldigen Flechten,
Von huldvollem Nicken und zärtlichem Kosen,
Von glühendem Kuß hinter Veilchen und Rosen!
Ich steh’ mit Gott Morpheus auf schlechterem Fuße,
Nie reicht er die Hand mir zu lieblichem Gruße,
Er hat mich noch niemals so reizend geschaukelt,
Und derlei Phantasmen mir vorgegaukelt;
Ich hab’ überhaupt nur brutto und netto
And Summa Summarum zwei Träume in petto,
In einer Nacht den, in andrer Nacht jenen,
Und beide gehören nicht zu den schönen.
Der eine heißt: Abiturienten-Examen;
Man fragt mich nach Jahreszahlen und Namen,
Auf die ich mich nie zu besinnen vermag,
Das träume ich durch bis zum hellichten Tag.
O dieses Gefrage, o dieses Geprüfe!
Ich wühle in meines Gedächtnisses Tiefe,
Verwechsle den Cyrus mit Xenophon,
Die Katzbach dazu mit dem Rubikon,
Und laß zwischen Römer- und Perserspießen,
Weh mir! den Tilsiter Frieden schließen.
Der Traum, der oft mich geneckt und geschreckt hat,
Hat zahllose Grade, variatio delectat,
Nur eines bleibt gleich in jeglicher Lage,
Ich bin im Maturum, das steht außer Frage,
Ich spüre das gräßlichste aller Dramen,
Die Folter im Maturitätsexamen.
Und ist einmal dieser Spuk nicht vorhanden,
So hält mich der andere Traum schon in Banden:
Ich seh’ mich auf offenen Straßen und Märkten
Im bloßen Hemde, im ungestärkten,
Ich möchte verreisen, ich will in die Fremde,
Und steh’ ans dem Bahnhof im bloßen Hemde,
Die anderen Leute sind alle in Kleidern,
Ich stehe im Hemde und fluch’ meinen Schneidern,
Die anderen gehen in Pelzen und Jacken,
Ich laufe im Hemde und friere am Nacken,
Ich friere besonders auch an den Beinen,
Herrgott, wie konnte ich bloß so erscheinen!
Ich schäme mich tief bis ins Bodenlose,
Ich hab’ nicht einmal eine Unterhose.

Und ob ich’s auch träumte schon tausende Mal,
Das ändert sich nicht, es bleibt immer egal;
Ich mache mein Abiturienten-Examen,
Ich wandle im Hemde vor staunenden Damen,
In dieser spärlichen Alternative
Erschöpfen sich all meine Traummotive.

Doch, daß ich nicht lüge, so sei es gestanden,
Ein dritter Traum war auch noch vorhanden.
Ein einziges Mal! In vergangener Nacht:
Da hab’ ich im Hemd das Examen gemacht.

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